Nr. 06/2016 vom 11.02.2016

Die China AG startet durch

Der Kauf des Basler Agrarkonzerns Syngenta für 44 Milliarden Franken ist ein weiteres Symptom der rasanten Entwicklung des chinesischen Staatskapitalismus.

Von Urs Morf, Beijing

«Ich bin froh, dass die Chinesen Syngenta kaufen. Da brauche ich mich als Schweizer nicht länger für diese Firma zu schämen.» So kommentiert einer der zwei jungen Männer beim Feierabendbier in einem Lokal mitten in Beijing die bevorstehende Übernahme des Basler Agrochemiemultis durch den Staatskonzern Chem China. Wie sein Freund ist der Mann bei einer Schweizer Firma in China angestellt; beide wollen deshalb nicht namentlich zitiert werden.

Der Mann spielt mit seinem Kommentar auf Syngentas Aktivitäten im Bereich genmanipuliertes Saatgut an, die ihm unheimlich sind. Das sind sie zwar auch seinem Freund, aber genau deshalb findet dieser die Übernahme durch den chinesischen Staatsbetrieb problematisch: «Einmal unter dem schützenden Dach von Chem China, gibt es überhaupt keine Transparenz mehr. Dann sind diese ‹Frankensteins› der Pflanzen gar niemandem mehr Rechenschaft schuldig!»

Noch ist der Deal ja nicht ganz unter Dach und Fach: Noch muss das US-amerikanische Committee on Foreign Investment abklären, ob die Übergabe amerikanischer Patente von Syngenta in chinesischen Besitz nicht möglicherweise die «nationale Sicherheit» der USA gefährde. Das Committee könnte noch ein Veto gegen die Übernahme oder einen Teil davon einlegen.

Auf Syngenta folgt Sigg

Ein Hauptgrund für die mediale Aufmerksamkeit in der Schweiz war zweifellos der stolze Kaufpreis von 44 Milliarden Franken. Das wäre der höchste Preis, den je ein chinesisches Unternehmen für die Übernahme einer ausländischen Firma bezahlt hat. Ein weiterer Grund war, dass nur zwei Tage später auch noch die Übernahme des Metallflaschenherstellers Sigg, ebenfalls durch eine chinesische Firma, bekannt gegeben wurde. Zwar ist Sigg mit seinen 80 Angestellten im Vergleich zu Syngenta (28 000 Angestellte, über 3200 davon in der Schweiz) nur ein Zwerg. Ausserdem befand sich die Frauenfelder Firma bereits seit 2003 mehrheitlich im Besitz einer US-amerikanischen Finanzgesellschaft. Trotzdem hat die schnelle Abfolge der zwei Übernahmen erstmals auch einem breiteren Schweizer Publikum die weltweite chinesische Investitionswelle vor Augen geführt.

Andere Länder waren schon früher betroffen. Etwa mit der Übernahme des griechischen Containerhafens Piräus durch Chinas staatliche Grossreederei Cosco 2008. Oder 2010 mit dem spektakulären Aufkauf des vom Konkurs bedrohten schwedischen Autoherstellers Volvo durch die zuvor im Ausland weitgehend unbekannte Firma Geely. Offiziell ist Geely Chinas grösste private Autofirma. Aber wie bei allen erfolgreichen chinesischen Privatunternehmen ist ihre Existenz dank bester Beziehungen der Firmenleitung zur Kommunistischen Partei untrennbar mit der Staatsmacht verknüpft.

Solche Übernahmen sind Symptome der Entwicklung des chinesischen Staatskapitalismus. Ab Ende der 1990er Jahre hat sich eine gigantische Anzahl häufig maroder Staatsunternehmen durch Teilprivatisierungen und die Umwandlung in Aktiengesellschaften zu einem dichten Geflecht von mehreren Hundert ziemlich erfolgreich operierenden Konzernen konsolidiert. Diese decken vom Bankwesen über die Rohstoffverarbeitung, vom Chemie- und Bausektor bis zur Telekommunikation fast alle Wirtschaftsbereiche ab. Wegen ihrer Staats- und Parteinähe hat ihnen die ausländische Konkurrenz den Übernamen «China Inc.» (China AG) verpasst.

Seit knapp zehn Jahren ist «China Inc.» auf Expansions- und Investitionskurs im Ausland – mit aktiver Förderung durch die Beijinger Führung. Statt Aussenhandelsüberschüsse weiterhin in riesigen Mengen US-amerikanischer Schatzpapiere anzulegen, soll «China Inc.» diese gewinnbringend in ausländische Sachwerte sowie in den Erwerb von Patenten und Technologien investieren. Dazu gehören spektakuläre Immobilienkäufe chinesischer Firmen in der Londoner City, aber eben auch Übernahmen wie jene der Haushaltsgerätesparte des amerikanischen Konzerns General Electric durch den aufstrebenden chinesischen Konkurrenten Haier nur zwei Wochen vor dem Syngenta-Deal.

Die Syngenta-Übernahme passt da bestens ins Konzept. Denn China muss ein Fünftel der Menschheit auf einem Zehntel der nutzbaren Fläche des Planeten ernähren. Doch die Landwirtschaftsfläche schrumpft wegen des schnellen Wachstums der Städte sowie wegen des Ausbaus von Strassen- und Eisenbahnnetzen. Die Fleischversorgung kann bereits heute ohne massive Importe von Viehfuttermitteln nicht mehr aufrechterhalten werden. Zumindest bei den Grundnahrungsmitteln Weizen und Reis will Beijing eine einigermassen eigenständige Versorgung sicherstellen.

Stagnierende Ernteerträge

Doch auch hier sind die Voraussetzungen gegenwärtig nicht gut. Zwar hat die Abschaffung der Volkskommunen, also die Reprivatisierung des zuvor zwangskollektivierten Bodens, ab Anfang der 1980er Jahre vorübergehend zu einer massiven Steigerung der Ernteerträge geführt. Für die MaoistInnen war das damals ein enttäuschender Beweis dafür, dass auch Chinas BäuerInnen lieber den eigenen Boden beackern, als im Kollektiv zu arbeiten. Mittlerweile stagnieren die Ernteerträge jedoch oder schrumpfen sogar, weil die meisten LandwirtInnen nur über rund eine Hektare Land verfügen. So kleine Landstücke effizient zu bewirtschaften, ist schwierig: Häufig bringen sie ihren EignerInnen keinen existenzsichernden Ertrag. Deshalb ist in China eine Welle von Güterzusammenlegungen im Anrollen. Denn nach dem Willen der Regierung soll nun eine Industrialisierung der Landwirtschaft für massive Effizienzsteigerung sorgen. Diese soll mit «Ackerbau im amerikanischen Stil» erreicht werden.

Grossflächige Monokulturen sind allerdings nur möglich, wenn Firmen wie Syngenta Unkrautvertilger, Insektizide und Düngemittel liefern. Und falls mithilfe des Agromultis auch genmanipulierte Getreidearten genutzt werden sollten, so würde der kritische junge Schweizer in Beijing Recht behalten: Strategien, die die Bevölkerung verunsichern könnten, pflegt Chinas Regierung zu «Staatsgeheimnissen» zu erklären.

Urs Morf ist freier Korrespondent in Ost- und Südostasien. Er lebt in Bangkok.

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