Nr. 32/2014 vom 07.08.2014

Mädchenspiele oder die dunkle Seite der Perle

Seit dem Goldenen Leoparden für «Das Fräulein» (2006) ist es still geworden um Andrea Staka. Mit ihrem zweiten Spielfilm meldet sich die 40-jährige Zürcherin jetzt im Wettbewerb von Locarno zurück.

Von Florian KellerMail an AutorIn (Text) und Ursula Häne (Foto)

Andrea Staka: «Ein Film hat immer auch ein Unbewusstes. Man redet über vieles, aber die Dinge, über die man nicht redet, schwirren trotzdem auch herum.»

Schutzlos liegt es in der Ecke, das Fell verblichen, gräulich. Ein ausgestopftes Rehkitz, es gehört dem benachbarten Grafiker. Bambi am Boden, forever young. Da ist noch ein Tier, im Regal, und man merkt erst gar nicht, dass es da ist. Er steht auf Augenhöhe, irgendwo zwischen Büchern und DVDs: der Leopard in Gold, den Andrea Staka für «Das Fräulein», ihren ersten Spielfilm, gewonnen hat. Das Tier ist auch schon acht Jahre alt, aber der Glanz ist matt geworden. Gold hält länger als Pelz.

Andrea Staka hat den Sommer mitgebracht – sie kommt gerade aus den Ferien in Kroatien. Entspannt sitzt sie in ihrem Büro im Zürcher Kreis 4, für die grosse Nervosität war noch keine Zeit. «Cure. The Life of Another» heisst ihr neuer Film, mit dem sie jetzt in den Wettbewerb von Locarno zurückkehrt, und im ersten Wort lauert eine sprachliche Ambivalenz. Englisch für «Heilung»? Ja, aber auch kroatisch für «Mädchen», in der Mehrzahl. Man darf den Titel also auch «Zure» aussprechen, und es ist genauso richtig.

Eine albtraumhafte Story

Die Mädchen im Film, das sind Eta und Linda in Dubrovnik. Es ist 1993, das Jahr nach der Belagerung der Stadt durch die jugoslawische Volksarmee, während der Krieg im Hinterland weitergeht. Zu Beginn sehen wir, wie die beiden durch die umliegenden Wälder an der Küste streifen. Sie reden von Zungenküssen und anderen Feuchtigkeiten. Ein Fischer, der ihren Weg kreuzt, warnt sie vor Minen, den Überresten des Kriegs, aber sie hören nicht auf ihn. Mädchenspiele auf vermintem Gelände.

Eta ist die Heimische, die wegwill aus der erschütterten Stadt und hofft, dass ihre Freundin das Ticket dafür sein könnte. Linda ist die Rückkehrerin aus der Schweiz, die ihren Vater zurück nach Dubrovnik begleitet hat und spürt, wie fremd sie in der Heimat ihres Vaters ist. Da sind wir schon wieder mittendrin im filmischen Kosmos von Andrea Staka, der seit jeher um die Erfahrung des Exils kreist und um Fragen der Identität zwischen den Kulturen: Wie kannst du mehrere Welten in dir tragen, ohne dass es dich zerreisst?

Beim «Fräulein», erzählt Staka, sei ihre Hassliebe zu Zürich eine starke Triebfeder gewesen. In «Cure» nun spiegelt sich ihre Hassliebe zu Dubrovnik. Es ist die Heimatstadt ihres Vaters, der Ort auch, wo sie als Teenager ihre Sommerferien verbrachte. Als «Perle an der Adria» wird die Stadt in den Reisekatalogen angepriesen – aber Andrea Staka kennt auch ihre gespenstischen Seiten. Im Winter, sagt sie, habe die Stadt oft etwas Unheimliches. Viele Männer fahren zur See und sind darum häufig weg, und im Film kommt noch der Krieg dazu, der nur einmal zu sehen ist, als ferne Rauchwolke: Dubrovnik ist hier eine Stadt fast ohne Männer.

Nicht ganz geheuer ist auch die Begebenheit, die «Cure» zugrunde liegt. Andrea Staka hat erstmals von einer Cousine in Dubrovnik davon gehört, vor acht Jahren, und die Geschichte liess sie nicht mehr los: jene der beiden Mädchen, die am Wochenende vor Ostern an der Steilküste durch die Wälder gingen und von denen nur eines wieder zurückkam. «Es ist, wie wenn man als Kind ein Märchen hört», sagt Andrea Staka über die Episode, die in Dubrovnik in unzähligen Versionen kursiert. «Es ist zwar schrecklich, aber man will es trotzdem immer wieder hören.» Dieses Albtraumhafte ist es, das sie an dem Stoff fasziniert hat.

Im Film ist es Eta, die schon bald leblos am Fuss einer Klippe liegt. Doch die tote Freundin verfolgt Linda, lässt ihr keine Ruhe. Und da ist auch die erstickende Präsenz von Etas Grossmutter, die in ihrer Trauer nach Ersatz für die tote Enkelin sucht. Sie arbeite sehr intuitiv, sagt Staka: «Ein Film hat immer auch ein Unbewusstes. Man redet über vieles, aber die Dinge, über die man nicht redet, schwirren trotzdem auch herum.» Also erwähnt sie zwar thematisch verwandte Filme, die ihr beim Schreiben wichtig waren («Picnic at Hanging Rock», «Vertigo», «Persona»). Aber statt sich an filmischen Fixpunkten auszurichten, lässt sie sich eher von Fotografien inspirieren.

Warum hat es so lange gedauert bis zu ihrem zweiten Spielfilm? Acht Jahre sind auch im langwierigen Filmgeschäft eine kleine Ewigkeit. Andrea Staka hat mit der Frage gerechnet, sie wird sie wohl noch öfter hören. Und sie hat eine filmische Antwort parat: «Die Regisseure, die ich bewundere, brauchten auch oft sechs Jahre oder länger bis zu ihrem nächsten Film.» Drei Namen nennt sie: Kubrick, Tarkowski, Bresson. Als könnte das anmassend wirken, fügt sie hinzu: «Meine Grossmutter sagte immer, man solle sich mit den Besseren vergleichen, nicht mit den Schlechteren.»

Staka war die letzten acht Jahre nicht nur mit dem Nachfolger zu «Das Fräulein» beschäftigt. Sie ist seither auch Mutter geworden und hat sich als Produzentin selbstständig gemacht, beides mit dem Autorenfilmer Thomas Imbach («Mary, Queen of Scots») als Partner. Ihre Liebe ist nur wenig jünger als der Goldene Leopard – der gemeinsame Sohn ist sechseinhalb –, und seit fast sieben Jahren führen sie zusammen die Produktionsfirma Okofilm. Staka bildet mit Imbach das «power couple» des Schweizer Autorenfilms, aber verheiratet sind sie nicht. «Die Gründung der Firma war unsere Hochzeit», sagt sie und lacht.

Arbeit am Esstisch

Sie arbeiten beide Vollzeit, das ist für Staka selbstverständlich, auch weil sie es aus ihrer Biografie nicht anders kennt. In ihrer Familie hätten alle Frauen immer gearbeitet, seien das ihre Tanten im früheren Jugoslawien oder ihre bosnische Mutter als Zahnärztin in der Schweiz. Sie staunt, wie viele Frauen immer noch kürzer treten oder ganz aufhören zu arbeiten, sobald Kinder da sind. Und wenn Arbeit und Privatleben nahtlos ineinander übergehen, wie bei Okofilm? «Künstlerisch hat das nur Vorteile», sagt sie. «Aber manchmal nervt es natürlich auch, zum Beispiel am Esstisch oder in der Küche. Dann sage ich: ‹Ich will jetzt kochen und mag mich nicht noch mit einem französischen Verleiher herumschlagen.›»

Vor einem Jahr war das Paar schon mit Imbachs «Mary, Queen of Scots» im Wettbewerb, damals firmierte Staka als Produzentin und Ko-Autorin. Nun, bei «Cure», sind die Rollen vertauscht. Auf der Piazza Grande sind die beiden ausserdem mit der von Okofilm koproduzierten Komödie «Love Island» von Jasmila Zbanic vertreten. Also doppelte Vorfreude, aber nicht doppelte Nervosität: «Schön, nach Locarno zurückzukehren im Wissen, dass ich den Goldenen Leoparden schon habe.»

Im Regal drüben wird die Trophäe beidseits eingerahmt von Thomas Imbachs jüngsten Arbeiten: links das Mastertape von «Day Is Done», rechts das Buch von Stefan Zweig, das ihn zu seinem Film über Maria Stuart inspirierte. «Das geht natürlich nicht», lacht Andrea Staka, als ich sie darauf aufmerksam mache. Und schiebt rasch ein paar Fotobücher von Nan Goldin neben ihren Leoparden.

«Cure. The Life of Another» feiert am Montag, 
11. August 2014, um 14 Uhr im «Fevi» in Locarno Weltpremiere; in den Deutschschweizer Kinos startet der Film am 23. Oktober.

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