Nr. 03/2016 vom 21.01.2016

Zen mit Sabine Timoteo

Von Marcy Goldberg

Die Fenster des Zentempels Antaiji leuchten in der Morgendämmerung. Ein Gongschlag läutet den neuen Tag ein. Eine zierliche Frau mit einem grossen Rucksack reist mit dem Zug an, den steilen, steinigen letzten Weg hinauf zum Kloster legt sie zu Fuss zurück. Oben angekommen, wird sie auf Englisch begrüsst. Nach wenigen Anweisungen nimmt sie ihren Platz im Tagesablauf des Klosters ein. Doch wer hier eine klassische Geschichte von einem Erleuchtungsversuch im Zentempel erwartet, wird überrascht, denn der Film geht andere Wege.

Die Frau heisst Sabine Timoteo. Man kennt sie längst als hochbegabte, mehrfach preisgekrönte Schauspielerin. (Für ihre Rolle in «Driften» hat sie letztes Jahr zum dritten Mal den Schweizer Filmpreis als beste Darstellerin gewonnen.) Hier aber, in «Zen For Nothing», scheint sie nur bedingt eine Rolle zu spielen. Einen Herbst, einen Winter und einen Frühling verbringt sie im abgelegenen japanischen Zenkloster. Was sie dabei seelisch erlebt, wird nur angedeutet. Der Filmemacher Werner Penzel («Step Across the Border») und seine Koautorin Ayako Mogi richten ihren Fokus vielmehr auf das Alltagsleben im Kloster. Wir schauen Timoteo zu beim Meditieren, bei den gemeinsamen Mahlzeiten, die schweigend eingenommen werden, bei der Arbeit in der Küche, im Garten oder beim Holzhacken.

Das Kloster ist selbstversorgend, sogar der Reis wird selbst angebaut. Doch der traditionelle Lebensstil lässt auch moderne Errungenschaften zu, vom elektrischen Wasserkocher bis hin zum Laptop fürs Studium der Zentexte. Allzu asketisch geht es auch nicht zu und her: Zigaretten werden geraucht, Sake getrunken. In einigen wenigen Gesprächen mit dem Abt wird die Praxis des Zazen kurz erläutert, einer buddhistischen Meditationstechnik.

Dieser Abt übrigens ist auch eine etwas rätselhafte Figur. Er heisst Muho Nölke und stammt aus Deutschland. Einmal sagt er spielerisch, der Nutzen des Zen bestehe eben darin, unnütz zu sein. Wie und warum er Zenmeister wurde, wer die anderen Klostergäste sind, was Timoteo aus ihrem Aufenthalt im Kloster schliesslich mitnimmt: Solche Fragen lässt der Film weitgehend offen.

Denn Penzel und Mogi geht es vielmehr darum, in die alltäglichen Stimmungen des Klosters einzutauchen und diese möglichst sinnlich wiederzugeben. Bilder und Töne sind von fesselnder Schönheit, jede Einstellung ist wie ein Gemälde komponiert. Der Sinn steckt in den scharf beobachteten, beinahe poetischen Details: im Dampf, der aus einem blauen Glas mit heissem Tee steigt und in der kalten Luft vergeht, oder im Rauschen der Regentropfen auf dem Dach des Meditationsraums. Zur subtilen Konstruktion der Stimmung trägt auch die Musik bei: Sie stammt vom Gitarristen Fred Frith, Penzels langjährigem künstlerischem Weggefährten.

In: Solothurn, Konzertsaal, Fr, 22. Januar 2016, 17.30 Uhr, und Landhaus, Di, 26. Januar 2016, 9.30 Uhr.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch