Nr. 34/2015 vom 20.08.2015

Kaplans Psalm und Brechners Tücke

Regisseur Álvaro Brechner will tunlichst nicht erwähnen, dass hinter seinem Film «Mr. Kaplan» ein Roman von Marco Schwartz steht. Hinweis auf einen Schwindel.

Von Erich Hackl

Nazijäger in einer geraubten Geschichte: Héctor Noguera als Mr. Kaplan und Néstor Guzzini als Wilson Contreras in Álvaro Brechners Verfilmung von Marco Schwartz’ Roman. Still: Trigon-Film

Der kolumbianische Schriftsteller Marco Schwartz hat einen Roman über seinen Grossvater geschrieben. Einen spannenden, der vor Witz und Weisheit sprüht, dabei lapidar erzählt wird und von einem betagten polnischen Juden handelt. Schwartz nennt ihn Jacobo Kaplan, dichtet ihm eine glorreiche Vergangenheit als Inhaber des Damenmodengeschäfts Rebeca an und versetzt ihn in eine geschäftige Stadt an der Karibikküste, unter der wir uns Barranquilla – wo der Autor geboren und als Chefredaktor der Zeitung «El Heraldo» zurzeit auch tätig ist – vorstellen dürfen.

Dann sät er Zwietracht zwischen Kaplan und seiner Gemeinde: Der Rabbiner predigt neumodischen Quatsch, windige Geschäftemacher korrumpieren ihre Glaubensbrüder mit dicken Geldbündeln und schlechten Manieren, und die wenigen rechtschaffenen Alten, mit denen Kaplan einmal die Woche im jüdischen Klub Domino spielt, machen sich hinter seinem Rücken über ihn lustig: weil sein älterer Sohn eine verkrachte Existenz ist; weil sich dessen Tochter mit einer Palästinenserin anfreundet; weil der einzige Enkel gar eine Goje, eine Nichtjüdin, geheiratet hat.

Kern nicht erfasst

Das alles bekümmert Kaplan. Er wittert Abhilfe, als im Radio von einem Nazinetzwerk die Rede ist, angeführt von einem deutschen Professor, der im brasilianischen Urwald hocken soll, aber vielleicht ganz in der Nähe sein Unwesen treibt. In einem Kneipenbesitzer am Strand, den alle nur El Alemán nennen, glaubt Kaplan den Nazi zu erkennen und will ihn mithilfe eines trinkfreudigen, tollpatschigen und begriffsstutzigen Polizisten nach Israel entführen. Das würde, denkt er, seiner Familie mit einem Schlag zu Ruhm und Ansehen verhelfen, ihn selbst mit Gott versöhnen.

Der turbulente Roman endet ganz anders, als es sich sein Held vorgestellt hat, und erscheint 2006 unter dem Titel «El salmo de Kaplan» in einem spanischen Verlag und in der Übersetzung von Jan Weiz und Peter Schultze-Kraft jetzt auch auf Deutsch.

Bald nach Erscheinen der Originalausgabe liest der uruguayische Regisseur und Produzent Álvaro Brechner den Roman, offenbar mit wachsender Begeisterung, und beschliesst, ihn zu verfilmen. Dafür verlagert er den Schauplatz von der Karibik an den Río de la Plata, nach Montevideo, wo er sich auskennt. Ansonsten hält er sich eng an die Vorlage, nur gelingt es ihm nicht, den Kern der Geschichte zu erfassen. Denn Schwartz ist es um mehr als um Unterhaltung gegangen; anhand der Gewissensnöte seines Helden zeigt er, wie sinnlos eine religiös oder kulturell begründete Gemeinschaft wird, wenn sie Bedrängten keinen Halt gibt, sondern nur noch der Sicherung von Herrschaft dient. Ihre Traditionen, ihre Riten, ihre Gebote sind hinfällig geworden. Wer das ahnt, aber nicht akzeptiert und im Zwiespalt Gott anruft, findet ein tragikomisches Ende: Kaplan hat sich nicht nur im Nazi geirrt (wie und warum, wird hier nicht verraten), sondern hält seinen letzten Atemzug, der ihm als beseeltes Wesen erscheint, für den Engel des Herrn, nimmt ihn in den Würgegriff und verlängert damit den eigenen Todeskampf.

Hinweis erst auf Druck

Solche Missverständnisse hätte ein Woody Allen in Höchstform in Szene setzen können: Brechner versucht es erst gar nicht. Sein Drehbuch ist grob gestrickt, entsprechend unsicher die Regie. Oft hat man den Eindruck, die beiden Hauptdarsteller Héctor Noguera als Kaplan und Néstor Guzzini als Polizist Contreras wüssten nicht recht, was sie eigentlich tun, wie sie Gedanken und Gefühle zur Schau stellen sollen. Diese Unschlüssigkeit wird durch die aufdringlich banale Filmmusik von Mikel Salas noch verstärkt. Umso erstaunlicher, dass der Film, der in der Schweiz unter dem schlichten Titel «Mr. Kaplan» in die Kinos kommt, im Vorjahr für den spanischen Goya und als Kandidat Uruguays für den Auslandsoscar nominiert wurde. Er ging in beiden Fällen leer aus und verschwand in Spanien wie in Lateinamerika rasch aus den Kinos.

Bleibt die Frage, welcher Teufel Brechner geritten hat, dass er die Romanvorlage die längste Zeit verschwiegen hat. Dabei hatte er sich beim Erwerb der Filmrechte verpflichtet, sowohl in der Promotion als auch in den Credits, und zwar prominent im Vorspann, darauf hinzuweisen, dass sein Film auf dem Roman von Marco Schwartz beruht. Dem ist Brechner nicht nachgekommen. Nur im Abspann, weit hinten und winzig klein, fand sich der Verweis «auf ein Werk von Marco Schwartz». Dass «Kaplans Psalm» wenigstens in Deutschland, Österreich und der Schweiz – wo der Film diese Woche anläuft – im Vorspann erwähnt wird, ist der Intervention des Übersetzers Schultze-Kraft geschuldet. Auf Schwartz’ Reklamation, Ende letzten Jahres, hatte ihm zufolge eine Vertreterin von Brechners Produktionsfirma noch geantwortet: «Steck dir deine Eitelkeit in die Hosentasche!»

Auch in Interviews hat Brechner den Roman, nach einer Wortschöpfung seines Landsmannes Eduardo Galeano, «verniemandet» – in einem Dutzend Zeitungen und Rundfunkanstalten fehlt jeder Hinweis darauf. Im Pressedossier der Schweizer Verleihfirma Trigon-Film schreibt Brechner, sein Grossvater – und nicht «Kaplans Psalm» – habe ihn zur Hauptfigur inspiriert. «Somit begann ich, meine eigenen Erinnerungen an meinen Grossvater mit fiktionalen Elementen zu kombinieren, und erschuf mit Jakob Kaplan einen Patriarchen ohne Patriarchat.» Leider ist diese Schöpfungsfantasie zu schäbig, als dass sie Marco Schwartz zu einem neuen Roman inspirieren könnte: «Brechners Tücke».

Rechtliche Schritte will Schwartz übrigens nicht unternehmen. «Por tedio», aus «Überdruss»: Er hat keine Lust, sich mit Brechner in einem womöglich jahrelangen Verfahren auseinandersetzen zu müssen.

«Mr. Kaplan» läuft am Donnerstag, 27. August 2015, 
in den Schweizer Kinos an. «Kaplans Psalm» 
ist bei Hentrich & Hentrich in Berlin erschienen, 
197 Seiten, 28 Franken.

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