Nr. 46/2015 vom 12.11.2015

Ein effizienter Staatsangestellter

Viele Deutsche verneigten sich vor Altkanzler Helmut Schmidt. Er selbst glänzte vor allem in Krisenzeiten. Rückblick auf ein aussergewöhnliches Leben.

Von Stefan Reinecke

In Interviews wirkte er manchmal wie in sich selbst versunken, ehe er sich doch dazu herabliess, die Frage zu beantworten. Diese Kunstpausen sollten dem Publikum nicht nur bedeuten, dass hier ein Nachdenklicher spricht. Das Schweigen machte klar, wer Regie führt: er, Helmut Schmidt. Die Pausen waren subtile Demonstrationen der Überlegenheit.

Oberleutnant Schmidt wurde 1946 Sozialdemokrat, weil er sich Kameradschaft versprach. So hat er es selbst berichtet. Der Gewaltorkan des Zweiten Weltkriegs, den er als Soldat erlebte, war die Zentralperspektive seines Lebens. In der SPD suchte er nicht nur eine Art zivile Verlängerung soldatischer Gemeinschaft – er behandelte sie auch wie ein Leutnant seine Untergebenen.

Als Politiker war er ein Manager, der wusste, was in der Not zu tun ist, auch das ein Echo seiner Militärzeit. Der politische Zustand, in dem er auflebte, war die Krise – die Sturmflut in Hamburg 1962, der Rücktritt von Bundeskanzler Willy Brandt 1974, der Deutsche Herbst 1977, der geprägt war durch die Anschläge der Terrorgruppe Rote Armee Fraktion (RAF).

Kunst ohne Passion

Für die Moralisierung von Politik hatte Schmidt bloss verständnislose Herablassung übrig. Politik, so wie er sie verstand, konnte nur Realpolitik sein, exakt analysiert, entschlossen durchgesetzt. Sich selbst sah er als Intellektuellen im pragmatischen US-Sinn, als Kopf, der Währungssysteme, die RAF oder atomare Abschreckungspotenziale nüchtern anschaut und handelt. Politik muss Kunst ohne Passion sein, darf nur das Machbare wollen – das war Schmidts Schlussfolgerung aus der Katastrophe der NS-Zeit. Denn hatten nicht die politischen Leidenschaften, die die Nazis geweckt und missbraucht hatten, geradewegs in die Trümmerfelder der deutschen Städte geführt? Schmidt verkörperte den Gegenentwurf zum Volkstribun. Als Kanzler verstand er sich, ohne Anflug von Ironie, als «leitender Angestellter der Bundesrepublik». Der Staat sollte wie ein Unternehmen funktionieren, ein Apparat, den man zu bedienen wissen musste. Das Ideal war der reibungslose, geräuscharme Ablauf, der nur vor störenden Jusos, die Reiche besteuern oder die Wirtschaft lenken wollten, geschützt werden musste. Er glaubte an Fakten, Daten, Statistiken, nicht an Parteitagsbeschlüsse.

Für die Linksintellektuellen, von Rudi Dutschke bis Jürgen Habermas, hatte er kaum mehr als Verachtung übrig. Alles Utopische erschien ihm gefährlich, bestenfalls überflüssiges Geschwätz, das vom Wesentlichen ablenkte. Er war ein Anhänger von Karl Poppers antitotalitärem kritischem Rationalismus. Hatte Schmidt mit Popper recht? In manchem durchaus. Die Wiederbelebung von Marx war nur ein Umweg, der viele Achtundsechziger ungefähr dorthin führte, wo Schmidt schon war: in die offene, liberale Gesellschaft. Schmidt allerdings konnte auf eine Art recht haben, die alles, was nicht auf geradem Weg zum Ziel führte, mit arroganter Verachtung strafte.

1977 blieb er hart und weigerte sich, den von der RAF entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer auszutauschen. Die Unnachgiebigkeit hatte einen soldatischen Ton. Das ändert nichts daran, dass es Gründe gab, sich nicht erpressen zu lassen. Die Befürchtung, dass die RAF, wenn ihre beiden Köpfe Andreas Baader und Gudrun Ensslin freigekommen wären, noch mehr Terror verbreitet hätte, war nicht abwegig.

Doch Schmidts Rationalität wies auch eine hässliche Seite auf. 1975 erklärte er, dass die LinksterroristInnen nicht erwarten könnten, «in einem Erholungsheim untergebracht zu werden, und die Unbequemlichkeit eines Gefängnisses auf sich nehmen müssen». Erholungsheim? Ein paar Tage zuvor war der RAF-Mann Holger Meins im Gefängnis im Hungerstreik gestorben. Solche Sätze waren der Stoff, mit dem die RAF ihren Nachwuchs rekrutierte.

«68» blieb für Schmidt ein blinder Fleck. Er hielt die Linksextremen für Wiedergänger der Nazis – die Linksmilitanten sahen in ihm den Leutnant von Hitlers Armee, der an der Blockade von Leningrad und dem Vernichtungskrieg im Osten beteiligt gewesen war. Diese tragische Pointe hat er nie verstanden, so wenig wie die Wachstumsskepsis der Grünen. Ökologie hielt er lange für eine Marotte gelangweilter Mittelstandsdamen. Der starre Blick auf das Machbare war manchmal ein Tunnelblick.

Fast obsessive Zuneigung

Schmidts nachhaltigster Erfolg als Kanzler war die Etablierung des Europäischen Währungssystems EWS 1979, das später Grundstein für den Euro wurde. Sein grösster Fehler war die atomare Aufrüstung der Nato, gegen die in der Bundesrepublik Hunderttausende auf die Strasse gingen und gegen die die SPD rebellierte.

Viele Deutsche fassten zu ihm als altem Mann und Altkanzler eine fast obsessive Zuneigung. In Talkshows wurde er andächtig zu anstehenden Weltproblemen befragt. Schmidt wechselte wie ein Schauspieler die Rollen, gab mal den global denkenden Chefanalytiker, mal den Mann von der Strasse, der seine Steuererklärung nicht versteht. Er rauchte unverdrossen – alle fanden es cool, dass ein hustender Altbundeskanzler mit knorriger Lakonie die Welt erklärte.

Stefan Reinecke ist Parlamentsredaktor 
der «taz». Dieser Text ist in einer längeren Version in der «taz» erschienen.

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