Nr. 03/2016 vom 21.01.2016

«Es gibt viele, die glauben, sie seien das unentdeckte Talent»

Corinna Glaus ist eine der wichtigsten Castingleute im Land. Sie gibt dem Schweizer Film viele seiner Gesichter und bedauert dabei, dass hierzulande so wenig starke Frauenrollen zu vergeben sind.

Von Denise Bucher

Es muss den Hintereingang nehmen, wer gross herauskommen will. Den Hintereingang zum sparsam, aber warm eingerichteten Castingbüro von Corinna Glaus in Zürich.

Der Holzboden knarzt unter den Füssen, zuerst im Flur, dann in dem einen grossen Zimmer, wo ein Tisch steht mit ein paar Stühlen drum herum, daneben an der Wand ein Regal voller Bücher über Regisseure, Schauspielerinnen, Filmkunst. Plakate von «Heidi», «Schellen-Ursli» und «Amateur Teens» hängen an einem Tresen, der den Raum von Corinna Glaus’ Arbeitsplatz trennt. «Entschuldigung, ich muss noch rasch ein Mail fertig schreiben», sagt sie. Eine Minute später kommt sie mit ausgestreckter Hand auf mich zu. «Können wir Du sagen? Das ist einfacher.»

Corinna Glaus, 1957 in Zürich geboren, ist eine der wichtigsten Casterinnen der Schweiz. Sie hat Ethnologie studiert und auf deutschen Bühnen Theaterstücke inszeniert, bevor sie 1980 zum Schweizer Film wechselte und mit dem Casting in Berührung kam. 1997 gründete sie ihr eigenes Büro. Sie besetzt zwar sehr viele Filme – «aber natürlich hat man auch Chancen auf eine Rolle, wenn man nicht in meiner Kartei ist». Sie lacht. Sie ist auch nicht die Einzige in der Schweiz, es gibt neben ihr noch Ruth Hirschfeld und Susan Müller, die beide ebenfalls ihr Büro in Zürich haben. Und manchmal erledigt ein Regisseur, eine Regisseurin das Casting allein. Aber das sind nicht viele.

Wie die Regie tickt

Ihre Arbeit bezeichnet Corinna Glaus als Dienstleistung an der Regie, gegenseitiges Vertrauen ist die Währung. Wenn sie, wie jetzt bei einigen Projekten, die im Januar anlaufen, in der Finanzierungsphase von der Produktionsfirma zum Team geholt wird, leistet sie Grundsatzarbeit. Sie bestimmt mit, in welche Richtung sich der Film entwickelt. «Da schlägst du die Pflöcke ein. Es gibt ein Drehbuch, eine Idee, einen Vorschlag von der Produktion für die Besetzung der Hauptrollen.»

Das Wichtigste für sie ist jeweils herauszufinden, wie die Regie tickt: «Ist es jemand, der Lust hat, mit Schauspielern etwas zu erarbeiten, auch mit unerfahrenen? Oder jemand, der auf Sicherheit geht?»

Je mehr ProduzentInnen involviert sind, desto komplizierter wird die Diskussion, weil alle Geldgeber etwas zu sagen haben. Vor allem bei internationalen Koproduktionen, wo sie manche ProduzentInnen oft gar nie zu Gesicht bekommt: «Umso schwieriger ist es dann, deren Entscheidungen nachzuvollziehen. Besonders wenn sie nicht künstlerisch oder inhaltlich, sondern kommerziell motiviert sind.»

Sobald man sich geeinigt hat, arbeitet Corinna Glaus eine Favoritenliste aus, lädt die KandidatInnen zum Casting ein, damit sie der Regie schliesslich vier bis fünf Vorschläge unterbreiten kann. Um einen Schauspieler vermitteln zu können, muss Glaus die Person zuerst so gut wie möglich kennenlernen. Das ist in der Schweiz gar nicht so einfach. Erstens weil die Filmwirtschaft klein ist: Die SchauspielerInnen sind nicht permanent am Drehen, und es gibt wenig aktuelles Material von ihnen. Zweitens gibt es hier keine Agenturen, die Portfolios von ihren KünstlerInnen erarbeiten würden.

Dazu komme, so Glaus, dass viele SchauspielerInnen die Haltung hätten: Drehen ist lässig, aber der Aufwand, ein Showreel zusammenzustellen, ist mir zu gross. So muss sie sich manchmal persönlich darum kümmern, möglichst viel präsentables Material zusammenzusuchen oder auch Testvideos zu drehen. Natürlich ist es auch in ihrem eigenen Interesse, ihre SchauspielerInnen möglichst gut aussehen zu lassen: «Ich muss der Regie die Sicherheit geben können, dass es sich lohnt, die betreffende Person zu einem Casting einzuladen oder sogar gleich zu besetzen.»

Corinna Glaus spricht mit ruhiger, fast mädchenhafter Stimme. Und wenn sie von den Talenten redet, die sie vermittelt, kommt sie einem vor wie eine Mutter, die ihre Kinder umsorgt. Es ist ihr ein Anliegen, immer wieder neue, auch junge Gesichter ins Spiel zu bringen. Auch darum hat sie vor acht Jahren das Promotions- und Förderprojekt «Jungtalente» gegründet. Sie organisiert dann jeweils ein grosses Casting an in- und ausländischen Schauspielschulen und produziert mit einer Auswahl von acht bis zehn Talenten einige Szenen – alles, um Regisseurinnen, Produktionsfirmen und Agenten «auf die jungen Leute aufmerksam zu machen, solange sie auch wirklich noch jung sind», wie sie sagt.

Es kommen immer Menschen

Am schwierigsten zu casten seien Kinder, sagt Glaus. Zwar finde man an Kindertheatern und bei TheaterpädagogInnen immer solche, die Freude am Spielen hätten, was die wichtigste Voraussetzung sei. «Aber ob sie dann auch etwas können, ist eine andere Frage.» Auch bei «Heidi» hat Corinna Glaus lange und intensiv gesucht. Zu solchen Castings kommen manchmal Hunderte von Kindern: «Man sitzt da und schaut sich eines ums andere an. Fünfzig pro Tag. Das ist extrem ermüdend. Weil ja immer ein Mensch kommt, ein Kind, das etwas mitbringt und zu dem man einen Kontakt herzustellen versucht. Nach solchen Castings ist man nudelfertig.»

Manchmal erlebt sie auch amüsante Situationen. Vielleicht wegen dieser Castingshows im Fernsehen: «Manche kommen und glauben, sie müssten jetzt vor einer Jury und einem Publikum vortanzen.» Dabei hat ein Spielfilmcasting nichts mit solchen Talentshows zu tun. Das findet im kleinen Rahmen statt und hat eher den Charakter einer Probe als den einer Show. Da gebe es manchmal verquere Selbsteinschätzungen, vor allem von LaiInnen, egal welchen Alters: «Sie glauben, sie seien das unentdeckte Talent, haben aber keine Ahnung, worum es geht. Es kann schon sein, dass die Idee, mit nichts berühmt werden zu können, während der letzten Jahre an Bedeutung gewonnen hat.» Sie lacht. «Aber die Schauspielerei ist ein Beruf, für den man grosses Talent braucht und der einem viel abverlangt.» Talente hat Corinna Glaus im Lauf ihrer Karriere schon einige entdeckt. Zu den jüngeren gehören Max Hubacher («Der Verdingbub») oder zuletzt Annina Walt («Nichts passiert») und Ella Rumpf («Chrieg»). Letztere kannte sie bereits, weil diese bei ihr einmal ein Praktikum gemacht hatte.

Der Holzboden knarzt. Glaus’ Assistentin kommt herein, entschuldigt sich für die Störung und legt ihr ein Bündel Papiere auf den Schreibtisch. Neue Bewerbungen vielleicht? Pro Tag melden sich zwischen zehn und dreissig SchauspielerInnen bei Corinna Glaus. Trotzdem sieht man in Schweizer Filmen doch sehr häufig dieselben Gesichter. Bruno Ganz. Roeland Wiesnekker. Joel Basman. Liegt das an der Castingfrau und ihren persönlichen Präferenzen? Oder gibt es einfach nicht mehr Talente in der Schweiz?

Corinna Glaus lacht. «Es ist alles aufs Mal.» Es sei hier genau gleich wie in den umliegenden Ländern: Film ist eine teure Kunst, darum besetzt man Hauptrollen gern mit bekannten Gesichtern. «Wenn ein französischer Regisseur Monica Bellucci dabei hat, ist der Film gemacht – der Name fasziniert, Publikum ist garantiert.» Ein weiterer Grund: eine gewisse Eitelkeit von RegisseurInnen. «Sie sind stolz darauf, wenn sie mit jemandem wie Bruno Ganz oder Ursina Lardi arbeiten können. Natürlich sind das auch erwiesenermassen gute Schauspieler, die eine Geschichte quasi allein zu tragen vermögen.»

Kaum gute Frauenrollen

Und schliesslich, Corinna Glaus formuliert es vorsichtig, gebe es zu wenige Filme mit so wunderbaren Figuren wie in «Der Goalie bin ig» von Sabine Boss – Figuren wie diese Titelrolle, die Marcus Signer die Chance bot, sein ganzes Können zu zeigen. Liegt das daran, dass es zu wenig gute Drehbücher gibt? «Das habe ich mich jetzt nicht zu sagen getraut!» Sie lacht wieder. Und stimmt dann zu: «Absolut. Vor allem für Frauen gibt es viel zu wenig gute Rollen.» Darum habe sie aufgeatmet, als sie das Drehbuch zu «Charlotte» gelesen habe, dem nächsten Film von Katalin Gödrös, in dem Ursina Lardi die Titelrolle spielen wird: «Endlich, endlich mal was Anspruchsvolles für eine Frau.» Sie schiebt sich mit beiden Händen die Haare aus dem schmalen Gesicht und lächelt. Sie sieht zufrieden aus.

Dialoge kommen zu kurz

Das Problem mit den zu schwachen Büchern ortet Corinna Glaus nicht etwa beim Talent der AutorInnen, sondern in der Produktionspraxis: «Es wird zu schnell produziert. Wenn das Geld einmal gesprochen ist, legt man sofort los. Es ist oft der Fall, nicht nur beim Fernsehen, dass wir mit dem Casting anfangen, obwohl das Buch noch überarbeitet wird; die Autoren wissen, dass da noch Arbeit nötig wäre, können aber nicht mehr darin investieren.» Das sei unglücklich, sagt sie: «Wenn es grosse Änderungen gibt, die einen Einfluss auf die Besetzung haben, denkt man auf einmal: Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich anders gecastet.»

Für eine der grössten Schattenseiten des zu schnellen Produzierens hält Corinna Glaus die unausgereifte Sprache: «Weil die Drehbücher auf Hochdeutsch in die Finanzierung gehen, sind sie nicht genau ausgearbeitet, weil die Autoren wissen, dass sowieso noch alles auf Schweizerdeutsch übersetzt wird.» So werde die Arbeit am Dialog oft aufgeschoben bis zum Schluss. «Dabei ist die Sprache doch so wichtig für eine Figur. Sie formt deren Charakter. Ein Lastwagenfahrer, eine Akademikerin oder ein Jugendlicher aus der Stadt oder einer vom Land sprechen völlig unterschiedliche Sprachen.»

Manchmal malt Corinna Glaus sich aus, wie es wäre, mit einer Regie zusammenzuarbeiten, «die einen total herausfordert, mit einem Superbuch und lässigen Rollen». Etwas wie «Jagten» («Die Jagd») von Thomas Vinterberg, ein Film, der auch in schweizerischen Verhältnissen gemacht werden könnte, wie sie findet: ein grosser Konflikt, einfach erzählt, getragen von starken Rollen. «Der Film ist von einer Kraft und Qualität, die irrsinnig toll sind. Auf so was hätte ich extrem Lust.»

Unsere Zeit ist um, Corinna Glaus muss zurück an die Arbeit. Die unglamouröse Arbeit, die im Hintergrund stattfindet. Im Unterschied zu den Talenten, die sie entdeckt und fördert, zieht es Corinna Glaus nicht ins Rampenlicht. «Meine Arbeit ist wichtig», sagt sie, «aber nicht meine Person.»

Denise Bucher ist Reporterin beim «Magazin» und schreibt als Filmkritikerin unter anderem für die Filmzeitschrift «Frame». Sie lebt in Zürich.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch