Nr. 08/2016 vom 25.02.2016

Alles abgekupfert

Ruedi Widmer über das Genre der Scheissinitiative

Von Ruedi Widmer

Die GegnerInnen und die BefürworterInnen stehen vor der Abstimmung zur sogenannten Durchsetzungsinitiative (DSI) nach der letzten Meinungsumfrage etwa gleichauf. Die BefürworterInnen müssen momentan sogar eher zittern. Doch was unternehmen die Millionen von besorgten BürgerInnen für ihr Glück? Nichts. Einzig die Partei musste nochmals ran und hat ein sündhaft teures Flugblatt in alle Briefkästen geschickt, man solle Frauen und Töchter vor Ausländern schützen.

Bei den Gegnern der Initiative hingegen weibeln unzählige Komitees, Vereine, Freiwillige. Die GegnerInnen sind lebendig, kreativ, musikalisch, künstlerisch, gescheit, kritisch, witzig. Eine gigantische Fülle verschiedenster Plakate, Demonstrationen, Theater, Filme, Songs, Social-Media-Aktivitäten wurde zum Schutz der modernen Schweiz erschaffen. Die GegnerInnen erhalten Spenden von unzähligen Schweizerinnen und Schweizern, die teilweise ihre letzten Ersparnisse für den Schutz des Rechtsstaats aufwenden.

Bei den BefürworterInnen hingegen gibt es, abgesehen von den auf der Website bestellbaren offiziellen schablonenhaften Flyern und Plakaten der SVP, keinerlei Eigeninitiative. Eine traurige Eintönigkeit aus grün-weiss-roten Parolen und Sprüchen erinnert an das Erscheinungsbild Ostberlins vor 1989. Ähnlich wie bei der SED in der ehemaligen DDR wird ein «Auftrag» aus dem Politbüro freudlos und abgeklärt durchexerziert. Die Formen sind fix vorgegeben. Arbeit für Roboter.

Wenn das Volksbegehren wirklich aus dem Volk käme, wäre automatisch viel mehr Engagement der einzelnen BefürworterInnen da. Es bestünden neben der SVP unzählige Komitees und Gruppen, die diese Initiative mit Leidenschaft propagieren würden.

Die Realität ist traurig: Bezahlte Schreibcenteragenten müllen nach russischem Vorbild die LeserInnenforen der Onlineportale voll. Chris von Rohr hat kein einziges DSI-Lied geschrieben. Die Schäfchen wurden in England eingekauft, ebenso die gezeichneten Kriminellen auf dem «Weltwoche»-Cover. Im rechten Umfeld gibt es niemanden, der so etwas zeichnen könnte. Beim SVP-Video zu den Wahlen mit den witzigen Szenen wird der Name des Regisseurs nicht genannt, weil er wohl für viel Geld eingeflogen werden musste.

Die SVP-Plakatsprache ist eine Adaption rechter Propaganda aus den 1920er Jahren, die wiederum bei der sozialistischen Plakatsprache abkupferte. Die verwendeten Schrifttypen wurden allesamt von Linken erschaffen. Die Webaktivitäten der Partei wären nicht denkbar ohne das von liberalen Geistern erfundene Internet.

Die Ikonen der Rechten – «SVP», «Die Weltwoche», «Basler Zeitung», «Basler Läckerli», «Ems Chemie», «NZZ» und bald weitere mehr – sind allesamt von anderen erschaffene Marken, die sie mit viel Geldmitteln aufkauften und mit ihren eigenen Inhalten füllten.

Der Eindruck, dass totalitär orientierte Menschen nicht kreativ sind, täuscht also nicht. Wenige von ihnen sind zwar strategisch schlau, sie sind geschickt im Umgang mit Geld, Waffen, erfundenen Zahlen und Schreckgespenstern. Und viele von ihnen sind fleissig, emsig, zäh, bis zur Selbstaufgabe. Das sind ihre grossen zwei Vorteile.

Aber sie sind praktisch unfähig, Neues zu erschaffen.

Deshalb werden sie, auch wenn sie zuvor noch viel zerstören, irgendwann zwangsläufig untergehen.

Es handelt sich bei diesem Text um eine verlängerte und mit noch mehr erdrückenden Fakten ergänzte Version der Brandrede, die Ruedi Widmer, Cartoonist, am 20. Februar 2016 im «Bundeshaus zu Wiedikon» unter sechs bis acht BiertrinkerInnen hielt.

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