Nr. 16/2016 vom 21.04.2016

Der Blick von der Grenze auf beide Seiten

Auch in seinem neuen Buch, «Miló», schreibt der Tessiner Alberto Nessi über Menschen, die sich gegen Armut und Ausbeutung auflehnen.

Von Bettina Dyttrich

Der äusserste Süden der Schweiz ist Alberto Nessis Zuhause: Chiasso, das Mendrisiotto, das Valle di Muggio. Ein Raum, in dem in den letzten Jahrzehnten viel kaputtgemacht wurde: Die Talebene erstickt unter Beton, die Berghänge verwildern. Von der Grenze aus schaut Nessi auf beide Seiten – ein Blick, der in der Schweizer Literatur einzigartig ist.

Seit «Terra matta» (1983) hat Nessi, der kürzlich den Schweizer Grand Prix Literatur erhalten hat, immer wieder über Menschen geschrieben, die sich gegen Armut und Ausbeutung auflehnen. So einer ist auch Miló in seinem neuem Buch: ein junger Maler und Gipser in der Zwischenkriegszeit, Secondo aus dem Aostatal, der sich in Genf wilden Streiks anschliesst, ausgeschafft wird wegen eines Diebstahls, den er nicht begangen hat, und in der «Heimat», die er kaum kennt, zum antifaschistischen Partisanen wird.

Doch mit sozialistischer Heldenliteratur hat das nichts zu tun. Dafür ist Nessi ein viel zu genauer Beobachter, und er schreibt in einer assoziativen, wunderbar schwerelosen Sprache. Dabei gelingt es ihm, mit wenigen Sätzen ganze Lebensgeschichten zu skizzieren: «Amelia ist im Krieg geboren: wirre Zeiten, das Brot schmeckt nach Sand und wird gleich so hart, dass man es mit der Axt spalten muss. Und es kommt ihr vor, als finde sie in der Fabrik eine neue Freiheit. Es kommt ihr so vor.» Nessi erzählt von Arbeitsmigrantinnen aus Italien und dem Senegal, von Bergbauern, denen die Welt abhandenkommt, er streift durch Chiasso und Como, trifft Verwahrloste, Beamte und Flüchtlinge. Oft scheint die Zeit des Faschismus so nah wie die Gegenwart, und es gibt Verbindungen zwischen den Zeiten: eine erschreckende Brutalität, die nie verschwunden ist, vom Slogan «Arbeite und schweig» in Mussolinis Fabriken bis zum heutigen Marktbesucher, der verkündet: «Allen Marokkanern, denen ich begegne, gebe ich einen Tritt ins Knie.» Eine andere Zufallsbekanntschaft ist Maler wie einst Miló, schwärmt aber von Hitler. Ja, Alberto Nessi ist trauriger als in früheren Büchern: «Wenn alles zu leuchten scheint, gibt es immer irgendwo eine Teerlache, wo wir klebenbleiben, da hält keine Freude stand.» Aber die wunderbare Sprache ist ihm geblieben, und manchmal kommt das Leuchten doch zurück. Für einen Augenblick.

Der Autor liest in Solothurn am Fr, 6. Mai 2016, 17 Uhr und am Sa, 7. Mai 2016, um 14.30 Uhr.

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