Nr. 16/2016 vom 21.04.2016

Ganz in der Gegenwart

Von Georg Gatsas

Am 9. April erlag Tony Conrad im Alter von 76 Jahren seinem Krebsleiden. Dass der Musiker, Komponist, Schriftsteller, Performance- und Videokünstler und Professor der Fakultät für Media Studies der Universität von Buffalo nicht mehr lebt, ist kaum zu fassen, verkörperte er doch wie kein anderer den ewigen «Drone», das anhaltende dunkle Summen und Dröhnen in der Musik.

Spannte man mit dem Hünen Conrad für ein Projekt zusammen, ging es rasch und fokussiert voran. Sein jugendhafter Geist, enthusiastischer Tatendrang und wortgewaltiger Witz waren ansteckend und hielten wach.

So auch bei meiner dreitägigen Performance- und Konzertserie am Ende meiner Ausstellung im New Yorker Swiss Institute vor neun Jahren. Wir luden den Violinisten Conrad, der bereits in den frühen siebziger Jahren mit der Krautrockband Faust den Drone- und Minimal-Beat-Klassiker «Outside the Dream Syndicate» geschrieben hatte, zu einem Gastspiel ein. Die Postpostmoderne rund um Bands wie Animal Collective, Gang Gang Dance, Black Dice oder Sunn O))), die von Conrads Arbeiten beeinflusst sind, erreichte damals ihren musikalischen Höhepunkt. Conrad selbst nützte meinen Wink zum Auftritt nicht, um sich für seine vergangenen Leistungen hochleben zu lassen, sondern sah ihn als günstigen Augenblick, um seine nächste Performance uraufführen zu lassen.

«Unprojectable: Projection and Perspective», so der Titel, wurde ein Jahr später nochmals in der Turbinenhalle der Londoner Tate Modern dargeboten. Zum Konzert erschien Conrad pünktlich mit dem Fahrrad und seiner Violine auf dem Gepäckträger. Man lernte schnell von ihm. Nostalgie und Autoritätsgläubigkeit waren für ihn genauso ein Unding wie Musik- und KunstkarrieristInnen. Nie verlor er ein Wort über seine früheren Taten und Werke.

Viel später erfuhr ich, dass Conrad, der bereits in den sechziger Jahren mit Rock ’n’ Roll nichts anfangen konnte, massgeblich für die Gründung und den Namen der Band Velvet Underground verantwortlich gewesen war. Mit «The Flicker» (1965) setzte er einen Grundstein für den konzeptuellen Experimentalfilm. «Geschichte ist wie Musik – komplett in der Gegenwart», liess er mal verlauten. Mit diesem Satz war Conrad, der gerne anonym blieb, fünf Jahrzehnte lang immer ganz vorne dabei. Und verlor bis zum Schluss seinen Humor nicht.

Der Film «Tony Conrad: Completely in the Present» soll bald erscheinen.

Georg Gatsas ist Fotograf.

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