Nr. 37/2015 vom 10.09.2015

Die nukleare Gefahr jenseits des Iran

Das atomare Wettrüsten zwischen Indien und Pakistan könnte leicht eskalieren, wie die Kriegsdrohungen der letzten Wochen zeigen. Höchste Zeit, Nuklearwaffen global zu kontrollieren.

Von Markus Spörndli

Indien und Pakistan haben seit ihren Staatsgründungen von 1947 eine eigenwillige Tradition begründet: Alle ein bis zwei Jahrzehnte ziehen sie gegeneinander in den Krieg, vier Mal bis heute. Und meistens geht es dabei um das eigentlich souveräne, aber seit dem Ersten Indisch-Pakistanischen Krieg (1947–1949) geteilte Himalajagebiet Kaschmir. Zuletzt lieferten sich die beiden Länder 1999 in dem von Indien verwalteten Kargil-Distrikt Kaschmirs einen kurzen Hochgebirgskrieg, der in einem Patt endete. Rund tausend Soldaten kamen dabei ums Leben.

In den letzten zwei Wochen haben die politischen Eliten Indiens und Pakistans viel getan, um einem fünften Krieg den Weg zu ebnen. Vielleicht ist das in der westlichen Presse deshalb kaum ein Thema, weil es in Kaschmir, dem militarisiertesten Gebiet der Welt, zur Tradition geworden ist, dass die indischen und die pakistanischen Truppen immer mal wieder ein paar Mörsergranaten oder wenigstens Gewehrsalven über die Waffenstillstandslinie feuern.

Der Schusswechsel vom 28. August fiel dann aber doch aus dem Rahmen der üblichen Provokationen. Es war der blutigste Vorfall seit dem Waffenstillstandsabkommen von 2003. Mindestens elf ZivilistInnen wurden getötet, acht davon auf pakistanischer Seite; über fünfzig Menschen wurden zum Teil schwer verletzt. Für die pakistanische Politik und die Presse war klar, dass die indischen Grenztruppen gezielt Dörfer beschossen. Gemäss offizieller indischer Version reagierten diese nur auf pakistanische Grenzverletzungen und die «Infiltration von Terroristen».

Der pakistanische Verteidigungsminister Khawaja Asif reagierte sofort. «Wenn uns ein Krieg aufgezwungen wird, werden wir zurückschlagen», sagte er nach einem Besuch bei Verletzten. Der indische Armeechef Dalbir Singh Suhaag antwortete indirekt, dass sich das Land auf «kurze zukünftige Kriege» durch «hohe operationelle Bereitschaft» vorbereite. Sein pakistanischer Amtskollege Raheel Sharif (der zusammen mit dem Premierminister faktisch das Land lenkt) nahm den Steilpass auf und drohte, dass «der Feind» für einen «kurzen oder langen Krieg» einen «untragbaren Preis» bezahlen müsste. Damit spielte General Sharif auf die Möglichkeit an, von seinem Atomwaffenarsenal Gebrauch zu machen.

Der Austausch solcher Drohungen auf höchster Ebene beunruhigt selbst eine Beobachterin, die die seit 68 Jahren aus innenpolitischen Gründen gepflegte Feindschaft aus der Nähe verfolgt: Samina Ahmed, die Südasiendirektorin der Brüsseler Krisenpräventionsorganisation International Crisis Group. «Das ist überhaupt kein ‹business as usual›», sagt sie in ihrem Büro in Islamabad. «Es gibt die Gefahr einer ungewollten Eskalation, so wie sie auch allen früheren Kriegen zwischen Indien und Pakistan vorausgegangen war.»

Heute kommt hinzu, dass beide Länder Atommächte sind, wobei sie aber keine institutionellen Kommunikationskanäle unterhalten. Präzedenzfall ist der Kargil-Konflikt von 1999 – weltweit der bisher einzige konventionelle Krieg, bei dem sich zwei Atommächte direkt gegenüberstanden. Im Jahr zuvor hatte Indien sein nukleares Waffenarsenal in fünf Tests ausprobiert, nur zwei Wochen danach stellte Pakistan seine nukleare Macht in sechs Tests zur Schau. In den knapp drei Monaten des Kargil-Kriegs verschob Pakistan Atomwaffen in Grenznähe und drohte mit deren Nutzung; Indien versetzte wahrscheinlich ebenfalls nukleare Sprengsätze in Bereitschaft. Schliesslich schreckten beide Seiten vor einer weiteren Eskalation zurück. Ein ungewollter Nuklearkrieg hätte aber aufgrund von fehlendem Vertrauen und Missverständnissen zustande kommen können.

Heute ist die Situation nicht besser als 1999. Der zwischenzeitlich hoffnungsvolle Verständigungskurs beider Länder erlitt unmittelbar vor dem jetzigen Konflikt einen herben Rückschlag. Die für Anfang September geplanten Gespräche zwischen den sogenannten Nationalen Sicherheitsberatern beider Staaten sagte Islamabad wieder ab, weil Delhi dabei nur über «Terrorismus» reden wollte und nicht auch über Kaschmir. Verschärft wird die heutige Situation dadurch, dass Pakistan sein fünfmal grösseres Nachbarland im atomaren Wettrüsten bereits überholt hat. Gemäss einem jüngst publizierten Bericht der beiden US-Thinktanks Stimson Center und Carnegie Endowment for International Peace könnte Pakistan in den nächsten fünf bis zehn Jahren gar zur drittgrössten Atommacht der Welt aufsteigen.

Das nukleare Eskalationspotenzial in Südasien wirft auch ein schlechtes Licht auf den Stand der globalen Abrüstungsbemühungen. Anstatt die eigenen Arsenale weiter abzubauen und Atomwaffen längerfristig zu kontrollieren oder gar zu verbieten, konzentrieren sich Staaten wie die USA oder Britannien heute einseitig auf die Terrorgefahr. Gleichzeitig wird suggeriert, die Nukleargefahr sei durch das Atomabkommen mit dem Iran kleiner geworden.

Das stimmt bezüglich des Iran, aber sicher nicht global. Gleich in der iranischen Nachbarschaft findet ein atomares Wettrüsten statt, das an Irrationalität und damit an Gefährlichkeit schwer zu überbieten ist.

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