Nr. 07/2016 vom 18.02.2016

Der Karneval des Wahnsinns

Nur InsiderInnen war bisher bekannt: Michel Foucault weilte 1954 ein paar Tage in Münsterlingen. Und erlebte dort eine besondere Fasnacht, die ihn geprägt haben soll.

Von Ralph Hug

Grundlegende Begriffe von Michel Foucault wie «Biopolitik», «Gouvernementalität» oder «Dispositiv» bestimmen heute den politischen und philosophischen Diskurs. Dabei geht aber vergessen, dass Foucault seine Karriere nicht als Philosoph, sondern als klinischer Psychologe begann. Bereits mit 23 Jahren erwarb er an der Sorbonne in Paris einen entsprechenden Abschluss und später auch ein Diplom als Psychiater. Anschliessend arbeitete er in Spitälern und Gefängnissen. Dort erlebte er in der Praxis, was er später in bahnbrechenden Werken wie «Wahnsinn und Gesellschaft» (1961) oder «Überwachen und Strafen» (1975) reflexiv verwertete.

In den frühen fünfziger Jahren stand das Verhältnis zwischen Vernunft und Wahnsinn im Zentrum von Foucaults Denken. Warum werden Verrückte in Kliniken eingeschlossen? Weshalb werden sie als Kranke angesehen? Ist der Wahnsinn nur eine gesellschaftliche Konstruktion oder der grundlegende Widerpart der abendländischen Vernunft? Die Suche nach Antworten auf diese Fragen führten den erst 27-jährigen Wissenschaftler am 2. März 1954 nach Münsterlingen, in die dortige Psychiatrische Klinik, die damals noch «Thurgauische Heilanstalt» hiess.

Steile These, kaum Belege

Foucault hatte die Werke des Kreuzlinger Psychiaters Ludwig Binswanger studiert und teils ins Französische übersetzt, etwa dessen «Traum und Existenz». Er erfuhr dabei von der Klinik Münsterlingen und ihrem Chefarzt Roland Kuhn. Dort war es Brauch, gemeinsam Fasnacht zu feiern. Der ganze Betrieb machte bei diesem Fest mit, vom Chefarzt über die Pflegenden bis zu den InsassInnen. Alle verkleideten sich und feierten in einer grossen Maskerade. Foucault faszinierte diese Idee, und er wollte sie live erleben. Er liess sich von Georges und Jacqueline Verdeaux begleiten. Das befreundete Paar half ihm beim Übersetzen und fotografierte zugleich den Anlass.

Foucaults Besuch in Münsterlingen ist jetzt in dem neuen Band «Foucault à Münsterlingen. À l’origine de l’Histoire de la folie» dokumentiert. Das Buch, vom Lausanner Soziologen und Foucault-Kenner Jean-François Bert mit herausgegeben, besticht durch seine schöne Aufmachung und die vielen Schwarzweissfotos der Klinikfasnacht. Sie lassen die Faszination des Philosophen aufscheinen, die er beim Anblick des seltsamen närrischen Treibens empfunden haben muss.

Die These, die das Buch suggeriert, ist steil. Sie besagt, Foucault habe in Münsterlingen den entscheidenden Anstoss für sein Denken und speziell für sein epochales Werk «Wahnsinn und Gesellschaft» erhalten. Das Erlebnis am Bodensee stehe am Beginn seiner Reflexionen zur Geschichte des Wahnsinns. Das mag ja sein. Allerdings ist der Philosoph in seinem Werk kaum je näher darauf eingegangen. Das hätte er wohl getan, wenn sein Thurgauer Erlebnis derart einschneidend gewesen wäre für seinen Denkweg wie behauptet. Sicher trifft zu, dass die kollektive Überschreitung von traditionellen Logiken und Normen, die temporäre Transformation von Identitäten sowie die Ununterscheidbarkeit von Vernunft und Wahn, wie sie in diesem Narrenfest zum Ausdruck kommen, tiefgründige Fragen aufgeworfen haben. Fragen, die Foucault später in seinem vielschichtigen Werk abarbeitete.

Die Münsterlinger Klinikfasnacht, das Spektakel einer verkehrten Welt, sei die Urszene der foucaultschen Dramaturgie, heisst es im Buch. Sie habe ihm auch als Spiegel für ihn selbst gedient. Diese Erfahrung sei für ihn die «Umkehr der Umkehr» gewesen, eine Art Selbsterkenntnis, wonach Identität nichts eindeutig Festgelegtes sei. Dies habe Foucault dazu veranlasst, seine eigene Homosexualität zu akzeptieren und auf eine bürgerliche Existenz zu verzichten.

Foucaults Besuch fiel mitten in die Anfänge der fragwürdigen Medikamentenversuche, die Klinikchef Kuhn über Jahre hinweg mit seinen Patientinnen und Patienten anstellte. Kuhn verabreichte ihnen von Pharmafirmen entwickelte Substanzen in hohen Dosen zu Testzwecken. Mit teils verheerenden Auswirkungen auf ihre Gesundheit. Dieses aus heutiger Sicht ethisch fragwürdige Vorgehen eines ehrgeizigen Arztes wird im Buch recht kritiklos dargestellt. Kuhns freihändige «Menschenversuche» hinterliessen viele Opfer. Heute sind sie Gegenstand von Abklärungen, die das Thurgauer Staatsarchiv vornimmt. Die Klagen von Opfern haben dazu geführt, dass das dunkle Kapitel der Klinikgeschichte aufgearbeitet wird. Das Thurgauer Parlament hatte dafür im Mai einen Kredit von 750 000 Franken bewilligt.

Frau Largactil und Frau Geigy

Foucault sah in Münsterlingen, wie die InsassInnen mit Largactil abgefüllt wurden, dem ersten, vom Pharmakonzern Rhône-Poulenc entwickelten Neuroleptikum. Und er hörte, dass die PatientInnen auf diese Substanz mehrheitlich positiv reagierten, während ein anderes, von Geigy hergestelltes Antidepressivum stark negative Folgen zeitigte. An der Fasnacht verkleideten sich zwei Patientinnen denn auch als die «nette Frau Largactil» beziehungsweise die «böse Frau Geigy».

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch