Nr. 50/2015 vom 10.12.2015

Ausgeschlossen in Istanbul

Von Rahel Locher

Im Bus neben Hayat (Beren Tuna) sitzt ein Mann mit gespreizten Beinen. Angewidert und sichtlich bedrängt versucht sie, von ihm abzurücken – und erreicht damit nur, dass der Mann seine Beine noch weiter öffnet. Diese auf den ersten Blick triviale Szene verweist auf ein Grundmotiv in Esen Isiks Episodenfilm «Köpek» (Hund): Gewalt, oft subtil, manchmal exzessiv und immer in eindeutige Machtverhältnisse eingebettet.

Hayat ist eine dieser drei an den Rand gedrängten Figuren, die die Schweizer Regisseurin in ihrem ersten Spielfilm durch einen Tag in ihrer Herkunftsstadt Istanbul begleitet. Hayats Ehemann Mustafa (Baris Atay) überwacht jeden ihrer Schritte. Einmal schlägt er sie auf offener Strasse, weil sie ihm nicht verraten will, wo sie gerade herkommt. Ein Streifenwagen hält an, der Polizist lässt sich aber von Mustafa beschwichtigen und meint zu Hayat schliesslich bloss: «Ich habe mit deinem Mann geredet. Er wird dir nichts tun. Halt einfach den Mund.»

Die Gewalt gegen Frauen und Homosexuelle treibt Esen Isik seit langem um: Für deren Rechte demonstrierte sie schon als Gymnasiastin in der Türkei. Zwei getötete Frauen täglich allein in Istanbul – so liest sich eine aktuelle Bilanz dieser Gewalt. Ein Thema, das Isik auch an ihrem jetzigen Wohnort Zürich nicht losliess: Neben ihrer Tätigkeit als Filmemacherin arbeitet sie in einem Frauenhaus.

In «Köpek» betreibt die Polizei Täterschutz oder wendet selbst Gewalt an. So gegenüber dem zehnjährigen Cemo (Oguzhan Sanca), der Taschentücher verkauft, um das Einkommen seiner Familie aufzubessern. Cemo füttert seine kranke Grossmutter und den jungen Welpen, den er gefunden hat. Die Transfrau Ebru (Cagla Akalin) steht sowieso quer zu allen gesellschaftlichen Normen. Ständig ist Ebru den Blicken von PassantInnen ausgesetzt, doch diese stehen nur da und schauen zu, als sie auf einem belebten Platz angegriffen wird. «Köpek» zeigt die harte Realität – und besticht auch durch die sorgfältig gefilmten Begegnungen, die Körpersprache der Figuren, die sich in langsamen Einstellungen entfaltet.

Ab 10. Dezember 2015 im Kino.

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