Nr. 37/2015 vom 10.09.2015

Bauer, landlos, sucht – zehn Jahre mindestens

Jeden Tag verschwinden in der Schweiz drei Bauernbetriebe – weil keine Kinder da sind, die weitermachen wollen. Gleichzeitig haben Hunderte von ausgebildeten LandwirtInnen grosse Mühe, einen Hof zu finden. Warum ist der Einstieg in die Landwirtschaft so schwierig? Und wie könnte man das ändern?

Von Bettina Dyttrich (Text) und Ursula Häne (Fotos)

Vor zwei Jahren ging es Matthias Bucheli richtig schlecht. Schon seit dem Kindergarten wusste er, was er werden wollte: Bauer. Am liebsten im Jura. Mittlerweile war er 36, hatte selbst schon zwei Kinder, ein drittes war unterwegs – aber immer noch keinen Hof. Mindestens dreissigmal hatte er sich zusammen mit seiner Partnerin Nathalie Moser auf Pachtbetriebe beworben. Die Kleininserate in der Landwirtschaftspresse, auf die sie sich meldeten und nie eine Antwort bekamen, zählten sie schon gar nicht mehr.

In den letzten Jahren waren sie zwar öfter in die engere Auswahl gekommen. Sie hatten auch einiges vorzuweisen: Matthias hatte nach der Matura Landwirt gelernt, in Zollikofen Agronomie studiert, in der Biozertifizierung gearbeitet, gemeinsam waren Nathalie und Matthias auf verschiedenen Höfen tätig, dazu fünf Sommer auf der Alp – und überall erhielten sie gute Referenzen. Einmal, für eine Pacht in den Freibergen, kamen sie bei über sechzig MitbewerberInnen in die engste Auswahl. Dann bekamen andere den Zuschlag.

Jetzt sitzt Matthias Bucheli auf der wendigen, auf Hanglagen spezialisierten Mähmaschine, die ein bisschen an ein Pistenfahrzeug erinnert. Er schneidet das Gras zum zweiten Mal diesen Sommer; in den nächsten Tagen ist strahlendes Wetter angesagt. Nathalie Moser steigt mit den Kindern Amélie, Serafin und Timothé hinauf zum Steilhang, wo die dunklen Angus-Mutterkühe weiden, und kontrolliert, ob noch Wasser im Tränkefass ist. Im April dieses Jahres konnte die Familie endlich einen Hof pachten: Sous le Mont in der Juragemeinde Les Bois, dreissig Hektaren Wiesen und Weiden über dem Doubs und etwa gleich viel Wald, der Hang gegenüber gehört schon zu Frankreich. Beim Kochen und bei der Kinderbetreuung wechseln sich Nathalie und Matthias ab: Heute ist sie dran, morgen er. Und, ist das Leben als Bauernfamilie so, wie sie es sich vorgestellt haben? «Nein», sagt Nathalie, «besser.»

Auflösen ist lukrativ

Jeden Tag geben in der Schweiz drei Bauernbetriebe auf. Im Jahr 2000 gab es noch 70 000 Höfe, inzwischen ist die Zahl auf knapp 54 000 gefallen. Das Ende läuft oft ähnlich ab: Der Betriebsleiter oder die Betriebsleiterin wird pensioniert, und niemand in der Familie übernimmt. Oft möchte das pensionierte Paar im Haus bleiben. Und fast immer gibt es in der Nachbarschaft einen Landwirt, der gerne mehr Flächen bewirtschaften würde. Wachsen und spezialisieren – das empfehlen die landwirtschaftlichen Schulen, das halten viele für unausweichlich.

Vielleicht möchte das Paar auch seine Altersvorsorge aufbessern. Den Betrieb als ganzen zu verpachten oder zu verkaufen, bringt wenig ein, denn Preis und Pachtzins sind gesetzlich begrenzt. Wenn das Paar den Hof auflöst, die Flächen verpachtet und das Wohnhaus als Einfamilienhaus verkauft, kann es ein Vielfaches verdienen.

Gleichzeitig sind wohl mehrere Hundert ausgebildete Berufsleute auf der Suche nach einem Hof: Mehr als ein Fünftel der angehenden LandwirtInnen an den landwirtschaftlichen Schulen stammt nicht aus Bauernfamilien. Bei Spezialberufen wie Winzerin, Obst- oder Gemüsebauer ist es sogar rund die Hälfte.

«Ich wollte schon immer viel draussen sein und Bewegung haben», sagt Nathalie Moser. Als Kind verbrachte sie die Nachmittage beim Nachbarn, der Schafe und Bienen hielt, Milch und Wolle verarbeitete. Mit der Ausbildung zur Bewegungspädagogin erfüllte sie sich einen Teil ihrer Wünsche, als Velokurierin in Basel fand sie auch noch die gesuchte Auseinandersetzung mit Wind und Wetter. In der gleichen Velokurierbude arbeitete auch Matthias Bucheli vor und während des Studiums. Im Praktikum beim Forschungsinstitut Icarda in Syrien, das bis zum Krieg Forschung zur Landwirtschaft in Trockengebieten betrieb, wurde ihm klar, dass er als Agronom im Büro nicht glücklich würde. Er musste wieder aufs Feld. Vor neun Jahren bewarben sich Nathalie und Matthias zum ersten Mal für einen Pachtbetrieb. Weil es nicht klappte, gingen sie z’ Alp, dann liessen sie sich auf einem grossen Biobetrieb anstellen, dann wieder z’ Alp. Eine Zeit lang suchten sie gemeinsam mit FreundInnen, als Gruppe von sieben Erwachsenen, fast alle mit landwirtschaftlicher Ausbildung. Einmal hätte es fast geklappt. «Aber als Gruppe waren die Chancen noch viel kleiner als zu zweit», sagt Matthias.

Eine Umfrage der Universität Lausanne, an der sich rund die Hälfte der landwirtschaftlichen Schulen beteiligt hat, zeigt: NeueinsteigerInnen sind innovativer. Vierzig Prozent von ihnen wollen biologisch wirtschaften, bei den Bauernkindern sind es nicht einmal sechzehn. Und während mehr als die Hälfte der Bauernkinder auf die traditionellen Vertriebskanäle setzt – Grossmolkereien und Grossverteiler –, sind die Neulinge viel offener für Direktverkauf und regionale Vertragslandwirtschaft.

Die Studie zeigt auch: Die Mehrheit der Bauernkinder will vergrössern, viele haben bereits zusätzliches Land in Aussicht. Sie stehen also in direkter Konkurrenz zu den Neulingen, die Mühe haben, überhaupt etwas zu finden.

Nathalie: «Dass wir biologisch bauern wollen, war immer klar.» Matthias: «Aber das haben wir nicht allen so klar gesagt. Ich habe zwei Lebensläufe geschrieben: eine SVP-Version und eine Alternativ-Bio-Version.» Nathalie: «Der Zivildienst war plötzlich nicht mehr in deinem Lebenslauf drin …» Matthias: «Wenn man keine Verwandten hat, nicht in der SVP ist und nicht im Jungzüchterverein, hat man einen schweren Stand …» Nathalie: «Du hast sogar überlegt, ob du mich heiraten sollst!»

Überstunden und Schulden

«Die Neuen kennen vieles noch nicht, dafür haben sie Ideen, auf die Bauernkinder vielleicht nicht kämen. Sie sind weniger in Prägungen gefangen», sagt Niklaus Messerli. Er leitet die Bioschule auf der Schwand bei Münsingen BE, die einzige Schule der Deutschschweiz, die ganz auf biologisch-organischen Landbau spezialisiert ist (daneben gibt es eine biodynamische, also anthroposophische Schule in Rheinau ZH). «Die Hälfte unserer Schüler sind Neueinsteiger», sagt Messerli. «In meiner aktuellen Klasse können nur 9 von 23 einen Hof in der Familie übernehmen.»

Hofsuchenden rät er, offen zu sein für verschiedene Regionen: «Es ist wesentlich einfacher, einen kleinen Hof im Berggebiet zu finden als einen mittleren im Mittelland. Ich verstehe, dass da viele zögern: Sie müssen entweder ausserhalb der Landwirtschaft ein zweites Standbein suchen oder die Wertschöpfung auf dem Hof so steigern, dass sie zum Leben reicht, etwa mit Fleischverarbeitung oder Kräuteranbau. Beides ist anspruchsvoll.»

Die grösste Hürde seien jedoch die Finanzen. Die sogenannte Belehnungsgrenze beschränkt die Höhe der Bankkredite, die man für einen Hofkauf aufnehmen darf. Sie soll verhindern, dass sich LandwirtInnen zu stark verschulden. Für einen Kauf braucht es also viel Eigenkapital. «Manche können das im Bekanntenkreis leihen – das ist eine Chance für Leute aus der Stadt», sagt Niklaus Messerli. Verschuldet sind sie dann allerdings auch: «Trotz Preisobergrenze ist ein Betrieb schnell so teuer, dass sich der Kauf fast nicht aus dem landwirtschaftlichen Einkommen finanzieren lässt. Wenn man einen Nebenjob hat, mit dem man einen Teil der Zinslast tragen kann, ist mehr möglich.» Allerdings könne er das nicht allen empfehlen: «Viele überlasten sich. Wenn man den Hof seriös führen und auch den Nebenjob gut erledigen will, macht man an beiden Orten Überstunden. Und die Landwirtschaft hat ein grosses Potenzial für Überstunden!»

Matthias Bucheli: «Seit ich mich erinnern kann, arbeite ich auf das Ziel hin, einen Hof zu haben. Wir hatten auch ziemliche Konflikte deswegen.» Nathalie: «Ich wollte nicht so absolut und bedingungslos wie du …» Matthias: «Und ich fühlte mich allein in meiner Qual. Du lässt dich eher treiben, ich bin zielstrebig. Wenn du sagtest: ‹Ich weiss nicht, was ich nächstes Jahre mache›, hat mich das fast wahnsinnig gemacht.» Nathalie: «Du hast es gern mir in die Schuhe geschoben, dass es immer noch nicht klappte mit dem Hof.» Matthias: «Hierher wärst du vor fünf Jahren auch noch nicht gekommen!» Nathalie: «Ja, eigentlich wollte ich in einem Dorf sein.»

Es brauche noch viel Arbeit, sagt Niklaus Messerli, um die Idee der ausserfamiliären Hofübergabe bekannter zu machen. «Auf Biohöfen treffe ich bisweilen Leute Ende fünfzig, die ihren Betrieb gern weitergeben würden. Aber es ist fast ein Tabu, darüber zu reden: Man gehört also auch zu denen, die ihre Kinder nicht so erziehen konnten, dass sie übernehmen.»

Es sei eine grosse Aufgabe, die ältere Generation zu sensibilisieren, sagt auch Séverine Curiger von der Kleinbauern-Vereinigung: «Viele sind stark vom Produktivismus geprägt: wachsen und so viel produzieren wie möglich. Oft sind sie überzeugt, dass ihr Hof keine Existenz mehr bietet.» Die Kleinbauern-Vereinigung hat vor eineinhalb Jahren die Anlaufstelle für ausserfamiliäre Hofübergabe ins Leben gerufen, um Suchende und Abgebende zu vernetzen. Wichtig sei, dass die Übergabewilligen ihre Erwartungen angeben könnten: «Manche fordern, dass die Neuen die Kühe nicht enthornen dürfen, dass sie bio sein müssen oder auf keinen Fall bio sein dürfen … Einer wollte auf keinen Fall Ziegen auf seinem Land. Und immer wieder merke ich, dass sich viele nur eine Familie vorstellen können, keine Einzelpersonen oder Kollektive.»

Das «Beschnuppern» sei ein anspruchsvoller Prozess, sagt Séverine Curiger: «In einer Familie weiss man, woran man ist, bei einer ausserfamiliären Hofübergabe nicht. Um diese Vertrauenslücke zu füllen, braucht es viel Zeit. Übergaben in der Familie werden oft einfach durchgedrückt, auch wenn jemand leidet. Ausserfamiliäre Übergaben kommen in einer solchen Situation nicht zustande.»

Bisher haben sich 120 Einzelpersonen, Paare oder Gruppen bei der Kleinbauern-Vereinigung gemeldet, die einen Hof suchen. Sechzig aktive Profile von Suchenden gibt es zurzeit. Hingegen ist nur gerade ein gutes Dutzend Betriebe «im Angebot».

Bis zu sechzig Bewerbungen pro Hof

Der neue Hof von Matthias Bucheli und Nathalie Moser ist umwerfend schön: Edi Bischof, der Verpächter, hat Hecken und Hochstammbäume gepflanzt und Teiche angelegt. Heuschrecken zirpen, eine Libelle schwirrt vorbei, langsam färben sich Äpfel und Hagebutten rot. Edi hat den Betrieb in den achtziger Jahren gekauft und seither mit seiner Frau Regine und MitarbeiterInnen bewirtschaftet. «Ich würde eigentlich gerne weiterhin mitarbeiten, aber Matthias und Nathalie haben Angst, dass ich zu viel dreinrede.» Wichtig ist ihm, dass der Hof biologisch und mit den gleichen Kühen weitergeführt wird: «Das war eine Bedingung von mir, dass sie mir die Kühe abkaufen. Sie konnten gleich auch die Kunden für den Direktverkauf des Fleischs übernehmen. Wir haben diese Kühe 25 Jahre lang hier gezüchtet, sie sind angepasst an den Ort, das Futter, das Klima. So hat man am wenigsten Probleme.»

«Abgebende schlagen oft vor, einige Jahre mit den Neuen zusammenzuarbeiten», sagt Séverine Curiger. «Aber die Neuen möchten das nur selten. Kein Wunder: Sie sind ohnehin schon in der schwächeren Position, es ist schwierig, volle Mitsprache zu bekommen.» – «Wir wollen jetzt einfach mal selber», sagt Nathalie Moser.

Amélie, die älteste Tochter von Nathalie und Matthias, ist in ihren sieben Lebensjahren schon achtmal umgezogen. «Wann zügeln wir wieder?», fragt sie manchmal, wenn es ihr langweilig wird. Seit kurzem besucht sie die erste Klasse in Les Bois – der Schulbus hält oben am Waldrand und sammelt in einem weiten Bogen die Kinder der vielen Einzelhöfe ein. Nur hat Amélie leider Angst vor Kühen, sogar vor den Kälbchen hinter dem Zaun des Nachbarn. «Dabei hat sie als Kleinkind auf der Alp allein zwischen den Kühen gespielt!», wundert sich Nathalie. «Das wird sich hoffentlich noch geben», grummelt Matthias, als Amélie wieder einmal Begleitung verlangt.

Séverine Curiger sagt: «Der Bauernverband beklagt ja manchmal den Nachwuchsmangel in der Landwirtschaft. Aber der Nachwuchsmangel ist ein Mythos. Es gibt genug gut ausgebildete Leute, die bauern wollen. Das sieht man, wenn eine Pacht ausgeschrieben ist: jedes Mal vierzig bis sechzig Bewerbungen.»

Den Nachwuchsmangel gebe es, sagt hingegen Markus Ritter, der Präsident des Schweizerischen Bauernverbands (SBV): «Jedes Jahr schliessen noch tausend Landwirte die Lehre ab, innerhalb einer Generation also etwa 30 000. Wir haben aber 54 000 Betriebe.» Das sollte ein Grund mehr sein, zumindest allen Ausgebildeten den Einstieg zu ermöglichen … Doch bei diesem Thema ist Ritter zurückhaltend – wohl aus Rücksicht auf die vielen etablierten LandwirtInnen im SBV, die mehr Land wollen. Ihnen sind die NeueinsteigerInnen unerwünschte Konkurrenz. Einen Hof zu kaufen, sei teuer, räumt Ritter ein. «Aber das ist nicht nur bei Bauern so: Ein Unternehmen aufbauen ist teuer. Auch eine Schreinerei kaufen ist teuer.» Jungen landlosen LandwirtInnen empfiehlt er, sich auf grossen Betrieben anstellen zu lassen, eine Pacht zu suchen oder sich weiterzubilden.

Könnte man die Gesetze ändern, um landlosen LandwirtInnen den Einstieg zu erleichtern? Eine Idee hört man in alternativen bäuerlichen Kreisen oft: Eine Stiftung könnte Höfe kaufen und sie BewirtschafterInnen zu einem günstigen Pachtzins zur Verfügung stellen. Solche Stiftungen gibt es etwa in Deutschland und Frankreich. Doch in der Schweiz können Stiftungen, Genossenschaften und andere juristische Personen nur mit einer Ausnahmebewilligung Landwirtschaftsland kaufen: Vorrang haben natürliche Personen, die selber bauern wollen, sogenannte SelbstbewirtschafterInnen. Das Bundesgesetz über das bäuerliche Bodenrecht (BGBB) legt es so fest.

«Das Bodenrecht gibt Bauern erst die Möglichkeit, einen Hof zu einem bezahlbaren Preis zu übernehmen», sagt Markus Ritter. «Viele würden das Selbstbewirtschafterprinzip gerne lockern: Wirtschaftskreise, Reitpferdebesitzer, Kapitalanleger und Bauern, die keinen Nachfolger haben und nach der Pensionierung den Hof teuer verkaufen wollen. Damit würde der Boden wieder zum Spekulationsobjekt – wie vor 1994, bevor das BGBB in Kraft trat. Aber der Boden soll jenen gehören, die ihn selber bewirtschaften wollen und können.» – «Wir dürfen das Bodenrecht nicht angreifen», sagt auch Séverine Curiger von der Kleinbauern-Vereinigung. Man könnte juristisch nicht unterscheiden zwischen «guten» Stiftungen und solchen, die Land Grabbing als Kapitalanlage betrieben.

Man könnte es auch anders machen: Vorschriften erlassen, die verhindern, dass existenzfähige Höfe aufgelöst werden. Eigentlich geniessen sogenannte landwirtschaftliche Gewerbebetriebe, die mindestens einen definierten, je nach Kanton unterschiedlichen Arbeitsaufwand haben, heute dank des BGBB schon besonderen Schutz. Doch in der Praxis hindern die Kantone kaum jemanden, der sein Land parzellenweise verpachten und das Haus verkaufen will. Matthias Bucheli erzählt: «Vor eineinhalb Jahren haben wir uns für einen Hof in der Ajoie beworben – 35 Hektaren, ausgezeichnetes Ackerland, super erschlossen. Ein Betrieb, der einer Familie auf jeden Fall eine Existenz ermöglicht hätte. Aber er wurde aufgelöst, die Flächen einzeln an die Meistbietenden verpachtet.» Der Fall gab im Jura zu reden – und veranlasste den jurassischen CVP-Nationalrat Jean-Paul Gschwind zu einer parlamentarischen Initiative. Sie soll den Kantonen mehr Spielraum geben, solche absurden Aufteilungen zu verhindern.

«Ich bin dafür», sagt Markus Ritter. «Aber die Initiative wird es in den Räten schwer haben. Die Kommission für Wirtschaft und Abgaben hat sie bereits abgelehnt.»

«Das ganze Leben teilen»

Nach knapp fünf Monaten ziehen Nathalie Moser und Matthias Bucheli Bilanz. «Mir gefällt eigentlich alles», sagt Matthias. «Tiere betreuen, Maschinen flicken, holzen, an den Häusern herumbasteln, die Hecken pflegen, aber auch strategisch den Betrieb führen. Das sind viele Berufe auf einmal. Mir kommt gelegen, dass ich workaholisch veranlagt bin: Ich bin immer am «Umechlüttere». Als Bauer kann ich das sozialverträglich ausleben – ich gehe halt mit den Kindern Bohnen ablesen, wenn ich noch nicht zur Ruhe komme. Und es ist cool, am Abend zu sehen, was man gemacht hat.»

«Ich hatte Angst, dass es mich stresst, so viel Arbeit zu haben», sagt Nathalie. «Aber es ist überhaupt nicht so. Ich mache einfach, was ich kann. Das Wichtigste ist, dass Tiere und Menschen gesund und zufrieden sind. Ich habe nicht gelebt, wenn ich nur gearbeitet habe, ich muss mir auch Zeit dafür nehmen, Zeitung zu lesen oder mit den Kindern einen Ausflug zu machen. Und die Befürchtung, dass wir hier einsam sein würden, war völlig unbegründet – es waren schon so viele Leute hier und haben geholfen. Das ist ein riesiges Geschenk. Wir haben mehr sozialen Austausch als früher in Bern, man kommt den Leuten viel näher, wenn sie hier sind. Wir können unser ganzes Leben teilen.»

«Wenn man sich zum Thema Hofnachfolge äussert, wird es sofort politisch», sagt Niklaus Messerli von der Bioschule Schwand. «Es gibt eine starke Lobby, die meint, möglichst viele Bauern sollten möglichst schnell aufhören. Auch ein Teil der Bauern denkt so. Aber das ist keine Lösung. Im Berggebiet gibt es wegen der aufwendigeren Bewirtschaftung Grenzen, wie viel Land eine Person nutzen und pflegen kann. Aber auch im Talgebiet führt es nirgends hin: Wenn es nur noch durchrationalisierte Grossbetriebe gibt, ist die Bevölkerung kaum noch bereit, die Landwirtschaft zu unterstützen. Und je schneller die Betriebe wachsen, desto schneller gehören die Grossen wieder zu den Kleinen. Das ist ein Rennen, bei dem man nie ankommt.»

Drei Organisationen vermitteln Kontakte zwischen HofeigentümerInnen und Hofsuchenden: hofübergabe.ch
, www.hofnachfolge.ch
, www.demeter.ch/hofuebergabe-hofuebernahme/ 
(Höfe mit Demeter-Label)

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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