Nr. 09/2016 vom 03.03.2016

Wie oft stand die Polizei bei Ihnen auf der Matte?

Eines Tages beschloss die Sozialarbeiterin Jeanette Vernay, mitten im Zürcher Langstrassenviertel eine Bar zu eröffnen. Und betreute plötzlich nicht mehr KlientInnen – sondern Gäste.

Von Meret Michel (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Jeanette Vernay: «Einmal stürmten um zwei Uhr früh plötzlich sechs Polizisten in Vollmontur in die Bar und blieben ganz verwirrt stehen.»

WOZ: Frau Vernay, Sie sind Sozialarbeiterin – und haben 2011 Ihre eigene Bar an der Langstrasse eröffnet. Wie kam das?
Jeanette Vernay: Ich hatte acht Jahre lang für den Verein Arche aufsuchende Sozialarbeit mit Prostituierten im Langstrassenquartier gemacht. Davor hatte ich bereits mit Sexarbeiterinnen am Sihlquai gearbeitet. Als die Arche 2011 beschloss, das Büro an der Langstrasse zu schliessen, fand ich es schade, das Quartier verlassen zu müssen. Ich hatte hier ja mein Netzwerk. Und als ich hörte, dass an der Brauerstrasse eine Bar frei wurde, dachte ich: Also gut, das mache ich.

Sie hatten überhaupt keine Erfahrung in der Gastronomie?
Nein, ich bin da völlig unwissend reingelaufen. Ich dachte: Essen und Trinken verkaufen und smalltalken, das ist doch lustig. Ich merkte aber schnell, dass noch einiges mehr daran hängt. Wie geht man mit den Gästen um, was macht man, wenn der Kühlschrank kaputt ist? Da merkte ich: Wirten ist eben nicht nur lustig, sondern auch sehr anstrengend.

Wir hatten sieben Tage die Woche geöffnet – und mussten jeden Tag mindestens 1200 Franken Umsatz machen, sonst wären wir finanziell nicht durchgekommen. Wenn du an einem Tag zu wenig Umsatz machst, musst du das Defizit am nächsten Tag wieder reinholen. Das hat mir irgendwann sehr zugesetzt. Es gab Tage, da war ich am Feierabend total geschafft, hatte gearbeitet wie blöd – und es reichte doch nicht. Das macht dich mit der Zeit kaputt.

Woran mussten Sie sich denn am meisten gewöhnen?
An den Umgang mit den Gästen. Im Sozialbereich kommen die Leute mit einem Anliegen und gehen dann wieder. In der Bar jedoch hatte ich Stammgäste, die jeden Tag von neuem kamen – und immer über das Gleiche reden wollten. Einer zum Beispiel kam täglich drei-, viermal und trank jeweils eine Stange. Und das, nachdem er vorher schon eine Runde zwischen ein paar weiteren Stammlokalen gedreht hatte. Wenn er dann bei uns den Abschluss machte, hatte er schon so viel Bier intus, dass er nur noch laberte. Dann schimpfte er, dass alles schlecht sei, dass alle Arschlöcher seien – und er der Ärmste. Wenn du selbst nüchtern bist, ist das manchmal kaum auszuhalten.

Aber mit der Zeit habe ich gelernt, selektiv hinzuhören. Wenn ich genug hatte, ging es bei einem Ohr rein und beim anderen wieder raus. Aber das ist schon in Ordnung: Auch solche Leute müssen irgendwo Platz haben.

Ihre Bar war eine Art soziales Auffangbecken?
Kann man so sagen. Aber das sind viele Bars, die Stammgäste haben. Die Gäste kommen ja nicht, um Trübsal zu blasen, sondern um mit jemandem zu reden. Wie in einem erweiterten Wohnzimmer. Wenn meine Stammgäste, viele Alteingesessene aus dem Quartier, vorbeikamen, erzählten sie meistens, was sie gerade beschäftigte. Am Anfang wussten sie noch nicht, dass ich aus dem Sozialbereich kam. Als sie das merkten, fingen sie an, mich um Rat zu fragen.

Zu was haben sie Sie um Rat gefragt?
Viele waren frisch pensioniert, waren oft zu Hause und wussten nicht, was sie mit sich anfangen sollten. Mein Part war es, ihnen Möglichkeiten aufzuzeigen. Ich schlug dann zum Beispiel Freiwilligenarbeit vor. «Ah, Freiwilligenarbeit, was ist das?», war dann häufig die Antwort. Einige haben sich dann tatsächlich als Freiwillige betätigt, andere sich ein Hobby zugelegt. Auch das kannten die meisten von ihnen gar nicht. Waren ja alles Büezer, die ihr ganzes Leben gearbeitet hatten und nicht über die finanziellen Mittel oder die Zeit für Hobbys verfügten. Und dann gibt es auch jene, die dann vor allem in Bars rumhängen.

In einer Bar muss man auch mal Leute rausschmeissen. Haben Sie auch schon Hausverbote erteilt?
Zweimal. Einer davon war so ein Hardcore-Coci-Frosch, eine Spielernatur. Wir hatten einen Spielkasten in der Bar, bei dem das Resultat gespeichert wurde und am Ende des Monats jemand einen Preis gewann. Als er einmal nicht gewonnen hatte, wurde er so wütend, dass er begann, auf den Kasten einzudreschen. Da musste ich die Polizei holen – freiwillig wollte der nicht gehen. Aber normalerweise klappt das ganz gut mit dem Rausstellen. Es ist ein Vorteil, dass ich eine kleine Frau bin. Bei einem Türsteher ginge es sonst sofort darum, wer der Stärkere ist – was oft in eine Schlägerei ausartet.

Wie oft stand die Polizei bei Ihnen auf der Matte?
Selber rufen musste ich sie selten, zum Glück. Ein paarmal haben sie eine Razzia gemacht, meistens nachts, weil sie wussten, dass in der Bar geraucht wurde. Und einmal, das war witzig, es war zwei Uhr früh, und ich hatte noch sechs Gäste an der Bar, stürmen plötzlich sechs Polizisten in Vollmontur rein und bleiben ganz verwirrt stehen. «Gibt es ein Problem?», habe ich gefragt. «Schlägerei!», war die Antwort. «Aber hier sicher nicht», sagte ich. Daraufhin rief einer die Funkzentrale an und sagte: «Wir sind in der falschen Bar.»

Heute müssen die Polizisten in Ausbildung jeweils einige Monate an der Langstrasse arbeiten, um zu sehen, wie es läuft. Weil die dann aber von irgendwo aus dem Oberland kommen, sind sie halt nicht so ortskundig.

Mitte Dezember hat die Zürcherin Jeanette Vernay (48) ihre Bar aus finanziellen Gründen geschlossen. Nun sucht sie wieder einen Job in ihrem gelernten Bereich als Sozialarbeiterin. Nach der Schliessung hat Vernay zwei Tage durchgeschlafen.

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