Nr. 29/2015 vom 16.07.2015

«Sie tönten an, dass meine Familie Probleme bekommen könnte»

Endili Memetkerim ist das Sprachrohr der UigurInnen in der Schweiz. Er blickt mit Sorge nach China, wo das Regime immer repressiver gegen die muslimische Minderheit vorgeht.

Von Jan JirátMail an Autor:in (Text) und Florian Bachmann (Foto)

In China verboten: Die uigurische Flagge auf dem Smartphone von Endili Memetkerim.

Endili Memetkerim ringt sich ein Lächeln ab: «Als ich 1999 in die Schweiz kam, dachten die Leute, ich käme vom Mond, wenn ich ihnen sagte, ich sei Uigure. Heute wissen sie immerhin, dass es etwas mit China zu tun hat.» Inzwischen hätten die Leute in den Medien über die UigurInnen gelesen. «Allerdings ist der Grund für die Berichterstattung nie positiv», sagt Memetkerim und erinnert an die Proteste in der autonomen chinesischen Region Xinjiang vom Juli 2009, die von Beijing gewaltsam niedergeschlagen wurden.

Zurzeit steht die muslimische Minderheit, die im Westen Chinas lebt, im medialen Fokus, weil Thailand letzte Woche über hundert uigurische Flüchtlinge nach China abgeschoben hat – unter dem offiziellen Vorwand, es handle sich um Dschihadisten. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies der Fall ist, ist minim. Der Grossteil der Abgeschobenen wurde in Südthailand in einem Arbeitslager einer Gummibaumplantage aufgegriffen, wie die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» berichtete. Menschenrechtsorganisationen zeigten sich «schockiert» über die Abschiebung, sonst war kaum Kritik zu hören.

Flucht aus China

Endili Memetkerim kam 1966 in «Ostturkestan» zur Welt, wie er seine Heimat nennt. Er studierte während der achtziger Jahre Human- und Alternativmedizin in der Provinzhauptstadt Ürümqi und arbeitete nach dem Studium für die staatliche Gesundheitsdirektion als Redaktor für medizinische Lehrbücher. 1996 ging er in die Türkei, um dort als Akupunkteur zu arbeiten. «Uigurisch und Türkisch sind verwandte Sprachen – wir sind ebenfalls ein Turkvolk –, deshalb war es kein Problem, mich in Istanbul zurechtzufinden», sagt Memetkerim, der sich damals durchaus vorstellen konnte, länger am Bosporus zu bleiben.

Doch dann kam es im Februar 1997 in der westchinesischen Stadt Gulja bei einer Demonstration von UigurInnen, die mehr Autonomie forderten, zu einer tödlichen Auseinandersetzung mit der chinesischen Armee. Memetkerim nahm an prouigurischen Protesten in Istanbul teil, wo eine grössere uigurische Diaspora lebt. Als er wenig später in seine Heimat zurückkehrte, um seine Familie zu besuchen, begannen die Verhöre auf dem Parteisekretariat, die sich alle paar Wochen wiederholten. Wegen seiner Teilnahme an den Protesten in Istanbul galt er als Landesverräter. Bald verlor er seinen Berufstitel als medizinischer Redaktor. «Ich wurde nicht gefoltert, aber die psychische Belastung war enorm. Sie tönten an, dass meine Familie in Schwierigkeiten geraten könnte», sagt Memetkerim, «ein bekanntes Muster.»

Im März 1998 stieg er in einen Zug nach Kasachstan, von dort aus flüchtete er weiter in die Türkei. Seine Familie liess er zurück. «Die Flucht war einfach, aber teuer. Ich kaufte mir für 500 US-Dollar die gefälschte Arbeitseinladung einer chinesischen Firma, worauf mir die kasachische Botschaft ein Visum ausstellte.» In Istanbul fand er dann eine Stelle als Assistenzarzt in einem Spital. «Gleichzeitig wuchs jedoch der Wunsch, dafür zu sorgen, dass mein Volk atmen kann», sagt Memetkerim. Also zog er im Herbst 1999 in die Schweiz weiter, um die Interessen der UigurInnen hier in der Schweiz zu vertreten und eine Vernetzung aufzubauen.

«Repression in Xinjiang nimmt zu»

Heute ist Endili Memetkerim eingebürgert, er lebt mit seiner neuen Frau, mit der er zwei Kinder hat, im aargauischen Othmarsingen, wo er seit kurzem eine alternativmedizinische Praxis führt. «Mein Ansatz ist eine Kombination aus Alternativ- und Schulmedizin. Ich bin ja ursprünglich Internist, habe mich in der Schweiz aber auf die Alternativmedizin konzentriert, weil es für mich als Asylsuchenden in diesem Bereich Weiterbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten gab», sagt Memetkerim. Die deutsche Sprache habe er sich in jener Zeit nicht zuletzt selbst beigebracht, indem er die Gratiszeitung «20 Minuten» laut vorlas.

Seit über zehn Jahren nun existiert der von Memetkerim gegründete Uigurische Verein der Schweiz, der rund fünfzig erwachsene Mitglieder zählt. Erst letzte Woche hat der Verein in Bern in Gedenken an die Proteste in Xinjiang vor sechs Jahren eine Kundgebung organisiert. Zudem war Rebiya Kadeer, die bekannteste uigurische Aktivistin, schon mehrfach auf Einladung des Vereins an Veranstaltungen in der Schweiz. «Unsere Existenz und unser Schicksal sind nicht mehr ganz unbekannt», sagt Memetkerim. Andererseits hätten die Repression und die Diskriminierung gegen die UigurInnen in China nochmals stark zugenommen. «Als Uigure bekäme ich heute in China kein kasachisches Visum mehr. Zurzeit verschwinden laufend Leute, es gibt Hinrichtungen, die Internetzensur wird verschärft, und aktuell will uns das Regime den Ramadan verbieten.»

Die internationale Kritik an diesem Vorgehen sei nie sehr laut, sagt Memetkerim. Dem Westen seien gute Wirtschaftsbeziehungen mit China zu wichtig.

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