Nr. 17/2016 vom 28.04.2016

Medienopferhilfe

Gegen mediale Hetzjagden und für mehr Fairness in der Berichterstattung: In Basel wird eine Anlaufstelle für Medienopfer gegründet.

Von Anouk Eschelmüller

Im Journalismus gibt es Grundsätze, nach denen sich BerichterstatterInnen zu richten haben. So ist dem Pflichtenheft des Presserates, Hüter der Medienethik, zu entnehmen, dass die Journalistin in ihren Beiträgen anonyme und sachlich ungerechtfertigte Anschuldigungen unterlässt oder der Journalist auf diskriminierende Kommentare verzichtet.

Dass diese Grundsätze nicht immer eingehalten werden, gibt Anlass zu medienpolitischen Auseinandersetzungen. Beispiele gibt es genug, so etwa die mitunter scharf unter die Gürtellinie zielende Berichterstattung der «Basler Zeitung» (BaZ). Die Zeitung verstosse «gegen elementare journalistische Sorgfaltspflichten» sowie «gegen die Wahrheitspflicht» und foutiere sich um die Persönlichkeitsrechte, rügte der Presserat die BaZ verschiedentlich. Einen Höhepunkt erreichte die BaZ’sche Treibjagd etwa 2014 mit der gehässigen Kampagne gegen Sibel Arslan, mit der die Zeitung schliesslich verhinderte, dass die Politikerin eine leitende Stelle in der Verwaltung erhielt.

«Opfer auf dem Boulevardaltar»

Aus dem Umfeld des medienkritischen Aufrufs «Rettet Basel» wird nun eine Stelle errichtet, die sich für die Betroffenen solcher Berichterstattungen einsetzt. Bereits im November letzten Jahres hat eine Gruppe um den SP-Nationalrat Beat Jans den Verein Fairmedia für die Region Nordwestschweiz ins Leben gerufen. Die Idee: ein Instrument zu schaffen, das es ermöglicht, den Opfern medialer Verunglimpfungen künftig den Rücken zu stärken. Im Konzeptpapier wählen die InitiantInnen deutliche Worte: Hiesige Medien «opfern auf dem Altar des Boulevards und der politischen Agenda den Anstand, die Persönlichkeitsrechte Betroffener, die Zuverlässigkeit in der Berichterstattung».

Laut den beiden Kogeschäftsführern des Vereins, Manuel Bertschi und An Lac Truong Dinh, steht die Anlaufstelle nicht nur Einzelpersonen offen. Denkbar sei auch die Betreuung von Gemeinden, die im Umgang mit Medien teilweise eher schlecht aufgestellt seien. Gerade der «Fall Therwil» mit dem Händedruckdispens für zwei Schüler zeige, dass auch Dörfer zur Zielscheibe medialer Schmähungen würden.

Schutz vor Verunglimpfungen durch die Medien bieten bereits der Presserat und Ombudsstellen von Schweizer Medien. Nicht zuletzt sind Persönlichkeitsrechte auch rechtlich geschützt. Die Anlaufstelle von Fairmedia will sich von diesen bestehenden Institutionen durch ihre Unabhängigkeit unterscheiden – sie ist nicht an ein Medienhaus gebunden und wird getragen von einem breit abgestützten Patronatskomitee, unterstreicht Bertschi. Ausserdem sollen die Hürden für Hilfesuchende tiefer gehalten werden. Die Anlaufstelle bietet ihre Unterstützung deshalb wenn immer möglich kostenlos an.

«Nicht Anti-BaZ»

Wendet sich zukünftig ein Medienopfer an Fairmedia, wird zunächst der Sachverhalt überprüft. Manuel Bertschi, als Anwalt auf Medienrecht spezialisiert und früher selber Sportreporter bei der «BaZ», ist für die rechtliche Beratung zuständig. Liegt tatsächlich eine Schädigung vor, werden zunächst alle möglichen Szenarien durchgespielt: Reicht ein vermittelndes Gespräch zwischen JournalistIn und geschädigter Person? Soll eine Gegendarstellung aufgesetzt werden, oder müssen allenfalls rechtliche Schritte eingeleitet werden?

Im Patronatskomitee des jungen Vereins finden sich diverse bekannte Namen. Neben PolitikerInnen wie Maya Graf, Christian Egeler und Sibylle von Heydebrand zählen auch Psychiater Mario Gmür sowie Historiker Georg Kreis zur Vereinsspitze. Ganz unvoreingenommen sind diese indes nicht. Ein Blick in die Runde zeigt: Nicht wenige von ihnen waren ihrerseits bereits Gegenstand kontroverser medialer Berichterstattung, insbesondere der «BaZ». Die beiden Kogeschäftsführer bestreiten allerdings, dass es sich bei dem Projekt um eine Gegenaktion zur «BaZ» handelt. «Wir sind kein Anti-BaZ-Verein», betont Truong Dinh. Ihnen gehe es um Fairness bei der Berichterstattung, von der die «BaZ» natürlich Teil sei.

Der Verein wird das operative Geschäft in gut zwei Wochen aufnehmen. Sollte das Modell Erfolg zeitigen, müsse in Betracht gezogen werden, später eine solche unabhängige Anlaufstelle auch in anderen Teilen der Schweiz zu lancieren. Schliesslich haben sich auch in Zürich JournalistInnen auf die Skalpjagd spezialisiert.

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