Nr. 46/2015 vom 12.11.2015

Das grosse arme Kino des Miguel Gomes

Mit Scheherazade gegen die Auswüchse der Austeritätspolitik: Der portugiesische Filmemacher Miguel Gomes hat mit «1001 Nacht» eine monumentale Trilogie zum Zustand seines Landes gedreht.

Von Catherine Silberschmidt

Scheherazade und der Grosswesir: Szene aus «Der Entzückte», dem dritten Teil von Miguel Gomes’ dreiteiligem Filmepos «1001 Nacht». Still: Outside the Box

Wie von einem Land erzählen, dessen Regierung fast nur über positive Entwicklungen berichtet, während sich die Lebensumstände für die Mehrheit der Bevölkerung täglich verschlechtern? Ein Land, in dem die Löhne und die Renten sinken und Sozialhilfe nur in jenen Gemeinden und Städten ausbezahlt wird, wo überhaupt noch etwas in den Kassen ist, sodass Hilfsbedürftige immer öfter auf der Strasse oder, wenns gut geht, bei der Caritas landen. Ein Land mit einer Bevölkerungsprognose von minus zwei Millionen, weil die Menschen nach wie vor zu Hunderttausenden auswandern, darunter vorab junge Leute ohne die Absicht zurückzukehren. Wie von einem Land erzählen, das sich mit einer friedlichen Revolution vor vierzig Jahren einer faschistischen Diktatur entledigte, ein Land, in dem seit dem EU-Beitritt 1986 bis Ende der neunziger Jahre die Euphorie überwog, weil dank EU-Milliarden nicht wenige in Saus und Braus lebten? Und wie von einem Land erzählen, dessen rechtsliberaler Premierminister sich gerne damit brüstet, dass der Sparwille seines Volkes das von der «Troika» verordnete Ziel sogar übertreffe, und der Anfang Oktober dennoch in seinem Amt bestätigt wurde?

Der portugiesische Filmemacher Miguel Gomes wagt es in «1001 Nacht» mit einem dreiteiligen Epos von insgesamt sechs Stunden, das eine Art Chronik eines Jahres darstellt. Inspiriert von der Erzählform des orientalischen Märchens, reicht das Spektrum der Genres dabei vom Dokumentar- bis zum Kostümfilm, vom Schaubudenkino über den Historienfilm bis hin zur lustvollen Selbstinszenierung. So etwa zu Beginn des ersten Teils, als der Regisseur vor seiner Equipe flüchtet, weil er sich seiner Rolle nicht gewachsen fühlt, und erst wieder aus dem Sand ausgegraben wird, als er verspricht, seine Geschichten zu erzählen: eine Aufgabe, die er dann seiner Scheherazade überträgt. Gespielt von Crista Alfaiate, wird sie zur Leitfigur dieser epischen Trilogie mit den Teilen «Der Ruhelose», «Der Verzweifelte» und «Der Entzückte».

Funktionäre auf Kamelen

Ruhelos ist, wer keine Arbeit hat, wie die früheren Hafenarbeiter von Viana do Castelo, die über eine Zeit berichten, in der sie stolz zur Arbeit gingen, von rauschenden Schiffstaufen, zu denen vom Handlanger bis zum Auftraggeber alle geladen waren. Langsam fährt die Kamera über rostige Molen und Hafenkräne, während im Off von der Suche nach Beschäftigung und neuem Sinn die Rede ist. Aber «1001 Nacht» ist kein Problemfilm über individuelle Schicksale, obwohl die Folgen der Austeritätspolitik der Ausgangspunkt des monumentalen Filmprojekts sind.

Da gibt es eine satirische Episode, in der die politischen Patrons der rigiden Sparpolitik genüsslich vorgeführt werden. In einer Arbeitspause reiten die Brüsseler Kommissare auf drei prächtigen Kamelen in die Wüste, gefolgt von der portugiesischen Regierung hoch zu Ross. Dort begegnen sie einem afrikanischen Magier, der den erschöpften Herren ein wundersames Potenzmittel anbietet, das ihnen allerdings eine Dauererektion beschert, von der sie erst durch eine Lösegeldzahlung befreit werden.

Und plötzlich explodiert ein Wal

Von realen Gegebenheiten geht wiederum die Geschichte eines prächtigen Hahns aus, der gewissen AnwohnerInnen den Schlaf raubt. Weil man sich auf nachbarschaftlicher Ebene nicht einigen kann und die Besitzerin nicht daran denkt, ihr prächtiges Tier herzugeben, erwirken die schlaflosen NachbarInnen einen richterlichen Erlass, dem zufolge der Störenfried geschlachtet werden soll. Und mittendrin beginnt der Hahn zu sprechen, versetzt uns in die Welt der Fabeln. Der gleiche Schauspieler, der in der Sequenz davor den Premierminister spielt, leiht nun seine Stimme dem Hahn, und auch Scheherazade taucht plötzlich als Punk unter den Arbeitslosen auf, bevor sie sich wieder nach Bagdad in den Königspalast zurückzieht. Und wenn am Strand, wo sich arbeitslose GewerkschafterInnen zum Neujahrsschwimmen treffen, ein riesiger Wal explodiert, macht dieses surreale Ereignis die Orientierung im enigmatischen Labyrinth dieser Trilogie auch nicht einfacher.

Wie Scheherazade riskiert auch Miguel Gomes seinen Kopf, wenn seine Geschichten manchmal zu traurig oder zu tragisch, manchmal zu komisch und immer auch absurd sind. In seinem subtilen Schwarzweissfilm «Tabu» (2012) hat er sich zuletzt mit der unbewältigten kolonialen Vergangenheit seines Landes befasst. Die Episoden in «1001 Nacht» hat er nun aus realen Vorfällen entwickelt, unter ganz besonderen Bedingungen und in grosser Freiheit.

Ohne Drehbuch, erst mit ein paar vagen Ideen im Kopf, holte er den thailändischen Kameramann Sayombhu Mukdeeprom, den er von den Filmen seines Regiekollegen Apichatpong Weerasethakul («Uncle Boonmee») gekannt hatte, für ein Jahr nach Lissabon. Ein ganzes Jahr stand auch seine gesamte technische und künstlerische Equipe im Einsatz, ebenso eine Gruppe von SchauspielerInnen sowie drei JournalistInnen, deren Aufgabe es war, laufend aktuelle Ereignisse aus ganz verschiedenen Regionen des Landes zu recherchieren. Ziel dieser künstlerischen Strategie war es, den ausgewählten Geschehnissen Raum zu geben und sie über die blosse mediale Berichterstattung hinaus kreativ zu bearbeiten, sie also ganz oder teilweise zu fiktionalisieren. «1001 Nacht» wird so zur Chronik einer einjährigen Filmarbeit.

Samba in Babylon

Das babylonische Bagdad hat Gomes in den Kalkfelsen bei Marseille aufgebaut. Hier herrscht eine sinnlich-laszive Atmosphäre: Zu brasilianischen Sambarhythmen flirtet Scheherazade mit einem hübschen Mann, bis er ihr seinen Kinderwunsch offenbart. Da springt die schöne Scheherazade nackt ins Meer vor Marseille und taucht wenig später an einem portugiesischen Strand wieder auf. Im Hintergrund ein Riesenrad, eingeblendet ein Text von Darwin über die Evolution – eine verspielte, aber auch anspruchsvolle Montage von Räumen und Zeiten.

Wie eine ethnografische Beobachtung mutet dann die letzte Episode über das Portugal der kleinen Leute an: Arbeitslose vertreiben sich die Zeit, indem sie Buchfinken einfangen und ihnen in abgedunkelten Käfigen über Handys neue Singmelodien beibringen, weil diese im ökologischen Stress ihr Repertoire eingebüsst haben. Im Buchfinkenwettbewerb gewinnt, wer seinem Vogel die meisten Melodien beigebracht hat. Eine letzte, sehr lange Einstellung folgt einem alten Mann, der mit seinem Käfig das Brachland im Westen Lissabons durchschreitet, und man fühlt sich an «Os verdes anos» von Paulo Rocha erinnert, einen der schönsten Filme des portugiesischen Neorealismus.

«1001 Nacht» ist kein militanter Film. Vielmehr vermittelt er Einblicke in die Wirklichkeit des portugiesischen Proletariats, in einer Form des ästhetischen Widerstands. Miguel Gomes widmet sein filmisches Triptychon seiner achtjährigen Tochter und verweist damit auf eine ungewisse Zukunft.


Teil 1: «Der Ruhelose», ab 12. November 2015 im Kino.
Teil 2: «Der Verzweifelte», ab 26. November 2015 im Kino.
Teil 3: «Der Entzückte», ab 10. Dezember 2015 im Kino.

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