Nr. 47/2015 vom 19.11.2015

Mit Greis auf der Santa Maria

Von Kaspar SurberMail an AutorIn

Das neue Album von Greis gibt es nicht nur zum Hören, sondern auch zum Durchblättern: «Hünd i parkierte Outos», wie es schön lakonisch heisst, erscheint nämlich auch als Comic. Zu jedem Song hat das Bieler Grafikkollektiv Hyperraum eine Episode gezeichnet. Darin sind selbstverständlich hechelnde Hunde in parkierten Autos zu sehen, aber auch freundliche Rüsseltiere, böse Clowns und eine ominöse Opernsängerin namens Lyubow Orlowa. In den Songs bleibt Greis seinen Themen treu: der Strasse, der Schweiz und der Welt. Locker zur Gitarre stimmt er mit Michael von der Heide ein Duett über Knastbrüder an, eine gelungene Adaption von Joan Baez’ «Prison Trilogy». Historisch versiert rappt er über die Gründung der Schweiz 1848 und darüber, dass die Geschichte dieses Landes schon immer global verflochten war.

Zum veritablen Hit wächst sich «Santa Maria» aus. Es handelt von einem schlauen Jungen aus dem Quartier, der seine Träume verwirklichen will. «Irgendwenn bou ig es schiff u fahre zu mire bestimmig, nur bewaffnet mit zueversicht. Santa maria, i nennes de santa maria.» Mit dem Schiff will er wie Kolumbus zum Entdecker werden – und wird am Strand von Sirenengeheul und Helikoptern empfangen: «Uf mire santa maria fahri geng witter use u chume dert a woni cha neu aafa, am ufer vo lampedusa.» Wie Greis den Beginn der europäischen Expansion mit den gegenwärtigen Migrationsbewegungen verknüpft, dafür verleihen wir ihm an dieser Stelle einen postkolonialen Grammy.

Zum optimistischen Text ertönt eine heitere, vorwärtsziehende Melodie à la Manu Chao. So wie die Ikone der Antiglobalisierungsbewegung lieferte Greis mit seinem Debüt «Global» einst den Soundtrack für manche Demonstration. Sein neues Album zeigt, dass er in den letzten fünfzehn Jahren nicht zynisch geworden ist. Seine Musik bleibt, wie er den jungen Flüchtling beschreibt: bewaffnet mit Zuversicht.

Erste Konzerte in Zürich, Exil, 27. November 2015; 
Bern, Dachstock, 4. Dezember 2015; Biel, Le Singe, 
5. Dezember 2015.

Der Comic ist via www.hyperraum.cc 
oder im Comicladen erhältlich.

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