Nr. 17/2016 vom 28.04.2016

Seich unterm Tisch

Karin Hoffsten über ein Arbeitsfeld, das nicht so bald digitalisiert werden wird

Von Karin Hoffsten

Von Mühsal bis Erfüllung kann Arbeit alles sein. Drum sind Jugendliche meist heillos überfordert, wenn sie entscheiden sollen, womit sie ihr Leben verbringen wollen. Denn die Tatsache, dass heute keine Berufsbiografie mehr ungebrochen verläuft, ist kein Trost, wenn man so jung ist.

So ging es auch Luca, den ich kennenlernte, als er gerade ohne Widerstände, aber auch bar jeder Leidenschaft eine kaufmännische Ausbildung abschloss. Das Leben begann ja erst. Kürzlich trafen wir uns wieder, er strahlte: Nach einer Reihe befristeter Jobs und Praktika, die schon zu Ende waren, kaum hatte er sich eingearbeitet, habe er seit zwei Jahren eine Arbeit mit Verpflichtung und Verantwortung. Als «Mitarbeiter in Ausbildung» betreut er Menschen «mit Beeinträchtigung» in der Betriebsküche einer Stiftung, die auch Caterings auswärts liefert. Daneben studiert er Sozialpädagogik.

Nun habe ich eine Freundin, die bei jeder Erwähnung von SozialpädagogInnen in verächtliches Schnauben ausbricht und auf Nachfragen, was dieser Berufsstand ihr denn angetan habe, nur stöhnt, die schrieben bloss Konzepte und hätten keine Ahnung von der Praxis – «Theoriewichser» halt.

Also wollte ich mehr über Lucas Arbeitsalltag wissen, der morgens um Viertel nach sechs beginnt. Etwas später kommen die Angestellten, und um sieben beginnt der Arbeitstag für jene, die hier lernen sollen, trotz körperlicher, psychischer oder kognitiver «Beeinträchtigung» allein und im Team zu arbeiten oder auch eine Lehre zu machen.

Für Luca besteht die tägliche Herausforderung darin, jeden und jede trotz ganz individuell eintrainierter Ausweichstrategien zum Mitmachen zu bewegen, was zäh sein kann, wenn ein paar Jungs «unterm Tisch sitzen und Seich machen». Einmal sei er total ausgerastet – schlimm! schlimm! schlimm! –, weil ihm welche auf der Nase rumgetanzt seien. Da habe er Esswaren und Schmutzlappen rumgeworfen und geschrien, was aber nicht zielführend gewesen sei, denn die Jungs fanden es lustig. Doch wirklich schwierige Situationen, wie die Frage, ob jemandem aufgrund permanenter Regelverletzungen gekündigt werden müsse, können Luca auch mal bis in den Nachtschlaf verfolgen.

Bis jetzt überwiegen kleine Erfolgserlebnisse. Das kann der Mitarbeiter mit Downsyndrom sein, der vor Stolz fast platzt, weil die erstmals selbstständig angerührte Salatsauce gut geraten ist. Oder die junge Frau, die aufgrund massiver Lernprobleme hier im geschützten Rahmen eine Servicelehre begonnen hat und jetzt total happy ist, weil sie ihre Lehre ab dem zweiten Lehrjahr im ersten Arbeitsmarkt fortsetzen kann.

Dafür liebt Luca seinen Job. Und dass er vor lauter Freude über die kleinen Erfolge nicht gleich der sozialromantischen Duselei verfällt, dafür sorgt voller Umsicht die IV. Die fragt nämlich regelmässig: «Wie schätzen Sie die wirtschaftliche Verwertbarkeit Ihres Klienten ein?»

Karin Hoffsten freut sich, dass sie ihre Berufswahl abgeschlossen hat und nur ganz selten morgens um Viertel nach sechs irgendwo sein muss.

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