Nr. 36/2015 vom 03.09.2015

Impotente Regenwürmer im Ackerboden

Es fördert wahrscheinlich Krebs, schädigt das Bodenleben und erhöht das Risiko für Gewässerverschmutzung: Immer mehr Fakten sprechen gegen das Herbizid Glyphosat. Trotzdem unterstützt die Schweiz Anbauverfahren, bei denen es eingesetzt wird.

Von Bettina Dyttrich

Auf dem Acker, im Rebberg oder auf dem Gartenweg: Glyphosat macht unerwünschten Kräutern den Garaus. 1974 brachte der US-Konzern Monsanto das Gift unter dem Namen Roundup auf den Markt, heute ist es das beliebteste Herbizid der Welt. Und umstritten wie noch nie: Diesen Frühling stufte die IARC, die Krebsforschungsagentur der Weltgesundheitsorganisation, Glyphosat als wahrscheinlich krebserregend ein. Seither tobt der Forschungsstreit. Noch dieses Jahr entscheidet die EU-Kommission, ob das Herbizid in der EU zugelassen bleibt.

Ende Juli meldete das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW), es betrachte Glyphosat-Rückstände als «gesundheitlich unbedenklich»; die IARC leite ihre Folgerungen «aus zahlreichen Einzelbefunden aus wissenschaftlichen und halbwissenschaftlichen Studien ab». Das Herbizid sei wichtig für bodenschonende pfluglose Anbauverfahren, die die Bodenfruchtbarkeit förderten.

Fast niemand ohne Gift

Bodenschonend? Tatsächlich hat der Verzicht auf den Pflug viele Vorteile: Der Boden wird viel weniger von Wasser und Wind abgetragen, der Humusgehalt nimmt zu und damit auch die Kohlenstoffspeicherung – ein Beitrag zum Klimaschutz. Und die Regenwürmer bleiben ungestört – sie halten den Boden durchlüftet, ihr Kot ist beste, fruchtbare Erde, und sie können sogar Schadstoffe abbauen. Je nach Jahreszeit kann ein Pflug unter ihnen ein regelrechtes Massaker anrichten.

Daher fördert der Bund die reduzierte Bodenbearbeitung. Seit 2014 gibt es dafür sogenannte Ressourceneffizienzbeiträge. Doch die Erfolgsgeschichte hat einen Schönheitsfehler: Fast immer ist die reduzierte Bodenbearbeitung mit einem Glyphosat-Einsatz verbunden. Zwar hat das BLW die Dosis auf 1,5 Kilo Wirkstoff pro Hektare und Jahr beschränkt, und wer ganz auf Herbizide verzichtet, bekommt Zusatzbeiträge. Nur macht das fast niemand. Das zeigen die Zahlen, die das BLW am 27. August präsentierte: Knapp 5000 Bauernbetriebe haben insgesamt 18 800 Hektaren für die reduzierte Bodenbearbeitung angemeldet. Davon sind nicht einmal 1300 Hektaren herbizidfrei.

Die grosse Frage bleibt: Überwiegen die positiven Effekte der reduzierten Bodenbearbeitung auch, wenn das Bodenleben eine Glyphosat-Dusche bekommt? Eine neue Studie der Universität für Bodenkultur Wien zeigt, dass die Schäden grösser sind als angenommen. Glyphosat macht die grossen, tief grabenden Regenwürmer apathisch, und die flach grabenden Regenwürmer bringen nur noch halb so viele Nachkommen zur Welt. Die gleiche Studie zeigt auch, dass Glyphosat das Risiko der Nitrat- und Phosphatauswaschung – und damit der Gewässerverschmutzung – stark erhöht.

«Zielkonflikt»

«Nach diesen deutlichen Ergebnissen sollten die Ressourceneffizienzbeiträge neu beurteilt werden», sagt Paul Mäder, Bodenspezialist am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick. Er gibt aber zu bedenken: «Auch konventionelle Bauern, die pflügen, brauchen Herbizide. Besser reduzierte Bodenbearbeitung und Herbizideinsatz als Pflug und Herbizideinsatz.» Noch besser für den Boden sei die Kombination von reduzierter Bodenbearbeitung und Bio. «Ganz ohne Bearbeitung geht es im Biolandbau nicht, da sonst das Unkraut überhandnimmt. Doch die Mulchsaat, bei der der Boden oberflächlich bearbeitet wird, bringt ermutigende Resultate.»

Aber eben: Fast alle, die den Boden reduziert bearbeiten, brauchen Glyphosat. Es gebe hier einen Zielkonflikt, räumt BLW-Vizedirektor Christian Hofer ein. «Aber es kann nicht die Lösung sein, überall, wo es einen Zielkonflikt gibt, nichts zu tun.» Die reduzierte Bodenbearbeitung habe nur einen kleinen Anteil am Glyphosat-Verbrauch, ergänzt BLW-Mitarbeiterin Eva Wyss. Und das «Totspritzen» von Getreide zur Reifebeschleunigung kurz vor der Ernte sei in der Schweiz verboten. Das stimmt alles, doch die Tatsache bleibt: Der Bund fördert ein Verfahren, das direkt mit dem Einsatz von Glyphosat verbunden ist.

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