Nr. 46/2015 vom 12.11.2015

«Nettigkeit gilt vielen Frauen in Russland als Schwäche»

Marina Pisklakowa-Parker engagiert sich in Russland dafür, dass häusliche Gewalt als Offizialdelikt behandelt wird. Zurzeit wird im Parlament darüber debattiert. Die Frauenrechtlerin über westliche Stereotype und die Renaissance konservativer Geschlechterbilder.

Von Anna Jikhareva (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Marina Pisklakowa-Parker: «Für Gewalt sind persönliche Erfahrungen entscheidend.»

WOZ: Frau Pisklakowa-Parker, im Film «Durak» aus dem Jahr 2014, der als Allegorie auf Russland gilt, verprügelt am Anfang ein betrunkener Mann aus einer Sozialbausiedlung seine Familie. Ist das auch für Sie eine typische Szene aus dem russischen Alltag?
Marina Pisklakowa: Ich finde die Szene für Russland eigentlich eher untypisch. Im Film wird häusliche Gewalt zwar in all ihrer Härte dargestellt, auch die Behörden kriegen sie mit. Die im Film gezeigte Bevölkerungsschicht lebt diese Gewalt sowieso offen aus. Aber in anderen sozialen Schichten kehren längst nicht alle Betroffenen solche Erlebnisse nach aussen. Letztlich reproduziert der Film die im Ausland oft geltenden Klischees über Russen.

Bei häuslicher Gewalt sind weder Bildung noch der familiäre Hintergrund entscheidend, sondern vor allem persönliche Erfahrungen. Ein Kind, das zu Hause Gewalt erlebt hat, wird später oft selbst gewalttätig. Statistisch gesehen, werden in Russland nicht mehr Frauen Opfer häuslicher Gewalt als in anderen Ländern.

Gibt es im Vergleich zu anderen Ländern denn auch Unterschiede?
In russischen Familien herrscht oft ein ziemlich emotionaler, manchmal fast schon aggressiver Umgangston. Viele verwechseln die verwendeten Kraftausdrücke mit realer Gewalt. Ich möchte ein Beispiel nennen: Wenn ein Mann im Streit zu seiner Frau sagt: «Ich bring dich um», wird die Drohung in westlichen Ländern meistens ernst genommen. In Russland ist solch ein Satz alltäglich – er ist meist nicht ernst gemeint und wird nicht in die Tat umgesetzt. Doch weil in vielen Familien so geredet wird, unterschätzen umgekehrt Polizei oder Justizbehörden die reale Gefahr. Ob die Gewalt physisch werden könnte, dafür gibt es einen Indikator: die Angst. Hat die Frau keine Angst vor dem Mann, weiss sie sich auch eher vor Gewalt zu schützen.

Gibt es einen typischen Ablauf, der häuslicher Gewalt vorausgeht?
Gewalt ist ein systematisches Verhalten, das in Zyklen stattfindet. Zuerst werden die Spannungen zwischen den Partnern grösser, dann kommt es zum Gewaltakt selbst. Später kommt meistens die Versöhnungsphase, in der viele Frauen zu ihren gewalttätigen Männern zurückkehren.

Wie geht die Gesellschaft mit dem Phänomen der häuslichen Gewalt um?
Inzwischen hört man in der Öffentlichkeit kaum noch, es sei richtig, seine Frau zu schlagen, sie habe es nicht anders verdient. Wir arbeiten bereits seit zwanzig Jahren daran – und haben es geschafft, das Problem ins Bewusstsein der Menschen zu rücken. Viele haben inzwischen verstanden, dass häusliche Gewalt nicht normal ist. Auch der Staat wird aktiv, eröffnet Frauenhäuser und finanziert private Einrichtungen. Und auch die Polizei macht immer mehr Aufklärungskampagnen. Das Problem ist, dass die Menschen in Russland kein Vertrauen in die Behörden haben. Nur zehn Prozent der Betroffenen wenden sich überhaupt an die Polizei.

Was kann dagegen unternommen werden?
Wir brauchen entsprechende Gesetze und eine Definition, was häusliche Gewalt überhaupt ist. Denn selbst wenn sich die Frauen an die Polizei wenden, ziehen viele ihre Anzeige in der Versöhnungsphase zurück. Und viele Gewalttäter denken, ihr Verhalten sei legitim, weil die Tat nicht bestraft wurde. Das neue Gesetz soll solche Gewalt zum Offizialdelikt machen.

Wie wichtig sind in diesem Zusammenhang traditionelle Geschlechterrollen?
Sehr wichtig. Russland erlebt gerade eine Renaissance konservativer Werte und Stereotype über die Rolle von Mann und Frau. Vielerorts wird Machoverhalten kultiviert – man schaue sich nur das öffentliche Auftreten von Präsident Wladimir Putin an! Gemäss dieser Vorstellung muss der starke Mann alle Entscheidungen treffen. Gleichzeitig übernimmt er aber auch die Verantwortung für das Wohlergehen seiner Frau.

Wie lässt sich das Aufleben solch reaktionärer Werte erklären?
Schwer zu sagen. Wenn du junge Frauen fragst, mit welchem Typ Mann sie ihr Leben verbringen wollen, gilt Nettigkeit vielen als Zeichen der Schwäche. Diese Stereotype sitzen sehr tief. Zudem ist die Schulbildung in Russland nicht gendergerecht. Das merke ich sogar bei den Männern, die in den Projekten unserer Organisation mitarbeiten. Sie sind in vielem progressiv, in Geschlechterfragen sind manche jedoch ziemlich reaktionär eingestellt.

Ein anderer Grund liegt in der Geschichte des Landes: Während des Zweiten Weltkriegs kamen Millionen Männer ums Leben. Dieser Männermangel hat zu Sowjetzeiten dazu geführt, dass Männer in der Gesellschaft einen sehr hohen Stellenwert erhielten, den sie auch immer noch haben. Viele Frauen glauben, sie müssten in erster Linie schön und attraktiv sein, um einen Mann an sich zu binden.

Womit wir wieder bei den Stereotypen wären, die viele im Westen über Russland haben …
Es gibt in Russland natürlich auch andere Frauen. Unsere Hochglanzmagazine reproduzieren jedoch die vorhandenen Klischees: Es geht oft um Weiblichkeit oder darum, wie eine Frau den Mann sexuell verführen kann. Viele Frauen denken nicht darüber nach, was diese Rollenverteilung bedeutet, ein starker Macho gilt ihnen als Beschützer. Vielen kommt gar nicht in den Sinn, dass dieser starke Mann ihnen gegenüber gewalttätig werden könnte.

In der Sowjetunion galt die Frau als produktive Arbeitskraft. «Auf allen Gebieten des wirtschaftlichen, staatlichen, kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Lebens stehen ihr die gleichen Rechte wie dem Mann offen», hiess es in der sowjetischen Verfassung. Wie sah denn die Realität aus?
In der Forschung spricht man von einer «doppelten Belastung» der Frau: Sie sollte gleichberechtigt sein und arbeiten und sich zugleich um Haushalt und Kinder kümmern.

Und wie ging man in der Sowjetunion mit häuslicher Gewalt um?
Offiziell existierte das Problem nicht, es war tabu, darüber zu sprechen. Ich kenne den Fall einer Frau, die 26 Jahre lang von ihrem Mann, einem hohen Parteifunktionär, misshandelt wurde. Weil sie sich um seine Karriere sorgte, schwieg sie.

Ich habe Anfang der neunziger Jahre auch deshalb mit meiner Arbeit angefangen, weil die betroffenen Frauen damals praktisch unsichtbar waren. Gewalt war eine Privatangelegenheit. Früher wurde oft ein Sprichwort benutzt, das das Ausmass der Akzeptanz zeigt: «Er schlägt dich, also liebt er dich.» Dieser Umgang geht auf einen Verhaltenskodex des 16. Jahrhunderts, den «domostroi», zurück, als die Frau Besitz des Mannes war. Unsere Organisation hat mit diesem Sprichwort mal eine Kampagne lanciert.

Wie kamen Sie dazu, sich für Frauenrechte zu engagieren?
Das war Schicksal (lacht). Anfang der neunziger Jahre landete ich als Soziologin bei der Moskauer Akademie der Wissenschaften. Eine unserer Untersuchungen befasste sich mit der Frage «Was bewegt die Frauen in Russland?». Ich bekam Briefe von zwei Frauen, die Opfer von Gewalt geworden waren. Beide schrieben am Ende praktisch das Gleiche: «Ich weiss nicht, an wen ich mich wenden soll. Ihr an der Akademie seid doch klug, wer kann uns weiterhelfen, wenn nicht ihr?» Die Briefe haben mein Weltbild auf den Kopf gestellt und mich sehr bewegt. Als ich begriff, dass weder wir noch eine Behörde den Frauen helfen kann, begann ich, tiefer zu graben.

Wo haben Sie um Rat gefragt?
1991 ging ich nach Göteborg, wo ich die Leiterin des städtischen Krisenzentrums kennenlernte. In Schweden war alles so gut organisiert, während in Moskau die Strukturen völlig fehlten. Als ich nach Russland zurückging, wollte ich den Frauen helfen und richtete ein Notfalltelefon ein.

Kennen Sie auch aus Ihrem persönlichen Umfeld Fälle von häuslicher Gewalt?
Ja, neben den Erfahrungen in Schweden hatte ich auch ein anderes Schlüsselerlebnis: Die Mütter von zwei Schulkameraden meines Sohnes wurden von ihren Männern geschlagen. Als ich sah, wie nah dieses Phänomen an mein eigenes Leben herankam, wollte ich etwas tun. Später merkte ich, dass ich mit einem Notfalltelefon nur einen Bruchteil erreichte. Ich fing an, Schulungen durchzuführen, reiste durch das ganze Land. Irgendwann entstand eine ganze Bewegung.

Was ist für Sie das Schwierigste an Ihrer Arbeit?
Für mich persönlich ist es immer schwierig zu sehen, wenn eine Frau immer wieder zu ihrem Peiniger zurückkehrt. Vor allem dann, wenn die Frau selbst genau weiss, dass ihr Mann sie beim nächsten Mal umbringen könnte – und sie trotzdem nicht von ihm loskommt.

Schwer ist für mich auch zu sehen, unter welchen Extrembedingungen unsere Aktivistinnen in Regionen wie Tschetschenien oder Dagestan arbeiten. Weil sie dort noch stärker gegen die herrschenden Traditionen ankämpfen müssen als in anderen Teilen von Russland, ist ihre Arbeit noch viel härter.

Woher nehmen Sie auch nach zwanzig Jahren noch die Motivation?
Wenn ich sehe, wie unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ganzem Herzen dabei sind oder junge Anwälte für uns kostenlos Fälle übernehmen, gibt mir das Kraft. Ich bin ja nicht alleine, sondern Teil einer Bewegung. Wenn plötzlich Menschen helfen wollen, die es früher vermutlich nicht getan hätten, merke ich, dass sich in der russischen Gesellschaft endlich etwas bewegt hat. Wenn diese neue Energie entsteht, kann ich doch nicht einfach aufhören.

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