Nr. 36/2016 vom 08.09.2016

Gebrochene Ich-Identitäten

Jens Balzer erklärt in seinem Panorama der Popgegenwart die Dominanz der Männer im Pop für beendet. Das ist löblich, aber etwas verkürzt.

Von David Hunziker

Nihilistischer Postinternetpop? Helene Fischer auf Gans. Foto: Sandra Ludewig, Universal Music GmbH

Es geschah 2009 in der Berliner Kulturbrauerei: Der berüchtigte Rockmusiker Pete Doherty hatte gerade seine zweite Band Babyshambles aufgelöst und war für sein erstes Solokonzert in der Stadt. Wie so oft ging es auch an diesem Abend schief. Zuerst vergass Doherty die Gitarre hinter der Bühne. Dann wurde er heiser und trank sehr viel Schnaps. Über stümperhaftem Gitarrenspiel besang er die Bühne als seinen Käfig – die Erlösung blieb aus, das Publikum verliess aggressiv und frustriert den Saal.

Jens Balzer, Popkritiker und stellvertretender Feuilletonchef der «Berliner Zeitung», schildert diesen Auftritt in seinem Buch «Pop. Ein Panorama der Gegenwart». Die Gegenwart, von der das Buch handelt, beginnt nämlich an jenem Abend, der bei Balzer für den Untergang des «heroisch-männlichen Indierocks» steht, den die britische Band The Strokes am Anfang des Jahrtausends noch ein letztes Mal aufleben liess. Mit Dohertys Absturz beginnt eine Popgegenwart, die von gebrochenen Ich-Identitäten bevölkert wird, in der in der Popmusik immer wieder die Machtfrage gestellt und ausgehandelt wird.

Und was machen die Männer?

Die Retrosoulsängerin Adele ist für Balzer die erste Frau im Popmainstream, die sich eine heroische Subjektivität zu eigen gemacht hat. Obwohl sie der Retromaniaeinschlag musikalisch mit der britischen Skandalsängerin Amy Winehouse verbindet, ist sie in ihrem Auftritt das Gegenteil. Während Winehouse der totale Kontrollverlust im Alkohol- und Drogenrausch in den Tod trieb, ist Adele die unbestrittene Herrin über ihr Schicksal. Sie produziert keine Skandale und schirmt ihr Privatleben stets von der Öffentlichkeit ab.

Diese weibliche Souveränität setzt sich vor allem in den avancierteren Bereichen der Popmusik fort. Eines der besten Kapitel ist dasjenige über «Technofeministinnen» wie Grimes und Holly Herndon, die den Laptop als wichtigstes Musikinstrument und als emanzipatorische Waffe nutzen. «Zum ersten Mal», sagt Herndon im Interview mit Balzer, «sind wir Frauen in grossem Massstab in die Lage versetzt worden, eigene Musik mit eigenen Mitteln zu machen, ohne dass wir uns einem männlichen Ingenieur überantworten müssen.» Indem Herndon ihre Stimme in digitale Schnipsel zerlegt, unkenntlich verfremdet und wieder zu Beats zusammensetzt, führt sie die unentwirrbare Verschränkung von Technik und Natur vor.

Auch die wichtigsten Stimmen der Popgegenwart sind laut Balzer weiblich – oder wie diejenige der opernhaften Elektropopsängerin Anohni in einem transsexuellen Zwischenraum angesiedelt. Während auch Julia Holters Gesang im Medium der technischen Entfremdung operiert, lehnt die Sängerin und Harfenspielerin Joanna Newsom Computer und elektronische Produktionsmittel strikt ab. Im Gegensatz zum konservativen Folkrevival setzt sie, die ihre Wurzeln in der Minimal Music und der Neuen Musik hat, dem jedoch keine neue Einfachheit entgegen. Der Einsatz ihrer Stimme, die sie stets mit ihrem pointierten Harfenspiel begleitet, ist hoch artifiziell und narrativ zugleich.

Und was machen die Männer? Bei Balzer suchen sie vor allem die Entschleunigung: sei es im monotonen Lärm der Drone-Metal-Band Sunn O))), deren ultralangsame Riffs wie ein endgültiger Ausklang des Metal anmuten, oder in den renitent-endlosen Improvisationen der Band Animal Collective, in denen Parameter wie Rhythmus und Melodie in einem chaotischen Brei aufgelöst werden.

Dabei sein ist fast alles

Wenn Balzer das Chaos der Popgegenwart aufdröselt, ist er stets mittendrin. Das Buch enthält ausgedehnte Schilderungen von Konzerten, die er aus seinen Reportagen für die «Berliner Zeitung» übernommen hat. Gleich zu Beginn werden wir mitten in ein Konzert der Schlagersängerin Helene Fischer geworfen. Diese erklärt Balzer zur «mega-eklektischen Multimediakünstlerin», die mit ihrer nihilistischen Aneignung entferntester Gattungen, Traditionen und Konventionen paradigmatisch für die Ära des Postinternetpop stehe.

Das Mittendrinsein ist Balzers grosse Stärke, aber auch seine Schwäche. Zum einen wird sein Ansatz der Funktionsweise von Popmusik gerecht, bei der Substanz und Inszenierung nie klar zu trennen sind. Schön zeigt sich das in Balzers aufschlussreichem Vergleich zwischen der Sängerin Lana Del Rey und dem «Grafen» von der deutschen Gothic-Pop-Band Unheilig. Klanglich haben sie zwar wenig gemein, aber in ihrer Lust an der Vergänglichkeit sind sich diese beiden Untoten der Popmusik erstaunlich ähnlich.

Zum andern fällt es Balzer, der sich den Anspruch eines umfassenden Panoramas ja selber auferlegt, auch schwer, über seine Berliner Scholle hinauszublicken: Abgesehen von einem kurzen Hip-Hop-Exkurs kommen nur weisse KünstlerInnen vor und abgesehen von einem schönen Kapitel über die sexuelle Ambivalenz der japanischen Popmusik, geht Balzer über die USA und Europa nicht hinaus. Statt seine Analysen mit historischen oder soziologischen Aspekten anzureichern, schreibt Balzer lieber der schillernden Oberfläche entlang. Das betrifft auch seine feministische Hauptthese. In ihrem optimistischen Drive ist sie zwar löblich. Doch sie unterschlägt auch das Gewicht eines immer noch klar männlich dominierten popmusikalisch-industriellen Komplexes.

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