Nr. 16/2016 vom 21.04.2016

Dachdecker auf hoher See

Von Ursina Trautmann

Bei einem ersten oberflächlichen Hineinhören in «Prospect» gibt es scheinbar nichts, was dieses Album des Schweizer Kontrabassisten Luca Sisera und seiner Band Roofer von anderen neuen Jazzproduktionen unterscheidet. Bandleader Sisera hat einen Sinn für die Tradition, das sticht ins Ohr. Seine vier Mitmusiker Michael Jaeger (Tenorsaxofon und Klarinette), Silvio Cadotsch (Posaune), Yves Theiler (Piano und Cembalo) und Michi Stutz (Schlagzeug) geben sauber zum Besten, was in ihnen an prägendem Sound steckt. Könnte man meinen.

Beim richtigen Hinhören aber kracht das Unbekannte gleich von Beginn weg los. Die bekannten Swinglinien und Zitate rücken in den Hintergrund, und die rhythmischen Verschiebungen in Siseras Kompositionen drehen den Sound von Roofer in eine neue Richtung. Die Ideen zu den Stücken entstanden 2013, als Sisera sich für ein halbes Jahr nach New York begab: auf einem Frachtschiff über den Atlantik. Während dreier Wochen gab sich der Musiker dem allseitigen Blau auf hoher See hin, setzte sich und seinen Kontrabass dem Element aus. Im salzigen Ambiente geriet das Instrument nahe an die Dekomposition. Mit sorgfältiger Nachbehandlung liess sich der Bass dann wieder spielen.

Die Folge von all dem? Man hört im Eröffnungsstück «Roofer» die Maschinen des Frachters stampfen, und bei «Backyard Cowboys» tauchen Wale auf. Schliesslich wähnt man sich tatsächlich mit den wilden Jungs in einem Hinterhof, wo es verspielt scheppert und kleppert. Das Quintett stellt bewusst Bezüge zur Tradition her, lotet aber mit umso grösserem Geschick die Grenzen der Improvisation aus. Sisera hält mit seinen «Dachdeckern» («roofers») immer die Balance zwischen Experiment und sicherem Grund. Und zum Ende lässt Isa Wiss in «Rockaway» gar noch Sirenengesang erklingen.

Am spannendsten ist das Quintett in der Reduktion. Da, wo kaum mehr etwas übrig bleibt, gleiten die fünf sicher übers Wasser. Keiner sinkt ab. Niemand geht über Bord. Auf die Pausen hin lassen sie gekonnt Spannung entstehen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch