Nr. 52/2015 vom 24.12.2015

«Wir wollen nach Hause, das Meer sehen»

Seit vierzig Jahren ist der Konflikt um die Westsahara ungelöst. Ebenso lange schon setzen sich solidarische SchweizerInnen für die Sahrauis ein. Was treibt sie an, und wie geht es den Menschen in den Lagern heute?

Von Judith Huber (Text) und François Gribi (Foto), Smara und Laayoune

«Ungerechtigkeit kann ich nicht akzeptieren»: Kulturgeografin Elisabeth Bäschlin mit dem sahrauischen Agronomen Taleb Brahim im Lager Laayoune in Algerien.

Elisabeth Bäschlin ist siebzig. Doch wenn sie lächelt und der Schalk aus ihren blauen Augen blitzt, dann wirkt sie wie ein junges Mädchen. Die Bernerin fährt sich mit der Hand durch die kurzen, grauen Haare und sagt: «Ich kann doch jetzt nicht aufhören! Ich kann doch den Sahrauis nicht sagen: ‹Tschüss, machts gut, ihr interessiert mich nicht mehr. Ich richte mich jetzt in meinem ruhigen Leben ein.› Nein. Solange ich Kraft habe, mache ich weiter.» Fast vierzig Jahre schon unterstützt Elisabeth Bäschlin die Sahrauis in ihrem Kampf um Selbstbestimmung, praktisch seit den Anfängen im Winter 1975/76, als Marokko die Westsahara besetzte und ein grosser Teil der sahrauischen Zivilbevölkerung in Algerien Zuflucht suchte (vgl. «Vierzig Jahre Konflikt» im Anschluss an diesen Text).

«Als ich damals eingestiegen bin, dachten wir alle, das geht zwei, drei Jahre, dann ist der Konflikt beendet. Völkerrechtlich war die Lage ja derart klar.» Doch da hatten sich Bäschlin und ihre MitstreiterInnen gründlich getäuscht. Der Krieg zwischen der sahrauischen Befreiungsbewegung Frente Polisario und Marokko endete zwar 1991 mit einem Waffenstillstand; das damals von der Uno versprochene Referendum über die Selbstbestimmung ist aber bis heute nicht abgehalten worden. Rund 150 000 Sahrauis leben nach wie vor ohne Perspektiven und ohne Arbeit in Lagern in der algerischen Wüste. Die Kulturgeografin Bäschlin reist zweimal pro Jahr dorthin, um die Projekte des Schweizerischen Unterstützungskomitees für die Sahraouis (SUKS) zu besuchen. Daneben koordiniert sie die Solidaritätsarbeit mit anderen europäischen Komitees, organisiert Veranstaltungen, macht Öffentlichkeitsarbeit. Ein Fünfzigprozentjob sei das, sagt sie.

Der Waadtländer Briefträger

Hilfe in den Lagern und Öffentlichkeitsarbeit in der Schweiz – das waren von Anfang an die Ziele des SUKS, das im Frühling 1976 gegründet wurde. Der erste Präsident war der Schweizer Arzt Emmanuel Martinoli; er und seine Frau waren im April 1976 bei der ersten Ärztemission in die Lager dabei. Damals ging es vor allem darum, den geflüchteten Menschen das Überleben zu sichern und medizinische Hilfe zu leisten. Das Ehepaar Martinoli setzt sich bis heute für die Sache der Sahrauis ein, genau wie Bäschlin. Auch der kürzlich verstorbene Arzt Jean-Claude Vautier aus der Waadt war dabei. Er erarbeitete sich in den Flüchtlingslagern nicht nur das Vertrauen des Frente Polisario, sondern auch das seiner marokkanischen Kriegsgefangenen. Und er leistete als «Briefträger» diesen – inzwischen freigelassenen – Gefangenen und deren Angehörigen unschätzbare Dienste. Man erzählt sich, dass Vautiers Telefonnummer während des Krieges in marokkanischen Kasernen hing – für die Angehörigen von Soldaten, die nicht wussten, ob diese gefallen oder gefangen genommen worden waren.

Warum dieses Engagement, diese Ausdauer? Elisabeth Bäschlin muss nicht lange überlegen: «Den Sahrauis ist Ungerechtigkeit widerfahren. Das kann ich nicht akzeptieren.» Gab es denn keine Enttäuschungen? Sie identifiziere sich nicht einfach mit dem Frente Polisario, sagt Bäschlin, aber sie habe grosse Hochachtung dafür, wie dieser in den Lagern einen Exilstaat mit funktionierenden demokratischen Institutionen aufgebaut habe. Sie erwarte jedoch nicht, dass die Sahrauis ihre Idealgesellschaft verwirklichten. Und wenn sie jemanden für nicht integer halte, dann arbeite sie mit dieser Person nicht mehr zusammen. Ausserdem sage sie ihren Partnern klar, was sie denke. Etwas, das man Bäschlin sofort glaubt, wenn man einmal ihre nüchterne und unverblümte Art kennengelernt hat.

Das SUKS unterstützt mehrere Projekte in den Lagern. Sein Schwerpunkt liegt auf der Jugendarbeit. Das geht auf eine Initiative der sahrauischen Jugendorganisation UJSARIO zurück. Die realisierte, dass sie mehr für die Jugendlichen tun muss, die besonders stark unter der Perspektivlosigkeit in den Lagern leiden; sie brechen etwa die Ausbildung ab oder drohen in die Delinquenz abzurutschen. Das war der Anfang der Jugendprojekte des SUKS. Auch wenn man sich sehr wohl bewusst ist: Wirklich vorwärts geht es nur, wenn das politische Problem der Sahrauis gelöst wird.

Um die Projekte zu besichtigen, muss man von der Schweiz aus rund 2500 Kilometer weit reisen. Es geht nach Smara, in die grösste der fünf Flüchtlingssiedlungen der Sahrauis nahe der südalgerischen Stadt Tindouf. Es sind Szenen der Zerstörung, die wir dort im November antreffen. Ganze Häuser sind eingestürzt, Seitenwände sind weggebrochen, sodass das Innere sichtbar wird – Säulen etwa, verzierte Innenwände. Schuld daran ist der sintflutartige Regen, der im Oktober tagelang über der Region niederging – einer Region, in der es nur sehr selten regnet. Die einfach gebauten Lehmhäuser fielen in sich zusammen, der Hausrat wurde durchnässt, die Menschen müssen gegenwärtig dicht zusammengedrängt in Zelten leben.

«Unsere Träume sind kaputt»

Der Besuch in einem der Jugendzentren in Smara zeigt: Auch hier ist viel kaputtgegangen. Von fünf Computern sind vier beschädigt. Wenigstens der Töggelikasten ist ganz geblieben. Die Bücher in der Bibliothek sind nass, ganze Wände drohen einzustürzen. Trotzdem haben sich Dutzende Frauen, jüngere und ältere, eingefunden. Sie alle tragen das traditionelle farbige Wickelgewand der Sahrauis, die Melhfa. Eine Gruppe sitzt in einem karg eingerichteten Raum auf niedrigen Sitzkissen oder direkt auf dem Boden. Es sind die Leiterinnen des Zentrums. Sie unterrichten Informatik oder Sprachen, geben Nähkurse, leiten einen Coiffeursalon oder treiben – zusammen mit männlichen Kursleitern – mit den Jugendlichen Sport und organisieren Wettkämpfe. Oder sie lassen die Jungen, die ins Zentrum kommen, selber entscheiden, womit sie sich beschäftigen wollen.

Eine ältere Frau in einer himmelblauen Melhfa ergreift das Wort: «Früher mussten wir uns draussen versammeln, wir waren völlig ungeschützt. Wir hatten kein Material, keine Räume. Jetzt haben wir dieses Zentrum. Wir sind dafür dankbar.» Eine jüngere Frau namens Mermadah unterbricht. Auch sie bedankt sich, aber dann bricht es aus ihr heraus: «Wir wollen nicht mehr länger hier bleiben. Ich habe mein Leben im Lager verbracht, hier meine Jugend verloren. Ich habe drei Kinder. Ich wünsche mir so sehr, dass sie es anders haben.» Es wird laut, andere Frauen pflichten ihr bei. Eine sagt: «Wir wollen nicht hier in der Wüste sterben, wir wollen wie alle anderen leben, glücklich sein, das Meer sehen, Bäume, Blumen. Wir wollen nach Hause.» Eine andere ruft: «Auch wir haben das Recht auf Menschlichkeit. Unsere Träume sind kaputt, unsere Geduld ist erschöpft. Bitte schreiben Sie das, damit es alle wissen.»

Viel nützen wird das nicht. Der Westsaharakonflikt ist in Vergessenheit geraten und von der internationalen Agenda verschwunden. Es gibt zwar in einigen europäischen Ländern eine starke Solidarität in den Zivilgesellschaften mit den Sahrauis, vor allem in Spanien, aber auch in Frankreich oder Italien. Doch die jeweiligen Regierungen unterstützen die marokkanische Position; Marokko kann sehr gut mit dem Status quo leben. Die Haltung der Regierungen hat mit Wirtschaftsinteressen zu tun, aber sie hat auch politische Gründe. Marokko gilt als Stabilitätsanker in der Region, und vor allem in Sachen Flüchtlinge und MigrantInnen ist man auf die Zusammenarbeit mit dem Königshaus angewiesen. Die Drohung Marokkos, die Grenzen für die Flüchtlinge Richtung Europa zu öffnen, ist immer wieder ausserordentlich wirksam.

Die Französin Elisabeth Peltier, die ganz alleine Hilfsgüter in die Lager gebracht hat, sagt, politisch etwas zu bewegen, sei fast unmöglich. Niemand komme an Veranstaltungen. Wenn sie mit PolitikerInnen spreche, dann sagten diese, sie könnten nichts tun. «In Frankreich herrscht eine Art Omertà in Sachen Westsahara», sagt Peltier. Die Elite sei eng mit Marokko verbunden. Der sahrauische Menschenrechtler Abdeslam Omar Lahcen sieht einen Zusammenhang mit der Entkolonialisierung. Diese sei sehr mangelhaft gewesen. Europa habe geholfen, Phantomregierungen zu errichten, die die neokoloniale Politik Europas mittrügen. Das habe zu einer grossen Abhängigkeit geführt, und diese berge Erpressungspotenzial. «Und wir tragen die Folgen davon», sagt Lahcen. Der Menschenrechtler hat den Eindruck, dass früher die Solidarität in Europa grösser gewesen sei. Geld sei Nebensache gewesen. Heute seien die EuropäerInnen zu vielen Zwängen unterworfen, die Menschen dächten nur daran, wie sie die Miete oder ihre Schulden zahlen – oder an welchem exotischen Ort sie die Ferien verbringen könnten.

Wunder in der Wüste

Wir fahren ins Lager Laayoune und treffen dort einen Zauberer. Er heisst Taleb Brahim, ist Agronom und arbeitet im Landwirtschaftsministerium. Brahim zaubert Gemüsegärten in die Wüste. Der Boden ist nährstoffarm, das Grundwasser leicht salzhaltig. Doch hier, mitten in der ockerfarbenen Sandlandschaft, wachsen hinter niedrigen Mauern Randen, Zucchetti, Krautstiel und Basilikum. In einem Gewächshaus spriessen Gurken, Tomaten und Auberginen. Ein winziger Moringabaum trotzt dem Wüstenwind. Brahim schwört auf diese Bäume: Sie ertragen Dürre, geben Schatten, wachsen schnell, und ihre nährstoffreichen Äste und Blätter verwendet er als Mulch und Kompost. Eine Pumpe zapft das Grundwasser an, ein Filter reinigt es von Sand, Tröpfchenbewässerung beugt der Verdunstung vor, ausgeklügelte Fruchtfolgen und der Anbau von nährstoffhaltigen Pflanzen machen das Wunder komplett. Brahim verwendet weder Kunstdünger noch Chemie.

230 solcher Familiengärten gibt es alleine in Laayoune. Brahim will damit seinen Landsleuten helfen, auf eigenen Füssen zu stehen. Seit vierzig Jahren seien sie von Nahrungsmittelhilfe abhängig, sagt der Agronom. Das Projekt gebe ihnen ihre Würde zurück. Brahims Traum ist es, überall Bäume zu pflanzen. «Damit wir dann, wenn wir in unsere Heimat zurückkehren, unseren algerischen Gastgebern eine grüne Wüste hinterlassen.»

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