Nr. 34/2016 vom 25.08.2016

Syngenta befruchtet die chinesische Parteiführung

Von Markus Spörndli

Die Losung ist einfach: Wer das Saatgut hat, hat die Macht. Unternehmen, die nicht reproduzierbares Saatgut und die dazu passenden Pestizide verkaufen, kontrollieren einen Teil des Nahrungssystems, der BäuerInnen, der Menschheit. Je höher der Anteil eines Agrarkonzerns am Weltmarkt, desto mehr kann er ihn kontrollieren.

Das ist der Hintergrund für die aktuelle Konzentrationsorgie: Im Dezember kündigten die US-Konzerne Dow Chemical und Dupont ihre Fusion an; der deutsche Chemiekonzern Bayer gibt derzeit alles, um den US-Branchenprimus Monsanto zu übernehmen. Letzterer scheiterte kurz zuvor daran, sich Syngenta einzuverleiben. Der angeschlagene Basler Agrokonzern verkauft sich nun stattdessen ziemlich sicher an den chinesischen Staatskonzern Chem China.

Zumindest steht diesem Deal über 43 Milliarden US-Dollar nicht mehr viel im Weg, nachdem Anfang der Woche ein US-Ausschuss die Übernahme absegnete. Das Gremium hatte zu prüfen, ob die Übernahme die nationale Sicherheit gefährdet. Die US-Landwirtschaft hat sich wie keine andere in Abhängigkeit von Agromultis begeben – woran sich das Polit- und Grossbauernestablishment erst zu stören begann, seit eine Teilabhängigkeit von China absehbar ist. Syngenta liefert in den USA zehn Prozent aller Soja- und sechs Prozent der Maissamen. Zudem ist die Biotechsparte des Konzerns in den USA angesiedelt, und so würden die entsprechenden US-Patente in chinesischen Besitz übergehen. Dass nun der Sicherheitsausschuss keine besondere chinesische Gefahr heraufbeschwor, ist zumindest aus marktwirtschaftlicher Sicht konsequent.

Die grössten Konsequenzen werden indes in China zu spüren sein. Die kommunistische Führung kündigte zum Jahresanfang – kurz vor der Übernahmeofferte – erstmals das «vorsichtige Vorantreiben» des Anbaus genmanipulierter Pflanzen an. Es ist offensichtlich, dass Beijing mit dem Syngenta-Deal Forschungsresultate einkaufen will, die die eigenen staatlichen Forschungsinstitutionen bisher nicht generieren konnten.

China – wo sich ein Fünftel der Menschheit, aber nur sieben Prozent des globalen Ackerlands befinden – dürfte sich nun nach US-Vorbild in die Abhängigkeit der Agrarindustrie stürzen. Da die chinesische Führung bald einen Teil dieser Branche kontrollieren wird, dürfte sie auch die Macht über die chinesischen BäuerInnen ausbauen können.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch