Nr. 47/2015 vom 19.11.2015

Die Musik und ihre Fans im Visier

Der Angriff auf das Pariser Konzertlokal Bataclan galt der Popmusik. Weshalb die Rede von einer bedrohten westlichen Kultur trotzdem ins Leere führt.

Von Kaspar SurberMail an AutorIn und Damian Hohl

Die Konzerthalle Bataclan, wo 89 junge Musikfans ihr Leben verloren, geriet nicht zufällig ins Visier des IS – so steht es im mutmasslichen Bekennerschreiben der Attentäter. Das Bataclan habe zu den «minutiös ausgewählten Zielen» in Paris gehört, weil sich hier «Götzendiener zu einer perversen Feier» versammelt hätten. Das Bataclan, bereits im vorletzten Jahrhundert im Chinoiserie-Stil erbaut, drückt bis heute die Sehnsucht nach dem Exotischen aus. Ursprünglich war es ein Tanzlokal, später dem Puls der Grossstadt folgend ein Kino, noch später ein Konzertlokal, angefangen mit einer Reunion der Band Velvet Underground 1972 bis nun zum Auftritt der kalifornischen Stoner-Rocker Eagles of Death Metal am letzten Freitag. Seither steht das bunte Haus als Symbol für einen bewaffneten Angriff auf die Popmusik und ihre Fans.

Wohl gibt es Mutmassungen, das Lokal könnte wegen seiner vormaligen jüdischen BetreiberInnen auch als Zielscheibe für den Antisemitismus gedient haben. Der eine Grund schliesst den anderen auch nicht aus. Dass es der IS generell auf die Popmusik abgesehen hat, darauf deuteten Propagandabilder hin, die er diesen Frühling veröffentlichte: In der libyschen Hafenstadt Derna verbrannten Dschihadisten ein Schlagzeug als «unislamisches» Instrument.

Peitschenhiebe in Timbuktu

Beim Attentat auf das Bataclan handelte es sich denn auch nicht um den ersten Angriff von Islamisten auf die Popmusik und eine damit assoziierte freizügige Lebensweise. Weitgehend unbemerkt von den Feuilletons ist die Musik vor allem in Mali schon länger der Verfolgung ausgesetzt. Mali? Dem westafrikanischen Staat kommt auf der Weltkarte des globalisierten Pop eine hohe Bedeutung zu. Berühmte Namen sind Popsänger Salif Keita, Griotmusiker Toumani Diabaté oder die Wüstenbluesband Tinariwen. Diese orientieren sich an westlicher Rockmusik und vermischen sie mit traditionellen afrikanischen Melodien und afrikanischer Rhythmik.

Einzelne westliche MusikerInnen orten in Mali wiederum die Wiege des Blues, der von hier durch die Sklaverei nach Amerika gekommen sei. Oder um es mit dem Pathos von U2-Sänger Bono zu sagen: «In dieser Gegend ereignete sich der Urknall aller Musik, die wir lieben.» Blur-Sänger Damon Albarn veröffentlichte zusammen mit Koraspieler Diabaté 2002 das Album «Mali Music». Zum wichtigsten Treffpunkt der neuen Weltmusik entwickelte sich das Festival au Désert. Inspiriert von nomadischen Zusammenkünften, fand es bis 2012 in der Sahara in der Nähe von Timbuktu statt.

Die Idee bleibt

Dann starteten Tuaregrebellen in Nordmali einen Aufstand gegen die Regierung. Bald gerieten sie in Konflikt mit islamistischen Gruppen, weil diese die Scharia durchsetzten: Die Musik wie auch der Fussball wurden verboten. Die bedrückende Stimmung hat Abderrahmane Sissako in seinem preisgekrönten Spielfilm «Timbuktu» (2014) dargestellt. Islamisten schleichen nachts zwischen den charakteristischen Lehmhäusern der Stadt umher und versuchen, den Ursprung von Klängen ausfindig zu machen. MusikhörerInnen werden mit Peitschenschlägen bestraft.

Die politische Lage im Norden Malis ist auch nach der französischen Militärintervention instabil. Noch immer leben zahlreiche Tuaregbands im Ausland. Das Wüstenfestival fand aus Sicherheitsgründen nicht mehr statt – erst zog es als Friedenskarawane durch westafrikanische Staaten und landete schliesslich in Berlin im Exil.

Die Attentate von Paris können Anlass bieten für popkulturelle Geisterspiele: dass etwa die IS-Kämpfer, sozialisiert in der hiesigen Popkultur, diese in ihren Propagandafilmen auf die Spitze treiben – und als dunkle Rächer zurückkehren. Doch solcherlei Lesarten reproduzieren, durchaus in der Logik der Dschihadisten, nur das Bild einer westlichen Kultur, die angeblich verweichlicht ist, und eines archaischen Aussen, das waffengestählt hereinbricht.

Der Schauplatz Mali zeigt, dass die Popmusik keine genuin westliche Kultur ist, sondern aus allen Himmelsrichtungen genährt wird. Die Differenzierung, die Musik im besten Fall leistet, kann überall bedroht sein. Der Film «Timbuktu» bietet in einer Szene eine poetische Antwort auf die islamistische Gewalt: Jugendliche spielen Fussball ohne Ball, sie rennen, grätschen und hechten, was das Zeug hält. Frei nach dem Motto: Man kann zwar Bälle oder Instrumente zerstören, aber nicht die Idee vom Spiel.

Damian Hohl und WOZ-Redaktor Kaspar Surber 
sind im St. Galler Konzertlokal Palace aktiv, wo schon mehrere Bands aus Mali spielten.

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