Nr. 40/2015 vom 01.10.2015

«Städte sind wie Brausetabletten»

Für ihren neuen Roman «Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit» wurde Dana Grigorcea, die Zürcher Autorin mit rumänischen Wurzeln, nicht nur in Klagenfurt ausgezeichnet. Seit letzter Woche ist sie auch eine der fünf KandidatInnen für den Schweizer Buchpreis.

Von Anina Ritscher

Für Dana Grigorcea ist ihre Heimatstadt Bukarest wie ein mittelalterliches Palimpsest. Jede Schicht der Vergangenheit dieser Stadt schimmert durch die neuen: Die Gebäude der Zwischenkriegszeit reihen sich an Häuser im sozialistischen Zuckerbäckerstil und Bauten der Gegenwart. Die Schichten der Stadt legen sich für die Autorin auch übereinander, wenn sie durch die Strassen spaziert. Besonders die Zwischenkriegszeit ist ihr dann präsent; ihre Grossmutter hat ihr viel darüber erzählt. Wenn sie durch die Stadt geht, weiss Grigorcea, wo sich 1930 die LiteratInnen trafen und wo man den besten Kuchen kaufen konnte.

Blumenstrauss für die Kartoffelnase

In Grigorceas neuem Roman «Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit» kehrt die Rumänin Victoria nach Bukarest zurück, nachdem sie einige Zeit in Zürich bei einer Bank gearbeitet hat. Sie begegnet ehemaligen Mitschülerinnen, Exfreunden, alten Nachbarn und erinnert sich an ihre Kindheit in der kommunistischen Diktatur. Victoria wandelt durch die beiden Städte, und die Orte, an denen sie vorbeikommt, sind Träger von Erinnerungen: Das Leuchten aus den Spiegeln eines Friseursalons in Bukarest entdeckt sie wieder an einem Sonntagnachmittag im Zürcher «Kafi Schnaps».

Die Menschen aus Victorias Kindheit erzählen ihr Geschichten aus der Zeit vor der Wende, und die Erzählungen vermischen sich mit Victorias eigenen Erinnerungen. Episodenhaft beschreibt der Roman die bedrückende Stimmung in Rumänien kurz vor 1989 und heute. Trotzdem ist das Buch humorvoll und unterhaltsam: Da ist die Erinnerung an Rapineau, der den ersten Farbfernseher im Quartier besass, nur war es kein echter Farbfernseher – der Bildschirm war mit einer dreifarbigen Folie beklebt. Oder der Tag, an dem sie als Pionierin einer Genossin mit Kartoffelnase einen Blumenstrauss hätte überreichen sollen. Die Kartoffelnase gehörte Frau Ceausescu, und diese musste dem Mädchen den Strauss entreissen, denn Victoria wollte die Blumen lieber ihrer eigenen Mutter überreichen.

Die leidenschaftliche Spaziergängerin Grigorcea, die seit acht Jahren in Zürich lebt, wollte herausfinden, wie man über Städte schreiben kann – sie bezeichnet ihren stark autobiografischen Roman als Stadtroman. «Wie von einem unsichtbaren Faden gezogen, gehe ich durch dieselben Strassen, unter den Linden- und Kastanienbäumen, umgehe die angefüllten Gruben, wo sich früher Wasser oder Herbstblätter sammelten und Kinder trampelten, atme an gewissen Hauswänden tiefer ein», heisst es an einer Stelle. Als Studentin und später als Journalistin lebte Grigorcea in Brüssel, Bonn, Paris, Berlin, Athen. Sie hatte nie Mühe, sich an einem neuen Ort heimisch zu fühlen; in den SchriftstellerInnentreffs der neuen Städte fühlte sie sich immer sofort zu Hause. «Städte sind ein wenig wie Brausetabletten. Je besser man sie kennt, desto mehr entfalten sie sich, und überall tun sich neue Räume auf.»

Ihr werde oft gesagt, sie könne nicht über den Kommunismus schreiben, weil sie bei der Wende noch ein Kind war. Mit ihrem Buch wollte die 35-Jährige das Gegenteil beweisen, denn sie habe als Kind viel mehr wahrgenommen, als die Erwachsenen glaubten. Sie schreibt über die Stimmung während der Zeit des Kommunismus, indem sie Dinge anklingen lässt, jedoch nicht ausspricht. Dadurch zeigt sie, was während der Diktatur nicht gesagt wurde und worüber immer noch nicht gesprochen wird.

«Die Eltern lebten in der ständigen Angst, die Kinder könnten sich verplappern», erinnert sich Grigorcea. Ihre eigenen Eltern haben ihr den Weg in die Freiheit ohne viele Worte, dafür in Form von Literaturempfehlungen gezeigt. Scheinbar harmlose Literatur wie zum Beispiel von Jules Verne und Alexandre Dumas hatte eine subversive Kraft: In ihren Büchern erlebe man, so Grigorcea, echte Menschlichkeit, was für eine Diktatur gefährlich sei. Das ist auch der Anspruch, den sie an die Literatur stellt: «Literatur bewahrt einem die eigene Menschlichkeit und kann dazu inspirieren, dass man in seinem Umfeld aktiv wird.» Ihr selber helfe das Schreiben, um «über die Sprache wichtige Dinge, die niemals ausgesprochen wurden, zu entschlüsseln».

Abba und Beatles aus dem Irak

Die Sprache war in ihrer Familie stets wichtig. So schickten ihre Eltern sie auf eine deutsche Schule, da über die russische Sprache, die in den anderen Schulen unterrichtet wurde, die Ideologie der Sowjetunion auf die Kinder übertragen wurde. Und ihre Mutter arbeitete während 25 Jahren als Übersetzerin für Arabisch in Bagdad und Tripolis, wo es in den sechziger und siebziger Jahren viel liberaler zu- und herging als in Bukarest. So gewann die Familie Zugang zur westlichen Kultur über den arabischen Raum. Aus dem Irak brachte die Mutter Abba und die Beatles mit.

Heute hört die Autorin am liebsten Klassik und Pop, aber auch Jazz. «Ein Buch muss wie guter Jazz sein: streng durchkomponiert und mit einem gehörigen Mass an Seriosität, aber gleichzeitig improvisiert und mit spielerischen Elementen ausgestattet.» Dies trifft auch auf «Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit» zu.

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