Nr. 32/2016 vom 11.08.2016

«Ich fühlte mich ganz allein»

Der Hass im Netz macht sie ratlos. Moderatorin Steffi Buchli zieht es vor, eigene Schlagzeilen zu machen.

Von Anouk Eschelmüller

Steffi Buchli: «Wäre mir das fünf Jahre früher passiert, wäre ich wohl zusammengebrochen.» Selfie: Steffi Buchli

«Steffi Buchli ist eine mega extrem unschöne Frau, schweizerisch extrem negativ emanzipiert, von Weiblichkeit ist gar nichts vorhanden.» Zum Schluss seines Posts fordert der Schreiber die Sportmoderatorin auf: «Treten Sie ab, Sie taugen nichts, Sie sind ein dummes CH-Tussie!!!» Der Kommentar, der im vergangenen August auf Steffi Buchlis Facebook-Seite gepostet wurde, unterschied sich kaum von den vielen anderen Hasskommentaren, die ihm bereits vorausgegangen waren. Er überbot sie nicht an Gehässigkeit, war im Wortlaut nicht bösartiger, nicht primitiver.

Spontane Rache am Hater

Buchli, die den Post liest, kann zunächst kaum glauben, dass der Wüter auf seinem Profil mit Klarnamen auftritt, sogar Beruf und Natelnummer angibt. Was folgte, sei eine Kurzschlussreaktion gewesen, sagt Buchli rückblickend. Es habe ihr schlicht gereicht, sich immer wieder online beschimpfen lassen zu müssen. «Haters gonna hate», schreibt sie auf ihr Facebook-Profil. Diesem folgen heute über 27 000 Leute. Darunter veröffentlicht die SRF-Moderatorin die Telefonnummer des Hasskommentators. Über 3500 Mal wird ihr Post innert weniger Stunden geliked, der Hasskommentator wird seinerseits mit Anfeindungen bombardiert. Als Buchli mitbekommt, dass ihre Community ausser Rand und Band ist, löscht sie den Post umgehend und fordert ihre Follower auf, den Mann in Ruhe zu lassen. «Ich habe für einmal meine eigenen Guidelines ausser Acht gelassen», sagt sie heute. «Ich hätte das Ganze nochmals überdenken, eine Zweitmeinung einholen müssen.»

Buchli ist ein Medienprofi. Die bekannteste Sportmoderatorin des Landes arbeitet seit rund dreizehn Jahren beim Schweizer Fernsehen und hat sich in dieser Zeit ein dickes Fell zugelegt.

Zum Sportjournalismus und ihrer steilen Karriere kam sie auf Umwegen. Nach der Matura absolviert Buchli ein Bankpraktikum. Danach meldet sie sich an der Fachhochschule für Journalismus in Winterthur an. Es folgen zwei Anstellungen beim Radio. 2003 steigt sie bei SRF auf der Sportredaktion ein. Mit der Moderationsstelle für «sport aktuell» wagt sie 2006 schliesslich den Schritt vor die Kamera. Buchli arbeitet hart für ihren Beruf. «Ich mag den Sportjournalismus, seine Bilderfülle, die Emotionalität.»

Als Frau sei es nicht einfach, sich in einem «Männerberuf» zu behaupten, sagt die Moderatorin. Besonders drastisch musste sie dies erfahren, als sie mit dem Wechsel zu den Livesendungen plötzlich eine viel grössere mediale Präsenz erhielt. «In den Livesendungen wird es brisant, erst da wirst du wirklich fassbar.» Plötzlich wird Buchlis Äusseres breit ausgeschlachtet. Im Besonderen: die kurzen Haare, dann die kurzen roten Haare. «Ich wurde als ‹Hexe› bezeichnet. Offenbar haben die roten Haare etwas Bedrohliches», sagt Buchli. «Lange braune Haare wären sicher mehrheitsfähiger. Mit einem dezenteren Auftreten würde ich mich weniger exponieren.»

Buchli als Kassenschlager

Der Austausch von Hassbotschaften findet nicht nur auf Buchlis Facebook-Seite statt, sondern – und dies nicht minder ausfällig – auch in den Kommentarspalten der Zeitungen. An vorderster Front des Sensationsjournalismus: der «Blick». Einen Höhepunkt erlebte die reisserische Berichterstattung etwa nach Buchlis Moderation der Sports Awards 2013. Der «Blick» nannte Buchlis Auftritt ein «Frisurdebakel» und liess sogenannte StyleexpertInnen Haare und Kleid der Sportmoderatorin aufs Korn nehmen. Die Kommentarspalten waren gefüllt mit derben Beleidigungen und Beschimpfungen. «Ich fühlte mich allein auf weiter Flur», erinnert sie sich. «Da hast du eine Sendung gemacht, zweieinhalb Stunden, hast keinen Bock geschossen, und dann wird nur über deine Frisur gesprochen.»

Ein zweiter massiver Shitstorm entlud sich über der Sportmoderatorin, als die frischgebackene Mutter Anfang dieses Jahres verkündete, nach dem Mutterschaftsurlaub wieder mit einem Achtzigprozentpensum in ihren Beruf einsteigen zu wollen. Sie wurde als «kalte Gebärmaschine» und «karrieregeil» bezeichnet. Im Gegensatz zu früher hagelte die Kritik nun vornehmlich vonseiten weiblicher KommentarschreiberInnen auf sie ein. «Die Heftigkeit der Reaktionen hat mich überrascht und betrübt. Wäre mir das fünf Jahre früher passiert, wäre ich wohl zusammengebrochen», sagt sie.

Buchli ist sich ihrer Präsenz in den Boulevardblättern bewusst. Über einen Kontakt zum «Blick» hat die Sportmoderatorin erfahren, wieso die Boulevardzeitung ein so grosses Interesse an ihrem Privatleben zeigt: Frauen auf der Front ziehen gut. «Gegen solche Boulevardmechanismen bist du ziemlich machtlos.»

Paradoxerweise verschafft ihr gerade das Internet, das sie zur Zielscheibe von Hasskommentaren macht, einen gewissen Spielraum im Umgang mit der Presse. Steffi Buchli ist mit über 100 000 Twitter-, Facebook- und Instagram-Followern unbestritten die Social-Media-Queen des SRF. Sie exponiert sich damit.

Gleichzeitig gibt es Buchli die Möglichkeit, unabhängig von den grossen Zeitungsblättern zu kommunizieren: «Ich mache mir meine Schlagzeilen einfach selber.» Zusätzliche Rückendeckung bekommt sie von ihrer Agentur. Wer mit Buchli telefonieren, wer ihr mailen oder Briefe schreiben möchte, muss zunächst die Selektion der Agentur passieren. Da werde bereits einiges gefiltert.

Wie aber mit den Hasskommentaren im Netz effektiv umgegangen werden muss – da ist Buchli ratlos. Zurzeit ist die SRF-Frau in Rio und moderiert die Olympischen Spiele. «Das ist eine einmalige Chance», sagt sie, «die habe ich mir nicht nehmen lassen.» Auch der «Blick» hat sich diese Chance nicht nehmen lassen. Kurz vor Buchlis Abflug titelt das Blatt: «Steffi Buchli reist ohne Baby Karli nach Rio». Auf die Kommentarfunktion verzichtete die Redaktion diesmal. Dafür schrieb sie den Namen von Buchlis Baby falsch.

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