Nr. 29/2015 vom 16.07.2015

«Es wird nie ein Nullrisiko geben»

Im Zweifel lieber jemanden im Knast behalten, als ihn rauszulassen: In Europa ist der offene Strafvollzug auf dem Rückzug. Und in der Schweiz? Besuch in der offenen St. Galler Strafanstalt Saxerriet und beim ehemaligen Feldprediger, der sie führt.

Von Daniel Ryser (Text) und Florian Bachmann (Foto)

Strafanstaltsdirektor Martin Vinzens blickt zur geschlossenen Übergangsabteilung: «Das Strafbedürfnis steigt massiv an, und der Ruf nach dem Wegsperren verunmöglicht jegliches Differenzieren.»

Als ich ein Knirps war, spielte mittags jeweils ein Sträfling mit mir. Der Mann, ein Journalist, sass das letzte Jahr seiner Strafe wegen einer grösseren Betrugsgeschichte im Saxerriet ab, in Halbgefangenschaft. Morgens verliess er das Gefängnis, um auf der Lokalredaktion des «Werdenberger & Obertoggenburgers», wo mein Vater damals als Redaktor arbeitete, als Korrektor zu arbeiten. Mittags ass er bei uns, nachmittags ging es zurück zur Arbeit, abends dann zurück in den Knast.

Halbfreiheit heisst heute – in Zeiten der allgegenwärtigen Schönfärberei – Arbeitsexternat. Das Prinzip ist dasselbe: Gegen das absehbare Ende einer langen Strafe geniesst ein Häftling die grösstmöglichen Freiheiten; damit soll ihm der Schritt zurück in die Gesellschaft erleichtert werden. Es stehen sich zwei Philosophien gegenüber: Abschreckend soll primär die Strafandrohung sein, sagen die einen, und der Knast soll dazu dienen, die Leute schrittweise zurückzuführen in die Gesellschaft. Es sind die AnhängerInnen des offenen Strafvollzugs. Für dessen GegnerInnen soll auch der Vollzug abschreckend sein, die Öffnung dürfe daher nicht zu früh kommen.

Falsches Bild in den Medien

Wie eine Schule des Verbrechens fühlt sich das Saxerriet definitiv nicht an, noch nicht einmal wie ein Gefängnis. Auf den Dächern nisten Störche, die Leiterin des Pferdehofs führt ein Pferd über den Hof des Männergefängnisses. Am Mittag strömen aus den Werkstätten die Insassen in die Kantine im Hauptgebäude. Die Häuser der NachbarInnen stehen nicht nur in unmittelbarer Nähe zur Strafanstalt, es gibt auch keine Mauern dazwischen. Ein Insasse liess sich kürzlich in den geschlossenen Vollzug zurückversetzen: Die Weite, die Offenheit – jeden Abend denke er über Flucht nach. Er könne damit nicht umgehen.

Kürzlich ist tatsächlich einer abgehauen. Doch er schaffte es bloss bis über das Feld, wo ihn bereits die Polizei erwartete (die im Boden verlegten Induktionsschlaufen, eine Art unsichtbare Mauer, hatten Alarm geschlagen). «Flucht ab Anstalt» heisst das und kommt im Schnitt siebenmal im Jahr vor. Die Leute werden ausgeschrieben und normalerweise in St. Gallen oder in Zürich auf der Gasse aufgegriffen. «Jene, die abhauen, sind in der Regel Insassen, die kurze Strafen verbüssen wegen Bagatelldelikten», sagt Martin Vinzens, der Direktor der Strafanstalt. «Insassen, die nach einer langen Strafe hier die ersten Öffnungsschritte zugesprochen bekommen, fliehen nicht. Die Fluchtgefahr bei solchen Leuten ist gleich null», sagt der 59-jährige Theologe und ehemalige Feldprediger, seit siebzehn Jahren Direktor der 1964 gegründeten offenen Strafanstalt. Manchmal komme es vor, dass sich einer am Sonntagabend entscheide, aus dem Wochenendurlaub nicht zurückzukehren. «Urlaubsversagen» heisst das dann.

«Früher war eine Strafanstalt ein Ort, an dem Ruhe und Ordnung dominierten. Wir sind zur Überzeugung gelangt, dass gewisse Regelverstösse, zum Beispiel Drogenkonsum, in der Arbeit mit den Insassen anders bewertet werden müssen als ständige strategische Anpassung von Insassen, die einfach gut dastehen wollen. Ich meine, zu restriktiver Strafvollzug ist nicht produktiv. Das permanente Zumachen hat keinen guten Effekt auf den Gefangenen. Klar, wenn einer aus einem Hafturlaub nicht zurückkehrt, bedeutet das: Es war faktisch ein Fehlentscheid, aber auch ein Regelverstoss des Gefangenen. Doch es gibt die hundert anderen Male, wo es anders läuft und wo die Gefangenen womöglich denken: Man traut mir das zu. Natürlich, es wäre für uns einfacher, keine Öffnungen zu machen.»

Wenn, wie bei einem Vorfall 2013 in Genf, eine Sozialarbeiterin von einem verurteilten Vergewaltiger ermordet werde, nehme der Druck auf den offenen Vollzug erheblich zu: «Es sind Zeiten, in denen das Strafbedürfnis massiv ansteigt und der Ruf nach dem Wegsperren jegliches Differenzieren verunmöglicht.» Differenzieren heisst für Vinzens zum Beispiel, sich dagegen zu wehren, dass «Risiko» weiter das alleinige dominante Wort im Strafvollzug bleibt, zu dem es 1993, nach dem einschneidenden «Mord am Zollikerberg», geworden ist. «Die Geschichten, die in den Medien gepusht werden, betreffen hochgefährliche Straftäter. Doch von wie vielen Leuten reden wir hier? Von 100 Leuten? 150? In den Medien wird regelmässig das Bild gezeichnet, dass diese hohe Gefährlichkeit und somit auch diese Art von Rückfallrisiko auf alle 7200 Leute zutreffen würde, die in diesem Land inhaftiert sind. Aus der heutigen Sicherung droht eine Übersicherung zu werden, sodass man Leute bestraft und kriminalisiert, die man längst hätte rauslassen oder in den offenen Vollzug verlegen müssen.»

Leben mit Ungewissheiten

Um dem Druck entgegenzuwirken, richtete das Saxerriet eine geschlossene Übergangsabteilung mit siebzehn Plätzen ein: Insassen, die wegen schwerer Delikte geschlossen einsassen, sollen hier während sechs Monaten auf ihre Tauglichkeit für eine schrittweise Öffnung geprüft werden. Jedem fünften wird der Übertritt in den offenen Vollzug verweigert.

Politisch ist das Modell des offenen Strafvollzugs zumindest in der Schweiz nicht wirklich umstritten, in anderen Teilen Europas aber ist es auf dem Rückzug, vor allem in Deutschland. Doch auch in der Schweiz, selbst in der eigenen Haftanstalt, spürt Vinzens, dass Gefangene zu einem immer späteren Zeitpunkt ihrer Haft in den offenen Vollzug überstellt werden «und dass man die Leute ganz allgemein immer seltener zum erstmöglichen Zeitpunkt rauslässt».

«Was mich stört, ist die Tatsache, dass alle, die heute über Strafvollzug referieren, betonen, wie sehr die psychische Auffälligkeit von Straftätern zugenommen habe. Diese Psychologisierung findet ja auf vielen Ebenen statt. Wenn heute ein Schüler eine Scheibe einschlägt, kriegt er eine Anzeige und muss zum Schulpsychologen. Ich halte das für gefährlich. Es darf nicht sein, dass soziale Auffälligkeit plötzlich auch psychische Auffälligkeit bedeutet. Wenn mir hier einer sagt: ‹Ich mag eigentlich nicht arbeiten›, hat der nun eine psychische Störung, oder ist er einfach ein fauler Siech?»

Statt von Risiko redet Vinzens lieber von Ungewissheiten: «Es gibt im Leben Ungewissheiten. Früher, als Theologe, hätte ich gesagt: Es gibt auch noch Geheimnisse. Und ich bin froh, dass man nicht jedes Geheimnis lüften kann. Und dass wir nicht allwissend sind. Jeder Mensch lebt mit Ungewissheiten. Das Schlagwort von Nullrisikotoleranz halte ich für verfehlt. Es wird nie ein Nullrisiko geben. Das ist unsere grosse Herausforderung. Ich bin froh, dass man nicht alles auf Kommastellen voraussagen kann. Im Strafvollzug, und nicht nur dort, wird heute eine falsche Sicherheit suggeriert.» Diese «Risikoidentifikation» sei der Grund, warum man in der Tendenz die Leute weniger schnell in die schrittweise Öffnung lasse. «Doch ein Restrisiko eines ausserordentlichen Vorfalls bei einer Öffnung wird es leider immer geben», sagt Vinzens.

135 Menschen leben im Saxerriet im Schnitt für vierzehn Monate im offenen Vollzug. Jener, der schon am längsten einsitzt, ist seit neun Jahren hier, die meisten bleiben zwischen einem und zwei Jahren. Die Leute arbeiten in den Werkstätten, der Druckerei, der Gärtnerei, der Pferdezucht. Man versucht, die Jobs an den zukünftigen Alltag zu koppeln, selbst bei jenen Ausländern, die nach Verbüssung der Strafe umgehend des Landes verwiesen werden: «Wenn einer, der nachher auf einem Berg im Balkan lebt, uns sagt, er werde dort keinen Strom haben und nur den Acker bestellen können, bilden wir ihn sicher nicht am PC aus.»

Als «Kuschelvollzug» bezeichnen GegnerInnen den offenen Strafvollzug, als «Hotel Strafanstalt».

Als «unabdingbar» bezeichnet ihn hingegen Vinzens. «In diesem Land gilt Niederlassungsfreiheit. Also ist es am besten für einen Insassen und auch für seine zukünftigen Nachbarn, wenn er auf den Zeitpunkt seiner Entlassung sorgfältig vorbereitet worden ist.» Ein zu restriktives Regime, das die Leute bis ans Ende ihrer langen Haft im geschlossenen Vollzug behalte, bestrafe die Leute härter, resozialisiere sie aber nicht.

Als ich die Strafanstalt verlasse, fährt ein Auto vor: eine Frau aus der Region, die im von Gefangenen geführten Laden der Gärtnerei Blumen kauft.

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