Nr. 09/2016 vom 03.03.2016

Eine Vergewaltigung als Staatsaffäre

Wie im Land in der Sahelzone die lange aufgestaute Wut gegen das Establishment durchbricht – und ganz nebenbei elementare gesellschaftliche Fragen aufkommen.

Von Corina Fistarol

«Sie haben mich an einen unbekannten Ort gezerrt. Dort haben sie mich ausgezogen und fotografiert», erzählt Zara Mahamat Yosko, genannt Zouhoura, die Augen unter dem Schleier auf den Boden gerichtet. «Dann haben sie gelacht und sich mit mir amüsiert.» Die sechzehnjährige Tschaderin berichtet nur wenige Tage nach einer Vergewaltigung durch fünf junge Männer vor laufender Kamera, was ihr widerfahren ist. Doch das wussten die meisten Leute im Land bereits, bevor das Video auf Youtube erschien: Schon wenige Stunden nach der Tat kursierten Handyaufnahmen des Gewaltakts im Internet. SchülerInnen demonstrierten auf der Strasse, und am 15. Februar verlangten in der Hauptstadt N’Djamena Hunderte auf Transparenten «Nein zur Gewalt an Frauen», «Gerechtigkeit für die Opfer sexueller Gewalt» oder verkündeten «Je suis Zouhoura».

Zurück zu traditionellen Werten?

Tatsächlich hat das Publikwerden dieser Tat eine überfällige Debatte ausgelöst – nicht nur, weil Zouhoura die Tochter eines bekannten Oppositionspolitikers und Kandidaten bei der anstehenden Präsidentschaftswahl ist. «Die Vergewaltigung von Zouhoura zeugt von der zunehmenden Respektlosigkeit gegenüber Frauen und Mädchen», schrieb der tschadische Jurist und Journalist Mahamat Samba Touré in der Zeitung «Jeune Afrique». «Jeder von uns kennt solche Fälle in seinem Umfeld.» Die meisten Leute würden es vorziehen, Gewalt gegen Frauen zu banalisieren oder zu ignorieren, damit die Würde der Opfer gegen aussen intakt bleibe – und damit die Ehre der Familie.

In den vergangenen Tagen hat die Debatte unerwartete Dimensionen angenommen. Beispielsweise wird in der Presse seither intensiv über die Kindererziehung diskutiert. Im Tschad gelten Kinder oft nicht als Individuen mit altersentsprechenden Bedürfnissen, die in ihrer Eigenheit gefördert werden sollen, sondern vielmehr als «unfertige» Erwachsene. «Viele Eltern glauben, dass Erziehung nur bedeutet, die Kinder zu ernähren und zu kleiden», kritisierte Touré. Erwachsen würden sie von allein. Auch das zunehmend machoide Verhalten junger Männer lastet er primär den Eltern an – und fordert eine Rückbesinnung auf «traditionelle Werte». Frauen und besonders Mütter hätten in traditionell matrilinearen Gesellschaften eine hoch angesehene Stellung, und die Ehre der Familie gehe über alles.

Dieses Ehrverständnis bewirkt aber auch, dass Misshandlungen von Frauen in dieser patriarchalen Gesellschaft meistens verschwiegen oder vertuscht werden – oft mit Unterstützung der Justiz und mithilfe von Geld. Das sei mit ein Grund, warum Reiche öfter straffrei ausgingen, so Touré. Viele Verbrecher würden nicht bestraft, weil ihre einflussreichen Eltern sie deckten. Wenn sich die Leute auf der Strasse nun mit Zouhoura solidarisieren, protestieren sie auch gegen die Machenschaften der politischen, militärischen und wirtschaftlichen Elite.

Den inzwischen landesweiten Protest nahmen verschiedene zivilgesellschaftliche Gruppen und Gewerkschaften zum Anlass, am 24. Februar zu einem Generalstreik aufzurufen. «Nein zu Idriss Déby und zu 25 Jahren Ungerechtigkeit und Unterordnung» lautete das Motto des Bündnisses «Ça suffit» (Es reicht). Im Land in der Sahelzone steht am 10. April die Präsidentschaftswahl an, bei der der seit 1990 regierende Déby zum fünften Mal kandidiert – und die Opposition mit Wahlfälschungen rechnet.

Entrüstung verboten

Dass die Menschen ihre Wut auf das Regime so offen kundtun, erstaunt: Nur wenige haben bisher die Stimme gegen staatliche Willkür, gegen Menschenrechtsverletzungen und Misswirtschaft erhoben. Als die Sicherheitskräfte die jüngsten Proteste gewaltsam auflösten, wurden mehrere Jugendliche verhaftet, einige verletzt, zwei sogar getötet. Das machte die Menschen noch wütender: Die Protestbewegung breitete sich auf andere Städte aus.

Als die Protestwelle auch auf den sozialen Netzwerken immer grösser wurde, schnitt die Regierung den Zugang zu Facebook, Whatsapp und Viber ab – und verbot sämtliche Demonstrationen. Man verstehe die Entrüstung zwar schon, hiess es vonseiten des Regimes. Aber das oberste Ziel sei es, Ruhe und Frieden wiederherzustellen. Die Unfähigkeit der Staatsmacht könnte den Langzeitherrscher das Amt kosten.

Die mutmasslichen Täter wurden inzwischen verhaftet. Doch als bekannt wurde, wer sie sind, wurde der Unmut nur noch grösser: Drei sollen Söhne von hohen Offizieren, einer sogar der Sohn des Aussenministers sein. Aus diesem Grund wird nun hinter verschlossenen Türen ermittelt. Ob die Täter jemals angemessen bestraft werden, wird sich zeigen.

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