Nr. 04/2016 vom 28.01.2016

Sinnloses Doppel

Ruedi Widmer nennt sich ja auch nicht Ruedi Ruedi Widmer Widmer

Von Ruedi Widmer

Das doppelte Löchchen am Gotthard ist eine für mich absolut unverständliche Idee, die allenfalls sinnvoll erscheint, wenn man nicht informiert ist. Nach Gesprächen mit stimmbefähigten Mitmenschen stelle ich fest, dass einige von ihnen nicht mal von der Existenz der Neat wissen, obwohl seit zwanzig Jahren daran gebaut wird. Das ist vielleicht das Problem solcher schweiztypischen Bauten: Man kann mit dem Auto oder dem Zug gut über oder durch den Gotthard fahren, ohne auch nur etwas von der Neat zu sehen.

Auch die SVP arbeitet mit ihrer Entrechtungsinitiative («Durchsetzungsinitiative») mit der Idee der angeblichen Verbesserung durch Verdoppelung. Ihre «Ausschaffungsinitiative» reicht vollkommen aus, um ausländische Schwerverbrecher auszuschaffen. Ihre nun geforderte zweite «Röhre» hat eine andere Absicht, als sie offiziell behauptet. Sie wird von Anfang an doppelspurig befahren werden.

Das Hinterhältige an dieser Initiative ist, dass sie an das «Gerechtigkeitsempfinden» der BürgerInnen appelliert, sei dieses auch noch so naiv und unreflektiert, um Verfassungsänderungen zu erzwingen, die noch viel mehr Ungerechtigkeiten zur Folge hätten. Die SVP möchte Zustände errichten, ohne diese ihrer eigenen WählerInnenschaft überhaupt offen aufzuzeigen, weil sie weiss, dass die Mehrheit der SchweizerInnen diese unmöglich gutheissen würde. Der «Ausländer» ist dabei nur das Schmiermittel, um eine Politik zu erzwingen, die sich gegen jene SchweizerInnen richtet, die nicht dem Sirenengeheul der SVP erlegen sind oder sich am Strom des Blocher-Gelds niedergelassen haben.

In dieser an der jährlichen Tagung im Zürcher Schützenhaus Burghölzli zelebrierten SVP-Demokratie herrscht die für die Zukunft angestrebte Nichtdemokratie schon vor. Sind WählerInnen der anderen Parteien mehrheitlich fähig, die Absicht ihrer eigenen Partei zu erkennen, sind SVP-WählerInnen hilflos, weil sie nicht aus ihrem Kokon heraussehen, geschweige denn von aussen hineinsehen können. Und wenn sie etwas merken, ist die Angst zu gross, es zu sagen. Es geht nicht darum, die Stammtisch- und Social-Media-Proleten von ihrer Schuld freizusprechen, dem Totalitarismus und Ausländerhass Vorschub zu leisten, aber es gibt tatsächlich viele SVP-WählerInnen, die die kommenden Bösartigkeiten eigentlich gar nicht wollen, zu denen sie nun Ja sagen. Die SVP ergötzt sich selber am meisten an deren Blindheit und Naivität.

Es wäre schön, wenn einmal interne Papiere und Konzepte aus der Parteizentrale in die Medien gelangen würden oder Telefongespräche zwischen den Parteigrössen.

Brunner: «He, he, he!»

Amstutz: «Ho, ho, ho!»

Blocher: «Keine Zeit zum Lachen, weitermachen.»

Köppel: «Es gilt weiterzumachen!»

Wie die Beliebtheit von Zeitschriften wie «K-Tipp» und «Beobachter» zeigt, würden die SVP-WählerInnen zornig, wenn sie merkten, wie sie über den Tisch gezogen werden. Der Niedergang von Viktor Orbans Vorgängerregierung in Ungarn fiel ja mit der Veröffentlichung eines Telefongesprächs zusammen, in dem sich die sozialdemokratische Regierung über die Dummheit ihrer WählerInnen lustig gemacht hatte.

Die zweite SVP-Röhre braucht übrigens zwingend eine dritte Röhre: die finale Initiative «Landesrecht vor Völkerrecht».

Ruedi Widmer ist ein zurzeit sehr staatstragender Bürger aus Winterthur.

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