Nr. 45/2015 vom 05.11.2015

Kompliziertes Leben

Die schwedische Fotografin Loulou D’Aki hat in Teheran junge Menschen fotografiert. Die Porträts verdeutlichen die Diskrepanz zwischen der Kleidung zu Hause und dem Auftritt in der Öffentlichkeit.

Von Loulou D’Aki (Fotos) und Johanna Lier (Text)

Die Spaltung ist es, die bei der Betrachtung der Porträts von Loulou D’Aki ins Auge sticht. Der Mensch ist hier aufgespalten in eine moderne private und eine traditionelle öffentliche Version. In eine Existenz, die sich im Haus abspielt, und eine, die sich auf den Strassen zeigt. Dies ist die Situation im Iran.

Machen wir ein Gedankenspiel: Gäbe es in Europa ein Verhüllungsverbot, bekäme man vergleichbare Bilder. Lediglich die Zuordnungen müssten vertauscht werden – die traditionelle Version der Persönlichkeit fände sich im geschlossenen, privaten Raum, die moderne liesse sich in der Öffentlichkeit finden.

Wirft man der Regierung der Islamischen Republik also zu Recht vor, sie sei weder willens noch in der Lage, individuelle Lebensentwürfe zuzulassen, müsste man Demokratien, die ein Verhüllungsverbot erlassen, Ähnliches vorhalten.

Doch was ist das Besondere an den Bildern? Oder anders gefragt: Wüssten wir nicht, dass sie aus dem Iran stammen, könnten sie unser Interesse überhaupt wecken?

«Es stellt sich heraus, dass die Zeichen der Welt nichts bedeuten. Dass sie einen Haufen von zusammenhanglosen Elementen bilden. Und dass die Zusammenhänge, die das historische Bewusstsein in diesen Haufen hineingelesen hat, von diesem Bewusstsein selbst erzeugt wurden. Wir sind absurderweise in einer absurden Welt.» Dies sind die Worte des 1991 verstorbenen Medienphilosophen und Kommunikationswissenschaftlers Vilém Flusser, der in São Paulo lehrte und der Überzeugung war, dass jedes Bild erst durch eine Erzählung einen fassbaren Sinn bekommt – und vermittelt. Das historische Bewusstsein konstruiert also eine Erzählung. Und aus westlicher Sicht ist es in diesem Fall ohne Zweifel die Unterdrückung der Frau durch die traditionelle Kleiderordnung. Was könnten jedoch Erzählungen aus iranischer Perspektive sein?

Vor diesem Hintergrund sorgt in jüngster Zeit das internationale Forum «Stealthy Freedom» für Furore. Auf ihrer Facebook-Seite postet die 37-jährige, in London lebende iranische Journalistin Masih Alinejad Bilder von jungen Frauen, die sich unverhüllt in der Öffentlichkeit präsentieren. Das Projekt geriet zuletzt jedoch in den Fokus der Kritik. Auch aufgeschlossenere Kreise im Iran bemängeln, es sei eher für Migrantinnen gemacht. Denn eine solche Publizität sei für Frauen, die im Iran lebten, immer noch zu risikoreich. Alinejad wird zudem vorgeworfen, westliche Vorurteile zu nähren, um so auf einfache Weise Anerkennung zu bekommen.

Und wie lauten weitere Erzählungen? Loulou D’Aki berichtet, dass viele der jüngeren Frauen höchst genervt auf das Thema der Verhüllung reagierten. Sie sagen, das Kopftuch sei unwichtig, und sie dächten nicht dauernd darüber nach. Es gebe viel existenziellere Probleme wie zum Beispiel den alltäglichen Sexismus. So soll es durchaus üblich sein, dass Chefs ihre weiblichen Angestellten offen auffordern, mit ihnen zu schlafen: Arbeit gegen Sex. Das gleiche Problem treibt Künstlerinnen um, wenn sie für ihre Arbeiten überhaupt eine Galerie oder einen Verlag finden.

Auch für den in Europa so oft beschworenen symbolischen Aspekt des Kopftuchtragens haben viele junge Iranerinnen nur ein müdes Kopfschütteln übrig: So ist denn auch die Frau im roten Kleid, die mit fünfzehn Jahren verheiratet und später geschieden wurde, viel eher damit beschäftigt, sich in Teheran wirtschaftlich über Wasser zu halten, um ein unabhängiges Leben zu führen, als über die symbolische Kraft traditioneller Kleidung nachzudenken.

Und geht es denn immer nur um die Bekleidung der Frauen? Der junge Mann muss seine Tattoos verstecken. Sonst gibt es nicht nur mit der Polizei, sondern mehr noch mit konservativen Passanten Probleme, die ihn anpöbeln und beschimpfen. Auch Gitarrespielen auf der Strasse ist verboten. So bleibt für ihn lediglich die Freiheit im Haus. Da werden Partys gefeiert, man betäubt sich mit Drogen und Alkohol, bis die Polizei kommt.

Da ich wissen will, was meine Freundinnen gesagt haben, als ich sie im Jahr 2001 während eines längeren Aufenthalts im Iran zum Thema Bekleidung befragte, hole ich meine alten Notizen hervor. Und es bestätigt sich, was auch Loulou D’Aki entschieden festhält: «Man muss vorsichtig sein. Die Wirklichkeit ist komplex und vielschichtig. Das aus europäischer Sicht so oft praktizierte Schwarzweissdenken wird ihr nicht gerecht.»

Shirin, eine meiner Freundinnen, berichtet: «Ich trage das Kopftuch auch vor meinen nächsten Freunden und Familienmitgliedern. Ich bin jedoch der festen Überzeugung, dass keine Regierung und kein Mann einer Frau vorschreiben darf, was sie anziehen soll. Das ist allein meine Entscheidung.» Und Roya bringt treffend auf den Punkt, was wohl Vilém Flusser meint, wenn er sagt, wir befänden uns absurderweise in einer absurden Welt: «Vor der Revolution 1979 war es verboten, sich zu verschleiern. Polizisten rissen den Frauen auf offener Strasse den Tschador und die Kopftücher herunter. Für gläubige Frauen muss das ein Albtraum gewesen sein. Aber die reichen Ladys haben diese unglaublich kurzen Miniröcke getragen, ohne Slip darunter, und man erzählt sich, die Händler in Teheran hätten ihre Gemüse- und Obstkisten nur noch auf den Boden gestellt.» Und Gülsah hält fest: «Unser Leben ist kompliziert. Obwohl wir aus einer aufgeschlossenen Familie kommen, haben wir unzählige Gesichter: eines für die Arbeit, eines für die Familie und eines für die Freunde. Und wir haben eine grosse Leidenschaft für Sex, der einerseits tabuisiert ist und den wir andererseits exzessiv ausleben.» Niki jedoch hat beschlossen, das Haus nicht mehr zu verlassen, da ihr dieser ganze Zirkus mit der Bekleidung und den Rollenzuschreibungen von Frau und Mann auf die Nerven geht: «Ich koche nicht. Ich lasse mir Fastfood und Cola kommen. Ich mache das auch, wenn wir Besuch aus Amerika oder Europa haben. Ich liebe es, die Reaktionen unserer Gäste zu beobachten, die erwarten, dass ich eine üppige Mahlzeit herbeizaubere, wie es sich für eine iranische Hausfrau gehört. In Teheran jedoch kocht keine Frau, die etwas auf sich hält: ‹Let us order lunch› will heissen: Du bist mein Gast.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch