Nr. 16/2016 vom 21.04.2016

Die Geburt des Kollektivs aus dem Geist der Liebe

Was passiert, wenn die Gefühle den Ansprüchen nicht hinterherkommen? Thomas Vinterberg, Regisseur von «Festen», erzählt in seinem neuen Film «Kollektivet» von einer Kommune, wie er sie als Kind selber erlebt hat.

Von Barbara Schweizerhof

Was passiert, wenn die Gefühle den Ansprüchen nicht hinterherkommen? Anna (Trine Dyrholm, Mitte), ihr Mann Erik (Ulrich Thomsen, ganz rechts) und ihre WG-Gschpänli.

Dem Begriff «Kommune», so scheint es, haftet heute etwas Pathetisches, fast Lächerliches an. Erwachsene Menschen, die samt ihren Kindern in einer grossen Gemeinschaft zusammen wohnen, ohne dass ein sozialer Notstand wie Armut, Alter oder Krankheit sie dazu zwänge? Das hat als Idee an Glanz und Ausstrahlung verloren. In der populären Wahrnehmung sind die Gründer und Bewohnerinnen von Kommunen die historischen VerliererInnen, die als Erbe im besten Fall Enttäuschung und in schlimmeren Fällen Drogenabhängigkeit und Missbrauch hinterlassen haben. Oder?

Allein schon deshalb ist es wohltuend, wie der dänische Regisseur Thomas Vinterberg zu Beginn seines neuen Spielfilms über eine Kommune in den siebziger Jahren hervorhebt, dass deren Gründung gleichsam ein Akt der Lust war: Lust auf andere, Lust auf das Anderssein. Da erbt Erik (Ulrich Thomsen), ein gar nicht mal mehr junger Mann, ein stattliches Haus. Für seine eigene Kleinfamilie, bestehend aus Ehefrau Anna (Trine Dyrholm) und der Teenagertochter Freja (Martha Sofie Wallström Hansen), ist es viel zu gross. Der logische nächste Schritt wäre, das Haus zu verkaufen.

Das Gegenteil von Casting

Doch dann hat Anna eine Idee: Was wäre, wenn sie das Haus eben nicht allein bewohnen würden, sondern mit einem Kollektiv? Ist es nicht nach fünfzehn Jahren etwas langweilig geworden in ihrer Ehe? Ausserdem wollte Anna zum Beispiel schon immer mal mit ihrem alten Freund Ole (Lars Ranthe) zusammenwohnen, nicht aus erotischem Interesse, sondern weil Ole eben ein origineller Typ ist. Ole bringt seine Frau Mona (Julie Agnete Vang) mit, gemeinsam holen sie das Paar Steffen (Magnus Millang) und Ditte (Anne Gry Henningsen) ins Boot, deren kleiner Sohn Vilads (Sebastian Grönnegaard Milbrat) eine Art Schutzengelrolle einnimmt. Und dann stösst mit Allon (Fares Fares) auch noch ein Immigrant hinzu, der zwar kaum Miete zahlen kann, aber doch ins Wunschbild der gesuchten neuen Erfahrungen passt.

Vinterberg zeigt den Findungsprozess dieser Kommune als Montagesequenz, in der die Heiterkeit und die freudige Erwartung derer, die sich da versammeln, das Leitthema bilden. Der Prozess erscheint als Gegenteil von dem, was heute Casting heisst. Da werden keine Eigenschaften abgewogen oder abgefragt, keine Tests veranstaltet. Es ist der Wille zum Mitmachen, der zählt – die Geburt des Kollektivs aus dem Geist der Liebe.

Sicher treten auch Störfaktoren zutage, aber Vinterberg zeigt mit den sehr erwachsenen Gesichtern seiner Figuren, dass hier niemand eine durchgehend glatte See erwartet. Die möglichen Konfliktstellen sind einfach da: Erik beharrt auf Verträgen und Regeln, der kleine Vilads hat vielleicht nicht lange zu leben, Allon hat kein Geld und weint allzu leicht, Ole kämpft gegen Unordnung, indem er unnötig Herumliegendes gelegentlich im Garten verbrennt. Kann das gut gehen?

Wer füllt die Bierkasse auf?

Man glaubt zu wissen, wo dieser Film hinführt: vom trivialen Streit darüber, wer die Bierkasse auffüllt, bis zur späten Einsicht, dass «Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen» doch nicht funktioniert. Doch Vinterberg, der als Kind in einer solchen Kommune aufwuchs, interessiert sich stattdessen für eine intimere und komplexere Frage: Was passiert, wenn die Gefühle den Ansprüchen nicht hinterherkommen?

Als Erik sich in eine seiner jungen Studentinnen verliebt, besteht Anna darauf, dass diese auch in die Kommune einzieht. Im grossartigen, mitreissenden Spiel von Trine Dyrholm als Anna wird deutlich, wie viele gemischte Gefühle zu dieser Entscheidung beitragen: die hehren Ideale, die Besitzanspruch und Liebe voneinander trennen wollen, ein bisschen schlechtes Gewissen darüber, dass sie den Ehemann vernachlässigt hat, ein bisschen neidische Neugier auf die neue Frau und viel, ganz viel Anhänglichkeit an den alten Partner. Und dann zerbricht die starke Frau fast an der Widersprüchlichkeit ihrer Gefühle und ihrer Ideale. Es ist ein geradezu exemplarisches Frauenschicksal seiner Zeit: Anna, die es gewagt hat zu träumen, muss aus ihrem eigenen Traum erwachen.

Vinterberg präsentiert also nicht, wie man vielleicht erwartet hätte, eine Satire über die narzisstische Verblendung der Achtundsechziger, sondern lässt seinen Film in ein Melodram münden. Man kann das merkwürdig, ja fast unangenehm finden. Ist so viel Privates noch politisch? Irritierend ist auch, dass der Film für Eriks Untreue keine Verurteilung vorzuschreiben scheint. Aber in dieser Neutralität, die auf der anderen Seite auch Annas Leiden nie klein macht, liegt die grosse Stärke von «Kollektivet»: Gefühle entscheiden, das führt Vinterberg mit grosser Sensibilität vor – aber über Gefühle lässt sich nicht richten. Und was mit Lust und Freude begann, wird durch späteren Schmerz nicht wertlos.

Ab 21. April 2016 im Kino.

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