Nr. 52/2015 vom 24.12.2015

Stille Darts, heilige Darts

Etrit Hasler empfiehlt Darts als Weihnachtsprogramm

Von Etrit Hasler

Ich werde in diesen Tagen von meinen Mitmenschen ziemlich schräg angesehen – okay: etwas schräger als sonst. Denn während andere Menschen sich in der Weihnachtszeit vor allem dem Spengler-Cup widmen oder – wie abartig – die Fussballwinterpause mit Geschenkorgien, Fressgelagen und Kampftrinken verbinden, hänge ich derzeit tageweise vor dem Fernseher und konzentriere mich auf das wichtigste Ereignis des Sportjahrs: Seit dem 17. Dezember läuft nämlich wie jeden Winter die Darts-Weltmeisterschaft.

Zugegeben – Darts ist eine recht kurios anmutende Sportart: Zumeist übergewichtige, angelsächsische Männer mit Haarausfall werfen Metallpfeile auf ein Brett aus Sisalfasern und trinken dabei Unmengen von Bier. Und falls Sie sich jetzt wundern, was zur Hölle Sisalfasern sind: Das ist gar nicht so wichtig, auch wenn ich es als Ehrensache betrachte, dass der Dartsport damit seinen Beitrag zur weltweiten Tequilaknappheit leistet. Aber ich schweife ab.

Denn Darts ist vor allem der perfekte Sport für die Weihnachtszeit – die Fernsehübertragungen dauern Stunden, die Regeln sind in zwei Sätzen erklärt, und wer eine zusätzliche Ausrede braucht, sich über die Festtage zu betrinken, dem empfehle ich das Trinkspiel, bei dem man bei jedem 180-Punkte-Wurf einen Schluck nimmt. Da kommt die Stimmung recht schnell im Kreislauf an.

Und auf der narrativen Ebene enthält die Darts-WM alles, was wir an der Weihnachtszeit so schätzen: herzerwärmende Geschichten wie diejenige von Raymond van Barneveld, der liebenswürdigen Vaterfigur der Dartszene, der in der ersten Runde seinen Ziehsohn Dirk van Duijvenbode eliminieren musste. Seine als Bananen kostümierten Fans waren zu Tränen gerührt. Dramatische Geschichten wie jene des 55-jährigen Neulings Aleksandr Oreshkin aus St. Petersburg, der in seinem Erstrundenduell gegen den Weltranglistenvierzehnten Mervyn King zwei Sätze vorne lag und dann doch noch verlor – der russische Weirdo mit der Vokuhilafrisur, seinem mit Buttons dekorierten Fussballschal und einem Ring an jedem Finger seiner Wurfhand verwirrte die englischen Fernsehmoderatoren so sehr, dass sie seine Niederlage mit «Sanity has been restored» kommentierten.

Natürlich gehören zur Weihnachtszeit auch übergewichtige angelsächsische Männer mit Haarausfall wie Santa Claus oder Phil «The Power» Taylor, der ehemalige Fabrikarbeiter, der mit 27 Jahren zum Dartsport fand und sich zum vielleicht besten Spieler aller Zeiten und ersten Dartmultimillionär mauserte. Taylor hat zwar seine besten Jahre hinter sich, doch solange der 55-Jährige seinen Körper noch an ein Dartbrett schleifen kann, darf man ihn nicht unterschätzen.

Favorit in diesem Jahr ist jedoch Michael «Mighty Mike» van Gerwen. Der 26-jährige Holländer wirkt in Interviews aufgrund seines liebenswürdigen Sprachfehlers, seiner Glatze, seines Hechtgebisses und der Tatsache, dass er irgendwie seinen Mund nie ganz schliessen kann, zwar ein bisschen wie ein minderbemittelter Penis auf Beinen. Doch wer ihn einmal an einem Brett gesehen hat, der weiss: Er ist eher das inzestuöse Kind der Zwillingsgottheiten Apollon und Artemis – SchutzpatronInnen aller Sportarten mit Zielscheiben. Van Gerwens Wettquote liegt laut Turniersponsor bei irren 11 : 10 – so viele setzen auf ihn, dass sie nur gerade 110 Prozent ihres Wetteinsatzes bekommen, wenn er gewinnt. Im Vergleich zur nächsthöheren Quote von 4 : 1 auf Taylor ein Zeugnis für van Gerwens Dominanz.

Zwar erging es van Gerwen in der ersten Runde ähnlich, nur umgekehrt wie Mervyn King: Nachdem er zwei Sätze in Führung lag, zwang ihn sein Gegner, der Turnierneuling René Eidams, noch in ein Tiebreak. Dort packte er dann seinen artemisischen 180er (Prost!) aus und gewann noch in extremis. Und was sagte er dazu im Interview? «Äh, äh, nach Weihnachten bin ich bereit.» Na dann: Schöne Festtage.

Etrit Hasler hätte gerne zu Weihnachten Sepp Blatter Jus-Nachhilfe erteilt, aber Ruedi Widmer (der übrigens auch ein bisschen aussieht wie Michael van Gerwen, aber kein Hechtgebiss hat) war schneller. Lesen Sie seine grossartige Kolumne auf Seite 4.

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