Nr. 08/2016 vom 25.02.2016

Es leben die Pfeifen!

Etrit Hasler über den Shitstorm gegen einen deutschen Schiedsrichter

Von Etrit Hasler

Es ist schon eine Eigenheit des Fussballs, dass mit einer Regelmässigkeit, wie sie kaum ein anderer Sport kennt, dieselben Themen immer wieder durchgekaut werden. Die bösen Fans zum Beispiel. Und wenn die sich gerade mal weltweit braver verhalten als ein bayerischer Knabenchor, muss eben die nächste Sau wieder durchs Dorf getrieben werden. Im aktuellen Fall: die Schiedsrichter.

Stein des öffentlichen Anstosses ist der deutsche Schiedsrichter Felix Zwayer, der den Bayer-Leverkusen-Trainer Roger Schmidt vom Platz stellte, nachdem dieser sich lauthals über vermeintliche Fehlentscheide der Schiedsrichter beschwert hatte. So weit, so normal – jeder Trainer wird mal vom Platz gestellt, manche gehen danach sogar in der VIP-Lounge eine Kippe rauchen. Doch in diesem Fall kam alles ein bisschen anders: Schmidt trötzelte so lange rum, bis Zwayer die Partie unterbrach und die Mannschaften in die Kabine schickte – für ganze neun Minuten. So etwas hatte es zugegebenermassen in der Bundesliga noch nicht gegeben.

Der Shitstorm, der seither durchs Netz geistert, ist amüsant, aber gefährlich. Als Erstes tickte Leverkusen-Sportchef Rudi Völler im Interview mit Sky Sports aus und unterstellte Zwayer, er habe als Retourkutsche absichtlich einen Elfmeter nicht gepfiffen – Völler, wie Sie sich vielleicht erinnern, ein Mann, der Fernsehjournalisten gern unterstellt, sie kommentierten die Spiele mit drei Weizenbier intus.

Der Rest der deutschen Fussballpresse sprang sogleich hinterher: «Skandal-Spiel!», «Eklat in Leverkusen!». Alle schienen sich einig: Der Schiedsrichter hatte völlig überreagiert. Und plötzlich meldete sich auch ein eher unbekannter Trainer namens Thorsten Möllmann zu Wort, dem das auch schon mal passiert war – in seinem Fall war die Partie gar abgebrochen und als Forfaitsieg für den Gegner gewertet worden. Dass Möllmann in dieser Saison allein schon sieben Mal auf die Tribüne geschickt wurde, liegt selbstverständlich nur an den Schiedsrichtern.

Definitiv absurd wurde die Geschichte, als Felix Zwayers Rolle im deutschen Wettskandal von 2005 zur Interpretation herbeigezogen wurde: Zwayer war einer von vier Kronzeugen gewesen, die den Berliner Schiedsrichter Robert Hoyzer zu Fall brachten. Dieser hatte diverse Spiele manipuliert und wurde zu knapp zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Zwayer selber – der zugab, von Hoyzer einmal 300 Euro angenommen zu haben – wurde für sechs Monate gesperrt. Die Implikation ist klar: Dieser Schiedsrichter muss ja korrupt sein, weil eine andere Erklärung dafür, wieso er so «übertrieben» habe, kann es gar nicht geben.

Wenigstens von offizieller Seite erhält Zwayer nun Schützenhilfe: Der deutsche Schiedsrichterchef Herbert Fandel sprach vom «Tiefpunkt einer leider erheblichen Entwicklung» – gemeint war der mangelnde Respekt gegenüber Schiedsrichtern. Und der Kontrollausschuss des Deutschen Fussballbunds hat inzwischen ein Verfahren eingeleitet – sowohl gegen Trainer Schmidt wie auch gegen Sportchef Völler. Egal wie sehr die Fans und die alles immer besser wissende Boulevardpresse gegen Schiedsrichter schiessen: Die ohnehin schon schlecht bezahlten «Pfeifen» (lassen Sie sich doch kurz durch den Kopf gehen, woher das Schimpfwort kommt) müssen sich zum Glück nicht mehr alles bieten lassen.

Das ist noch nicht lange so. Vor zwei Jahren erschien in der Basler «TagesWoche» ein Artikel über ein Drittligaspiel von 1994, das abgebrochen werden musste, weil der Schiedsrichter wutentbrannt vom Platz stürmte, nachdem sich der Torhüter der Heimmannschaft geweigert hatte, trotz Roter Karte den Platz zu verlassen. Die Geschichte wurde damals vom «Blick» aufgenommen. Dieser spekulierte darauf, dass der Schiedsrichter gesperrt würde. Und nicht etwa der Goalie.

Etrit Hasler wäre ein lausiger Schiedsrichter – denn er ist zu launisch.

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