Nr. 11/2016 vom 17.03.2016

Ein soziales Puff, wie meinen sie das?

Nach jahrelanger Sozialarbeit ist Jeanette Vernay die Situation der Sexarbeiterinnen an der Zürcher Langstrasse vertraut. Dafür, dass deren Arbeit prekärer geworden ist, ist auch die Politik verantwortlich.

Von Meret Michel (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Jeanette Vernay: «Spätestens seit im Sommer 2013 in Altstetten der Strichplatz eröffnet wurde, werden die Frauen an der Langstrasse systematisch kontrolliert.»

WOZ: Frau Vernay, bevor Sie 2011 Ihre Bar eröffneten, hatten Sie acht Jahre als Sozialarbeiterin an der Langstrasse gearbeitet. Wie hat sich die Situation der Sexarbeiterinnen seither verändert?
Jeanette Vernay: Früher gab es mehr soziale Kontrolle. Es war klar, wer wo steht, dass man nicht mit dem Preis unten rein geht und keine gefährlichen Praktiken macht. Es gab auch mehr Solidarität untereinander. Heute stehen die Frauen stärker in einem Konkurrenzverhältnis und arbeiten viel vereinzelter.

Was sind die Gründe dafür?
Zum einen kamen mit der Einführung der Personenfreizügigkeit viele Frauen aus dem EU-Raum, um hier als Sexarbeiterinnen anzuschaffen. Da sie höchstens drei Monate hierbleiben dürfen, versuchen sie, in dieser kurzen Zeit so viel Geld wie möglich zu verdienen – und verschwinden wieder. Zum Quartier haben sie keine Verbindung, ihren Umsatz machen sie mit möglichst vielen Freiern pro Tag und Nacht – zu tiefen Preisen. Was wiederum die Preise für alle anderen nach unten drückt.

Woher kommen die Frauen?
Jene aus Deutschland oder Italien kommen in der Regel selbstständig hierher. Daneben arbeiten viele aus dem Osten an der Langstrasse, die oft über Zuhälternetzwerke hier landen – dabei handelt es sich meistens um familiäre Netze. Konkret sind das zum Beispiel ein Bruder oder ein Cousin, der zwei oder drei Frauen kontrolliert. Diese Frauen stehen unter einem enormen Druck, einen bestimmten Umsatz zu machen – von dem sie in der Regel fast alles abgeben müssen.

Seit rund einem Jahr kommen auch viele Frauen aus Nigeria an die Langstrasse. Sie haben in der Regel einen negativen Asylentscheid aus Italien oder Griechenland und wollen weiter nach Marseille, wo viele ihrer Landsleute leben. In Zürich wollen sie so schnell wie möglich Geld verdienen, um ihre Schulden zu bezahlen. Dafür machen sie alles: Sie arbeiten ohne Gummi und zu jedem Preis. Ich verurteile das nicht, viele dieser Frauen sind von ihrer Flucht schwer traumatisiert. Aber es macht die Sexarbeit für alle an der Langstrasse nochmals prekärer.

Was macht es sonst noch schwierig?
Die Repression hat deutlich zugenommen. Seit ein paar Jahren, spätestens seit im Sommer 2013 am Stadtrand in Altstetten der Strichplatz eröffnet wurde, werden die Frauen an der Langstrasse systematisch kontrolliert. Wenn eine mehrere Mal beim Anschaffen erwischt wird, kann die Polizei ein 24-stündiges Rayonverbot aussprechen. Wohnt sie auch im Quartier, kommt das einem Hausarrest gleich. Zeitweise war es so extrem, dass Polizisten vor der Haustür von Frauen warteten, bis sie das Haus zum Einkaufen verliessen. Mittlerweile hat sich die Situation etwas entspannt, auch weil wir rechtlich dagegen vorgegangen sind.

Etwas anderes ist die Bewilligungspflicht, die die Stadt 2015 eingeführt hat: Sobald eine oder zwei Frauen in einem Zimmer anschaffen, müssen sie dies als Gewerbe anmelden. Die Stadt begründete das damit, so die Sicherheit für die Frauen zu erhöhen. Das ist diese scheinheilige Doppelmoral. Nur weil man die Repression verstärkt, verschwinden die Frauen ja nicht. Sie werden einfach in die Illegalität gedrängt. Für die Salons zum Beispiel erhalten die Frauen in aller Regel keine Bewilligung, weil der Wohnanteil im Quartier über fünfzig Prozent liegt.

Und was machen die Frauen dann?
Viele sind weggezogen, nach Oerlikon, Altstetten oder gleich nach Basel oder Luzern. Dort leben sie oft in anonymen Grossüberbauungen und schaffen übers Internet an. Anders als an der Langstrasse haben sie kein soziales Netz mehr – und auch keinen Zugang zu Hilfeleistungen.

Jene, die im Quartier bleiben, machen oft ein Arrangement mit dem Vermieter. Denn die Hausbesitzer wollen nicht mit dem Milieu in Verbindung gebracht werden. Sie setzen dann einen neuen Mietvertrag auf, erhöhen die Miete und sagen der Frau, sie solle diskret sein und nicht auf der Strasse anschaffen. Oder sie schmeissen sie raus und machen Hotelzimmer rein wie jetzt beim Milieulokal Sonne. Die neuen Besitzer planen offenbar, ein Hotel über der Beiz einzurichten.

In ein Hotel checkt man ein, was im Zimmer läuft, hat den Hausbesitzer nicht zu kümmern. Er kann einfach sagen: «Wir können nicht kontrollieren, was die Frau in ihrem Zimmer macht.» Weil sich die Frauen nicht zusätzlich eine Privatwohnung leisten können, sind sie gezwungen, im Hotel zu wohnen. Was sie wiederum abhängiger von den Besitzern macht.

Was müsste man dagegen unternehmen?
Mein Traum wäre es, ein soziales Puff zu eröffnen. Zum Beispiel im Amtshaus am Helvetiaplatz. Dort gibt es eine Tiefgarage und eine Dachterrasse mit einer Kantine. Man müsste ein paar Duschen einbauen, dann könnte man dort Zimmer einrichten. Unten gäbe es einen Empfang, wo kontrolliert wird, wer reinkommt. Und man könnte Arbeitsplätze schaffen für jene, die aussteigen wollen – in der Kantine, in der Administration oder auch in einer Wäscherei.

So gäbe es wieder eine soziale Kontrolle. Dann wüsste man einfach: Dort ist es, das Puff.

«Jeanette’s Bar», die Jeanette Vernay (48) von 2011 bis Ende 2015 führte, diente vielen Sexarbeiterinnen auch als niederschwellige Anlaufstelle.

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