Nr. 01/2016 vom 07.01.2016

Gefangen in vorgestellten Gemeinschaften

Millionen Vertriebene, ideologischer Radikalismus und Abspaltungstendenzen: Auf dem indischen Subkontinent zeigen sich negative Konsequenzen von Nationenbildung und Nationalismus in fast idealtypischer Weise.

Von Markus Spörndli

Südasien 1947 Karte: WOZ

Der vor wenigen Wochen verstorbene Historiker Benedict Anderson hat den Begriff der Nation als «imaginierte Gemeinschaft» geprägt (siehe WOZ Nr. 51/2015). Schon bei den kleinräumigen, relativ homogenen Nationalstaaten Europas ist es ein erstaunliches Phänomen, dass Millionen Individuen ihre eigentlich anonyme Gesellschaft mit einer erfundenen, verbindenden Gemeinschaft – der Nation – gleichsetzen. In Südasien nimmt dieses Phänomen noch einmal ganz andere Dimensionen an. Allein in Indien sollen damit 1,3 Milliarden Menschen vereint werden, obwohl sie über hundert verschiedene Sprachen sprechen und ebenso vielen Ethnien sowie verschiedensten Religionen angehören.

Die Nationenbildung auf dem Subkontinent, die erst vor siebzig Jahren angefangen hat und möglicherweise noch nicht abgeschlossen ist, forderte Millionen von Vertriebenen und Toten. Die Teilung von Britisch-Indien 1947 führte in den daraus entstandenen Nationalstaaten Indien und Pakistan zu einem aggressiven Nationalismus, der sich in bisher vier Kriegen, permanenten Grenzscharmützeln und einem atomaren Wettrüsten entladen hat. Zudem sorgte der Nationalismus in beiden grossen Ländern dafür, dass Minderheiten, die nicht dem Idealbild der «imaginierten Gemeinschaft» entsprechen, diskriminiert werden, was wiederum regionalen Nationalismus und Abspaltungstendenzen begünstigt.

Kurz: Auf dem indischen Subkontinent lassen sich negative Konsequenzen von Nationenbildung und Nationalismus fast idealtypisch studieren.

Zwei Nationalstaaten in einer Nacht

Bereits im 19. Jahrhundert gab es in Britisch-Indien, das sich im Westen bis zum Iran, im Osten weit ins heutige Myanmar hinein erstreckte, eine indische Nationalbewegung. Sie wurde 1885 im Indischen Nationalkongress (INC) institutionalisiert und bestand aus zwei Hauptströmungen: die der HindunationalistInnen, die die Vorherrschaft der hinduistischen Mehrheitsbevölkerung sicherstellen wollten, und jene der MultikulturalistInnen, denen ein unabhängiger Staat aus gleichberechtigten ethnoreligiösen Gemeinschaften vorschwebte. Ab 1906 kam neben dem INC noch eine weitere grosse Nationalbewegung hinzu: Die Muslimliga vertrat die Position, dass Hindus und MuslimInnen «zwei Nationen» bildeten. Sie forderte dementsprechend einen muslimischen Staat – wobei sie es lange im Unklaren beliess, ob damit ein unabhängiger Nationalstaat oder ein Bundesstaat innerhalb von Indien gemeint war. Von dieser Idee liess sich auch der frühere INC-Politiker Muhammad Ali Jinnah beeinflussen, der ab 1913 der Muslimliga vorstand. Ursprünglich hatte sich Jinnah für eine Einheit von MuslimInnen und Hindus starkgemacht, um gemeinsam die Unabhängigkeit Indiens zu erreichen. Er kam jedoch nach und nach zum Schluss, dass sich muslimische Interessen im INC nicht durchsetzen liessen.

Obwohl sich im INC letztlich nicht die HindunationalistInnen durchsetzten, sondern mit Mahatma Gandhi und Jawaharlal Nehru die religiösen beziehungsweise säkularen MultikulturalistInnen, forderte Jinnah im Lauf der vierziger Jahre immer stärker die Bildung eines muslimischen Nationalstaats namens Pakistan. Gut möglich, dass er dies nur als Maximalforderung in die Aushandlung einer postkolonialen Ordnung mit dem INC einbringen wollte, aber eigentlich keine radikale Teilung anstrebte. Und schon gar keine Feindschaft: In einem Interview am Tag der Teilung gab er zu Protokoll, dass er sein Haus in Bombay behalten werde, um nach seiner Pensionierung dort hinzuziehen.

Dabei waren vor allem im Punjab schon Wochen vorher Pogrome und Gewaltausbrüche zwischen Hindus, MuslimInnen und Sikhs aufgeflackert, die dazu führten, dass vielerorts die öffentliche Ordnung zusammenbrach. Der Grund dafür lag darin, dass sich Anfang Juni 1947 Jinnah, Nehru und der britische Regierungsvertreter Louis Mountbatten auf eine Teilung geeinigt hatten. Aufgrund der bürgerkriegsähnlichen Entwicklungen zog sich Britannien früher als geplant aus dem Subkontinent zurück: Punkt Mitternacht am 15. August 1947 entstanden so zwei neue unabhängige Grossstaaten.

Unmittelbar danach kam es zu einer in der Menschheitsgeschichte beispiellosen Flüchtlingskatastrophe: Etwa 14,5 Millionen Hindus, MuslimInnen und Sikhs wurden sogleich umgesiedelt, deportiert oder vertrieben. In den nächsten Monaten folgten weitere rund 4 bis 5 Millionen Menschen, die von Indien nach Pakistan oder von Pakistan nach Indien übersiedelten. Zum Vergleich gab es während der Jahre des Zweiten Weltkriegs global etwa doppelt so viele Flüchtlinge. Gleichzeitig kam es beiderseits der Grenze vielerorts zu massiven Gewaltausbrüchen und Massakern, die bis zu einer Million Tote forderten.

Separatistische Tendenzen

Indien war als offizieller Nachfolgestaat von Britisch-Indien nicht nur institutionell gegenüber Pakistan bevorteilt, indem es etwa grosse Teile der früheren Staatsstrukturen übernehmen konnte. Das Land war auch erfolgreicher darin, eine nationale Identität zu schaffen: namentlich über seinen demokratischen Charakter, was in Südasien ein einmaliges Identifikationsmerkmal war. Pakistan versuchte sich hingegen als «Islamische Republik» und mit Urdu als nationaler Sprache zu definieren, obwohl diese nur von zehn Prozent als Muttersprache gesprochen wurde. Der religiöse Nationalismus war eine Kopfgeburt, weil sich viele BürgerInnen viel stärker über ihre Sprache, Ethnizität oder Kultur definierten.

So war der bengalische Nationalismus im durch Indien vom restlichen Pakistan getrennten Ostflügel nur eine Frage der Zeit: Anfang der siebziger Jahre erklärten die bengalischen NationalistInnen den «Befreiungskrieg» und gründeten den neuen Nationalstaat Bangladesch. Das war auch eine Folge der systematischen Vernachlässigung durch den Zentralstaat: Der Ostflügel erhielt vom staatlichen Budget nicht einmal dreissig Prozent, obwohl dort die Mehrheit der Bevölkerung lebte. Die vom pakistanischen Militär versuchte Niederschlagung der separatistischen Tendenzen wird heute als Genozid anerkannt. Dabei starben Hunderttausende; Millionen flohen nach Indien.

Seit dem Wegfall des Ostflügels ist das verbliebene heutige Pakistan zwar etwas homogener, doch der Islam funktioniert noch schlechter als Generator nationaler Identität. Denn nicht nur gibt es weiterhin verschiedenste lokale Praktiken des Islam – hinzu kommt, dass der Einfluss des intoleranten saudischen Wahhabismus seit einigen Jahren stark zunimmt, während die rund zwanzig Millionen SchiitInnen vom Nachbarland Iran vereinnahmt werden. Mit der Unterstützung islamistischer Terrorgruppen, die in Indien und Afghanistan pakistanische Interessen verfolgen sollten, hat sich der politisch-militärische Komplex in Islamabad zudem ins eigene Fleisch geschnitten: Diese wenden sich längst auch gegen die pakistanische Staatsgewalt. Und in der Provinz Belutschistan, die über vierzig Prozent des pakistanischen Territoriums ausmacht, nehmen nationalistische und separatistische Tendenzen seit Jahren dramatisch zu.

Derweil kämpft Indien ebenfalls schon lange mit separatistischen Bewegungen, vor allem im Nordosten (Assam, Nagaland, Tripura) und im Nordwesten (Kaschmir), aber auch im indischen Teil des Punjab. Und auch der Hindunationalismus hat eine Renaissance erlebt. Institutionalisiert hat er sich in der mittlerweile grössten, die Zentralregierung stellenden Bharatiya Janata Party (BJP). Damit hat sich ein gefährlicher, gegen die indischen Minderheiten gerichteter Chauvinismus breitgemacht. Lynchmorde an MuslimInnen haben in den letzten Monaten drastisch zugenommen.

Zelebrierung von Gefahren

Unter diesen Umständen ist das Zelebrieren einer äusseren Gefahr für beide Länder ein willkommenes Mittel, um die nationale Identität zu erhalten. Seit der Teilung wird deshalb die Feindschaft zwischen Indien und Pakistan kultiviert. Schon viermal bekriegten sich die beiden Staaten. Dabei ging es dreimal um das geteilte, von beiden Staaten beanspruchte Kaschmir; einmal, 1971, half die indische Armee bei der Gründung Bangladeschs mit.

Beide Staatsführungen bauten riesige Atomwaffenarsenale auf, die keinen andern Zweck haben, als das jeweils andere Land in Schach zu halten. Besonders das bevölkerungsmässig fünfmal kleinere Pakistan arbeitet sich manisch am gigantischen Nachbarn im Osten ab – kein Wunder, ist sein Atomprogramm bereits grösser als dasjenige Indiens. Das teure Wettrüsten findet zwar in zwei Staaten statt, die zusammen 37 Prozent der weltweit ärmsten Menschen beherbergen, aber entwicklungspolitische Einwände haben wenig Gewicht, wenn es um den nationalen Zusammenhalt geht.

Trotzdem gibt es auch positive Signale. Nachdem es noch Ende August ausserordentlich starke Grenzverletzungen und gegenseitige Kriegsdrohungen gab (siehe WOZ Nr. 37/2015), haben sich Indien und Pakistan Mitte Dezember überraschend darauf geeinigt, «umfassende Friedensgespräche» wiederaufzunehmen. Offenbar haben die beiden Regierungen gemeinsame Interessen erkannt – insbesondere die Stabilisierung Afghanistans. Bisher haben die beiden Länder dort einen Stellvertreterkrieg ausgetragen: Pakistan unterstützte die Taliban, während Indien die gegnerische Vereinte Front bewaffnete. Doch je länger das Land im Kriegszustand verbleibt, desto mehr TerroristInnen wird es produzieren, die dann für Indien wie Pakistan eine Bedrohung darstellen. Am Neujahrsmorgen drangen islamistische Attentäter in eine wichtige indische Luftwaffenbasis ein und töteten sieben Soldaten. Es war wahrscheinlich eine Reaktion auf den neuerlichen Dialogversuch.

Vielleicht brauchen Indien und Pakistan, die sich gegenseitig über Jahrzehnte als jeweils grösste Gefahr kultiviert haben, genau das: die Vorstellung einer gemeinsamen Gefahr von dritter Seite. Das ist zwar keine ideale Lösung, aber ein bis auf Weiteres gangbarer Weg, um die riesigen «imaginierten Gemeinschaften» Südasiens in friedlicher Weise aufrechtzuerhalten.

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