Nr. 33/2015 vom 13.08.2015

Die Kuh, die falsch rechnet

Susi Stühlinger über den neuen Pluralismus in der SVP

Von Susi Stühlinger

Für SVP-Bundesratskandidat Adrian Amstutz, der sich Anfang des Jahres mit dem überzeugenden Slogan «Ich will nicht – weil ich es nicht kann» selbst ins Rennen gebracht hatte, war es an der Zeit, seinen Angriff auf den Sitz von Simonetta Sommaruga medienwirksam zu lancieren. Er würde es clever angattigen und nicht auch noch mit dem bereits omnipräsenten Asylchaos daherkommen. Das sollten doch all die anderen machen – obwohl er auf Wunsch des Parteipräsidenten Toni Brunner in seinem künftigen Amt als Asylminister selbstverständlich mit ebendiesem Chaos aufräumen würde.

Doch in der heissen Phase des Wahlkampfs setzte die Partei auf ein Diversifikationsportfolio, damit sich nicht nur die Leute aus Hagenbuch oder Deitingen mit der SVP würden identifizieren können.

Das neue Schlagwort hiess: Pluralismus. Der Zürcher Kantonalpräsident Alfred Heer schalt Wachhund Willy als «gaga» und forderte, zugunsten der feinsinnigeren Klientel auf dem Zürcher Finanzplatz auch andere Wahlkampfthemen als nur den Ausländer aufzugreifen. Christoph Blochers «Basler Zeitung» demontierte öffentlich den örtlichen Spitzenkandidaten Sebastian Frehner, auf dass ihr niemand vorwerfen konnte, sie kehre nicht auch vor der eigenen Tür.

Und Nationalrätin Andrea Geissbühler aus Lauperswil BE diversifizierte gleich mehrfach: Einerseits bot sie sich als Mitglied von «Junge SVP, SVP Senioren, SVP Frauen, SVP, AUNS» Wählern des ganzen Alters- und Geschlechterspektrums als ideale Option an, andererseits knüpfte sie über den Dachverband Drogenabstinenz Schweiz Kontakte zu verschiedenen christlichen Gruppierungen und neuerdings auch zu Scientology.

Ebendieser Diversifikationsstrategie war es geschuldet, dass Bundesratskandidat Adrian Amstutz zunächst auf ein neues Pferd setzen würde – «ein Pferd», so hatte es ihm Toni im vertraulichen Gespräch erklärt, «das der SVP schon lang ein Dorn im Auge ist»: das Bundesamt für Statistik (BFS), «eine heilige Kuh, die fälschlicherweise über alle Zweifel erhaben ist», wie Amstutz den Presseleuten – die sich allzu oft auch gerne und unkritisch jener Statistiken bedienten – versichern konnte. Denn von den ungenauen Umfragen des BFS profitierten weder Bevölkerung noch Wirtschaft. Vielmehr führte die unsorgfältige Datenerhebung, die oft Handgelenk mal Pi erfolgte, dazu, dass die Politik fehlerhafte Gesetze erliess – ein irreführender Teufelskreis, wie Adrian Amstutz es gerne auszudrücken pflegte.

Wenn das BFS erst einmal abgeschafft war, würden sich die eidgenössischen Parlamentarier endlich ausschliesslich auf die weitaus verlässlicheren Statistiken von Experten wie beispielsweise Nationalrat Walter Wobmann stützen können, dessen Diagramm zuverlässig bald eine Million Muslime prognostizierte.

Die Kampagne lief gut an, bereits waren siebzig Prozent der «Blick»-Leser für eine Abschaffung jenes Bundesamts, das sich vergangenes Jahr im Vorfeld der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative erfrecht hatte, die SVP-Statistiken zur Zuwanderung als «unseriös» abzukanzeln, obwohl sich die parteiinternen Experten doch explizit auf die Datengrundlagen desselben BFS gestützt hatten.

Susi Stühlinger fälscht in ihrer Freizeit Statistiken, die sie mangels Budget nie in alle Haushalte verteilen lässt.

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