Nr. 28/2015 vom 09.07.2015

Das fremdenfeindliche Ferienparadies

Die Dominikanische Republik treibt mit Rassenhass haitianische EinwanderInnen und ihre Nachkommen aus dem Land. Rund 40 000 sind schon geflohen.

Von Toni Keppeler

Die angedrohte Massenabschiebung von mehreren Hunderttausend HaitianerInnen aus der Dominikanischen Republik blieb – vorerst – aus. Der als Ferienparadies bekannten östlichen Hälfte der karibischen Insel Hispaniola blieben so ein paar hässliche Schlagzeilen in der internationalen Presse erspart. Aber es gibt noch keine Entwarnung: Die rechtlichen Voraussetzungen, jeden Menschen ohne gültige Papiere zwangsweise ins Nachbarland zu schaffen, sind seit dem 17. Juni gegeben. Und es handelt sich nicht nur um ein paar wenige; es geht um – je nach Schätzung – zwischen 500 000 und 750 000 Menschen. Mindestens 200 000 von ihnen sind in der Dominikanischen Republik geboren und sprechen nur Spanisch und nicht das haitianische Kreyòl.

Im Prinzip müssten mindestens diese als dominikanische StaatsbürgerInnen gelten. Nach dem Gesetz nämlich bekommt jeder die Staatsbürgerschaft, der auf dominikanischem Boden geboren wurde. Einzig für die Kinder von vorübergehend im Land lebenden DiplomatInnen gab es eine Ausnahmeregel. Sie wurden nicht automatisch DominikanerInnen. Das Verfassungsgericht aber sprach in einem Urteil vom September 2013 allen Kindern ausländischer Eltern die Staatsbürgerschaft ab, die nach 1929 im Land geboren wurden. Mit anderen Worten: Wer haitianische Vorfahren hat und noch keine 86 Jahre alt ist, kann abgeschoben werden.

Nach auf das Urteil folgenden internationalen Protesten legte Präsident Danilo Medina ein Programm auf, mit dem Haitistämmige ihren Aufenthalt bis zum vergangenen 17. Juni legalisieren konnten. Unter anderem mussten sie dafür eine Geburtsurkunde vorlegen. Dominikanische Behörden aber verweigern seit Jahrzehnten haitianischen Eltern, ihre Kinder zu registrieren. Deshalb haben diese Nachkommen keinen Ausweis. Viele konnten nicht einmal die Schule besuchen. Für die Behörden existieren sie nicht. Medinas Programm war ein Scheinangebot, dessen Bedingungen nur ein paar wenige erfüllen konnten. Der ohnehin vorhandene Rassismus blieb jedoch angestachelt. So gibt es etwa Fälle von Lynchjustiz gegenüber HaitianerInnen.

Die Regierung streitet ab, die Stimmung in der Bevölkerung bewusst angeheizt zu haben. «Wir werden keine Anschuldigungen wegen Rassismus oder Ausländerfeindlichkeit akzeptieren, sie sind haltlos», sagte der Präsident. Sein Aussenminister Andrés Navarro gab zwar zu, dass seit dem 17. Juni 17 000 HaitianerInnen das Land verlassen hätten, aber das seien «freiwillige Rückkehrer». Das war am 1. Juli, und Haiti hatte bereits über 30 000 Flüchtlinge registriert, die meisten waren aus Angst vor Übergriffen geflohen. Inzwischen dürften es um die 40 000 sein. Haitis Ministerpräsident Evans Paul spricht bereits von einer «humanitären Katastrophe».

Die Abneigung in der heutigen Dominikanischen Republik gegenüber der Nachbarschaft reicht 200 Jahre zurück. Im Westen der Insel hatte eine siegreiche Sklaventruppe bereits 1804 die Unabhängigkeit von der französischen Kolonialmacht erkämpft. Sie hatte Napoleon geschlagen und die damals stärkste Armee der Welt vertrieben. Der Rest der Insel blieb eine spanische Kolonie. Die BewohnerInnen brauchten sechzig Jahre länger und die Unterstützung des freien Haiti, um unabhängig zu werden. Den daraus resultierenden nationalen Minderwertigkeitskomplex bogen die Eliten um in ein Überlegenheitsgefühl. Unterscheidungsmerkmal war und ist die Hautfarbe. Zwar stammen fast alle BewohnerInnen Hispaniolas von SklavInnen ab, die aus West- und Zentralafrika importiert wurden. In Haiti aber gab es viel mehr von ihnen und dazu eine brutale Plantagenordnung. Die Schwarzen blieben unter sich, und sie blieben schwarz. Auf der dominikanischen Seite dagegen fand – wie in allen spanischen Kolonien – eine viel stärkere Durchmischung statt, weshalb die Bevölkerung dort heute im Durchschnitt viel hellhäutiger ist. Viele DominikanerInnen beziehen sich gerne auf ihre «spanischen Wurzeln» und nennen die Nachbarn «Afrikaner».

Wann immer eine Regierung einen Sündenbock brauchte, nutzte sie diese Ressentiments. Am schlimmsten war Diktator Rafael Trujillo, der bei einem Pogrom 1937 innerhalb einer Woche mehr als 30 000 HaitianerInnen abschlachten liess. Sein Grossvater mütterlicherseits freilich war selbst aus dem Nachbarland. Heute spricht Vinicio Castillo, ein einflussreicher Parlamentsabgeordneter der regierenden Mitte-rechts-Koalition, von einer «massiven und unkontrollierten haitianischen Invasion».

Seit Haiti durch die von Frankreich erzwungenen Reparationszahlungen, eine zwanzigjährige US-Militärintervention und eine korrupte eigene Elite zum gescheiterten Staat geworden ist, sind Hunderttausende ins Nachbarland abgewandert. Sie verdingen sich dort bei der Zuckerrohrernte oder auf Baustellen. Sie bekommen in der Regel ein Drittel des Lohns von Einheimischen, aber immer noch mehr, als sie zu Hause verdienen könnten. Den Unternehmen war das lange recht. Doch nun will Medina, ein bislang eher farbloser Präsident, im nächsten Jahr wiedergewählt werden. Er braucht Zustimmung im Volk, und dafür lässt er gerne die HaitianerInnen über die Klinge springen.

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