Nr. 47/2015 vom 19.11.2015

Die unheimliche Faszination Dschihad

Der Islamische Staat rekrutiert mit ähnlichen Mechanismen wie eine Sekte und wird darum auch für Mittelschichtkinder immer attraktiver, sagt der Soziologe Amir Sheikhzadegan.

Interview: Noëmi LandoltMail an AutorIn

WOZ: Herr Sheikhzadegan, ist der Dschihad ein Krieg des Islam gegen den Westen?
Amir Sheikhzadegan: Die meisten Dschihadisten unterscheiden nicht zwischen dem Westen und dem Islam. Sie betrachten sich selbst als einzig wahrhafte Muslime und alle anderen als Ungläubige. Und wer nicht ein wahrhafter Muslim ist, ist für sie auch kein Mensch. Die meisten Opfer des Islamismus sind Muslime.

Die französische Anthropologin Dounia Bouzar hat kürzlich gesagt, der Islamische Staat (IS) stehe den Nazis näher als den Muslimbrüdern. Er verfolge keine politischen Ziele, sondern allein die Vernichtung all jener, die ihm nicht die Treue schwörten. Was halten Sie von dieser Einschätzung?
Diese Analogie ist durchaus berechtigt. Der IS folgt einer totalitären Ideologie, die vergleichbar ist mit der Naziideologie. Um den Dschihadismus zu verstehen, muss man den Totalitarismus des 20. Jahrhunderts verstehen. Ähnlich wie beispielsweise der Kommunismus will er eine radikale Alternative zum bestehenden System bieten. Der Dschihadismus hat auch insofern vom Kommunismus gelernt, als er Imperialismuskritik und Kapitalismuskritik vereint.

Inwiefern hat diese Art des Dschihad mit dem Islam zu tun?
Wer danach sucht, findet im Koran Argumente für Gewalt gegen Ungläubige – ebenso wie in der Bibel. Praktisch jede heilige Schrift lässt sich so interpretieren, denn viele Religionen kennen den Anspruch auf absolute Wahrheit und die Zweiteilung der Menschheit in Gläubige und Ungläubige. Ich halte nichts davon, sich auf Koranverse zu beziehen, um den Dschihadismus zu verstehen. Soziologische Analysen sind für das Verständnis eines Phänomens wie des IS viel hilfreicher.

Diverse solcher Studien belegen, dass viele europäische Dschihadreisende nicht aus religiösen Elternhäusern stammen.
Der IS verbreitet primär eine Ideologie, die mit Religion nicht viel zu tun hat, und verfügt gleichzeitig über ein grosses demagogisches Repertoire. Er hat sich von der kapitalistischen Werbebranche inspirieren lassen. Das sind professionelle Werbeleute, die wissen, wie man ansprechende Bilder und Videos produziert.

Das allein erklärt noch nicht die Anziehungskraft auf junge Menschen.
Der IS bietet mit seiner Ideologie eine einfache und radikale Antwort auf die Miseren der heutigen Welt. Parteien können dies nicht. Ich erreiche keine radikalen Änderungen, wenn ich anstatt der rechtsbürgerlichen eine sozialdemokratische Partei wähle. Die Welt bleibt so schlecht, wie sie ist. Viele junge Menschen gehen daher gar nicht mehr an die Urne. Dann kommt der Islamische Staat mit einfachen Antworten auf Fragen wie: Warum gibt es Armut? Warum werden Muslime unterdrückt? Er vereinnahmt die Individuen, verändert ihre Weltanschauung und ihre Beziehungen zum ursprünglichen Umfeld, verursacht einen radikalen Bruch in der Biografie und verspricht gleichzeitig einen Lebenssinn. Das kann sehr faszinierend sein. Solche Mechanismen kennen wir auch von anderen Sekten her. Das erklärt, warum der Dschihad zunehmend auch für Mittelschichtkinder ohne Migrationshintergrund attraktiv ist.

Die meisten europäischen Dschihadisten ziehen von Frankreich aus in den heiligen Krieg. Wie kommt das?
Dafür sind drei Prozesse der französischen Geschichte verantwortlich: erstens die brutale Kolonialgeschichte, die bis in die sechziger Jahre andauerte. Nach deren Ende sind die Kollaborateure der Kolonialisten nach Frankreich geflüchtet. Doch dort hatte man keine Verwendung mehr für sie. Sie lebten marginalisiert an den Rändern der grossen Städte, wo die Banlieues entstanden und mit ihnen eigene Subkulturen und normative Systeme, die bis heute Bestand haben. Zweitens haben Frankreich und Belgien im Unterschied zu Deutschland und der Schweiz bei der Integration von Migrantinnen und Migranten in den Arbeitsmarkt kolossal versagt, was sich an der chronisch hohen Arbeitslosenquote zeigt.

Und drittens?
Der dritte Punkt ist der französische Laizismus. Er ist insofern nachvollziehbar, als sich die französische Revolution nicht nur gegen die Monarchie, sondern auch gegen die katholische Kirche richtete. Doch eine junge Muslima, die heute keine Stelle findet oder von der Schule fliegt, weil sie ein Kopftuch trägt, wird abgehängt von der Mehrheitsgesellschaft. Sie muss sich eine Arbeit in der Subkultur suchen. Es gibt für sie keine Möglichkeit, ihrer Religion treu zu bleiben und sich trotzdem in die Gesellschaft zu integrieren. Alle diese Punkte bieten einen Nährboden für Radikalisierung.

Nach dieser Logik müsste es unzählige Selbstmordattentäterinnen geben.
Natürlich wird niemand allein durch Marginalisierung zum Dschihadisten. Selbstmordattentäter sind so indoktriniert, dass sie bereit sind, sich selbst zu opfern, um dem Feind den grösstmöglichen Schaden zuzufügen. Sie sterben den Märtyrertod und glauben, so von allen Sünden gereinigt ins Paradies zu finden.

Es gibt auch Aussteiger.
Es wird immer wieder von IS-Leuten berichtet, die zur Normalität zurückkehren wollen. Doch dieser Weg ist ihnen versperrt. Sie haben Angst, als Deserteure vom IS hingerichtet zu werden, und wenn sie es zurück nach Europa schaffen, drohen ihnen Gefängnis und Stigmatisierung. Es ist aber wichtig, reuigen Dschihadisten die Möglichkeit zu geben, zurückzukommen. Im dänischen Aarhus versucht man beispielsweise, solche Leute mit sozialarbeiterischen Methoden aufzufangen. Doch Dschihadrückkehrer werden generell als Bedrohung für Europa wahrgenommen. Wir befinden uns diesbezüglich in einer Sackgasse.

Was schlagen Sie vor?
Kurzfristig müssen wir auf die Symbolik achten, Muslime nicht unter Generalverdacht stellen und Islamophobie konsequent bekämpfen. Wir müssen Muslimen klar zeigen, dass sie willkommen und ein Teil von Europa sind.

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