Nr. 12/2016 vom 24.03.2016

Ist die Langstrasse wirklich so gefährlich?

Als Sozialarbeiterin, Barbetreiberin und Anwohnerin erlebte Jeanette Vernay den Wandel der Langstrasse zur Partymeile in all seinen Facetten – und damit auch den Verdrängungswettbewerb zwischen Alteingesessenen, Partyleuten und gutsituierten NeuzuzügerInnen.

Von Meret Michel (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Jeanette Vernay: «Heute habe ich den Eindruck, dass es normal ist, mit einer Knarre oder einem Messer in den Ausgang zu gehen.»

WOZ: Frau Vernay, wie haben Sie an den Wochenenden geschlafen, als Sie noch über Ihrer Bar im Langstrassenquartier wohnten?
Jeanette Vernay: Mein Bett stand an der Wand hin zum Club Bagatelle. Wenn die dort die Bässe voll aufgedreht haben, hat es ziemlich vibriert. Gleichzeitig kamen immer wieder Junkies in unseren Hinterhof, um ihren Stoff zu konsumieren. Aber man gewöhnt sich mit der Zeit an den Lärm.

Viele Leute sagen: Die Langstrasse ist eine Partymeile, das gehört dazu.
Mehr noch, sie denken, es sei der Hauptbestandteil. Nur vergessen sie, dass wir, also die alteingesessenen Quartierbewohner, zuerst da waren. Die Langstrasse war ja nicht immer schon eine Partymeile. Früher war das Quartier wie ein Dorf, man kannte sich, es war ein gemeinsames Zuhause. Mittlerweile sind viele weggezogen, weil sie sich die Mieten nicht mehr leisten können – oder weil sie dieses Theater an den Wochenenden schlicht nicht mehr ausgehalten haben.

Ab wann begann die Langstrasse, zur Partymeile zu werden?
Das war so etwa 2008, als die ersten Clubs ihre Türen öffneten. Später wurden es immer mehr. Gleichzeitig gingen im Kreis 5 und in Altstetten mehrere Clubs zu, sodass immer noch mehr Leute an die Langstrasse kamen. Zudem setzte das grosse Sterben der Cabarets und Striplokale ein, worauf auch in diesen Räumen hippe Clubs eingerichtet wurden.

Wobei: Ein Stück weit war es von der Stadtpolitik sicher auch gewollt, dass die Langstrasse zur Partymeile wurde. Mit dem Projekt «Langstrasse Plus» unter Federführung von Rolf Vieli wollte die Stadt das Quartier sozusagen aufwerten – und handkehrum mit den Junkies und dem Milieu aufräumen. Unter der damaligen Polizeidirektorin Esther Maurer galt die Devise: «Erlaubt ist, was nicht stört.» Dass daraus ein solcher Ballermann wird, konnte man sich damals noch nicht vorstellen. Man dachte, es kämen gutsituierte Leute – nicht irgendwelche durchgeknallten Säufer und Coci-Frösche, die Randale machen und Schlägereien suchen.

Heisst das, für die Bewohnerinnen und Bewohner ist es immer schlimmer geworden?
Ich sage immer, früher waren die Häuser grau und die Leute bunt. Heute ist es umgekehrt. Klar, wir hatten schon immer Spinner im Quartier. Und natürlich, auch früher gab es mal Geschrei, zwischen Sexarbeiterinnen und Freiern zum Beispiel. Aber es gehörte zum Quartier, und die gegenseitige Rücksichtnahme war ausgeprägter. Wenn Junkies in den Hauseingängen ihren Stoff konsumierten, konnten wir ihnen sagen, sie sollen woanders hingehen – und das haben sie dann auch getan.

Die meisten Leute aber, die heute an die Langstrasse kommen, um zu feiern, haben nichts mit dem Quartier zu tun. Die kommen am Donnerstag- oder Freitagabend, ballern sich zu, feiern durch – und fahren dann wieder raus in die Agglo, wo heile Welt ist. Ihnen scheint nicht bewusst zu sein, dass hier Leute leben und arbeiten. Wenn ich sie darauf hinweise, sagen sie mir: «Hey Alte, wir sind hier an der Langstrasse.»

Wie viel Wahrheit steckt in der Behauptung, die Langstrasse sei gefährlich?
Gefährlich ist die Unberechenbarkeit der Leute, die am Wochenende hierherkommen. Heute habe ich den Eindruck, dass es normal ist, mit einer Knarre oder einem Messer in den Ausgang zu gehen. So etwas wäre uns früher nie in den Sinn gekommen. Hinzu kommt die Mischung aus Aufputschmitteln – Amphetamin, Coci, Alkohol. Das bringt die Würfel im Kopf einfach durcheinander. Bei meiner Bar hat mal einer mit einer Wodkaflasche die Scheibe eingeschlagen. Einfach so, im Vorbeigehen. Nachdem ihn die Polizei in die Ausnüchterungszelle gebracht hatte, kam er am nächsten Morgen zurück und hat sich entschuldigt. Ganz ein anständiger, lieber Bub, der einfach total durch war. Zu viel Alkohol, zu viele Drogen.

Die Clubbesitzer selber sagen, sie könnten wenig dagegen unternehmen, weil viele Leute gar nicht zu ihnen reinkommen würden …
Das stimmt. Das Problem beginnt ja, wenn sie bereits wieder draussen sind – oder sogar rausgeschmissen wurden, weil sie so vollgeladen sind. Oder sie gehen direkt in den 24-Stunden-Shop, um sich ihre Schnapsflaschen zu kaufen. Da kannst du noch so viel Polizei auf der Strasse hinstellen, es nützt einfach nichts, die Wahrnehmung der Leute ist dermassen eingeschränkt.

Im Oktober und im Januar hat die Stadt einen runden Tisch organisiert, um über die unterschiedlichen Ansprüche an der Langstrasse zu sprechen. Bringt das etwas?
Ich meine, es muss drin liegen, dass es Clubs an der Langstrasse gibt. Zwischen den unterschiedlichen Gruppen findet derzeit ein Verdrängungswettbewerb statt: Da gibt es das Partyvolk, das gehauen oder gestochen feiern will, dann die Alteingesessenen, die trotzig finden: «Wir lassen uns nicht vertreiben» – und schliesslich die gutsituierten Neuzuzüger, die es zwar hip und cool finden, überall schnell hingehen zu können, aber trotzdem ruhig schlafen wollen. Hier den gemeinsamen Nenner zu finden, ist fast unmöglich.

Nach ihrem fünfjährigen Intermezzo als Barbetreiberin sucht sich Jeanette Vernay (48) ein neues Tätigkeitsfeld als Sozialarbeiterin. In der nächsten WOZ erzählt sie unter anderem von den neusten Entwicklungen in der aufsuchenden Sozialarbeit im Lauf der letzten Jahre.

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