Nr. 07/2016 vom 18.02.2016

Sex im Weltraum

Von Franziska Meister

Die unendlichen Weiten des Weltalls sind ja wieder schwer en vogue – da wollen auch wir nicht hintanstehen und berichten, was sich vor Jahrmilliarden zugetragen hat. Denn wo alle Aufmerksamkeit auf ein erstmals gemessenes Kräuseln im Raum-Zeit-Kontinuum gerichtet ist (Gravitationswellen!), das bereits unter Nobelpreisverdacht steht, droht unterzugehen, was uns Erdlinge viel direkter betrifft: der Ursprung jenes Objekts am Himmel, das seit Jahrtausenden unsere Fantasie beflügelt – der Mond.

Zugegeben, die Medienstelle der Universität Bayreuth hat es gründlich verpasst, mit der Isotopenanalyse ihres Forscherteams die nötige Aufmerksamkeit zu heischen. Dabei liesse sich der extreme «Frontalaufprall auf der Erde» doch auch als kosmische Liebesgeschichte erzählen – ja als die Ursexszene schlechthin.

Das internationale Team hat den Sauerstoff aus Gesteinsbrocken ganz unterschiedlicher Herkunft miteinander verglichen: Die einen waren durch vulkanische Prozesse aus dem Erdinnern in Arizona und auf Hawaii an die Oberfläche gelangt, die andern hatten Astronauten vom Mond zurückgebracht. All diesen Gesteinsproben ist eines gemein: Sie enthalten dieselben Mengenverhältnisse an Sauerstoffisotopen. Und dieses Resultat widerlegt die bisherige Auffassung, der Mond sei entstanden, nachdem vor rund 4,5 Milliarden Jahren ein planetenähnlicher Himmelskörper die Erde hart touchiert und dadurch eine riesige Wolke aus Staub und Gesteinsbrocken in die Erdumlaufbahn geschleudert habe. Vielmehr dürfte dieser Planet mit 36 000 Kilometern pro Stunde frontal auf die Erde geprallt sein, was zu einer «wechselseitigen Durchdringung» führte, wie es ein Bayreuther Geowissenschaftler formuliert.

Aus dieser «wechselseitigen Durchdringung» also entstand der Mond – und zwar zu gleichen Teilen aus dem «Material» dieses Himmelskörpers wie aus dem «Material» der Erde. Das hätte ein Humanbiologe nicht treffender formulieren können.

Schöner – romantischer! – hingegen ist die Erkenntnis, die uns erschauern lässt: Der Mond wurde gezeugt in einer höchst explosiven, alles verschmelzenden Vereinigung zweier Himmelskörper namens Gaia und Theia. Gaia ist die Urmutter der griechischen Mythologie und Göttin der Erde, Theia ist die Mutter der Mondgöttin Selene – und seit dem Jahr 2000 der Name jenes Himmelskörpers, der mit der Erde kollidiert ist. Und wir lernen: Am Anfang war tatsächlich das Matriarchat.

Der Name Theia für den Himmelskörper geht auf den britischen Geochemiker Alex N. Halliday zurück, der 2000 an der ETH Zürich tätig war.

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