Nr. 38/2013 vom 19.09.2013

«Ich bin achtsamer geworden»

Im Massnahmenzentrum Uitikon können jugendliche Straftäter eine Lehre absolvieren. Für viele ist dies die grosse Chance, eine stabile Persönlichkeit aufzubauen und mit gefestigter Identität in eine deliktfreie Zukunft aufzubrechen.

Von Tirza Gautschi

Kreischend sägt sich das Schneidewerkzeug in die Eisenplatte. Funken sprühen auf den Boden, der Geruch von heissem Metall steigt in die Nase. Durch die hohen milchigen Fenster sickert die Sonne in die geräumige Werkstatt, wo der Berufsbildner an einem langen Arbeitstisch geduldig die Handgriffe eines Lehrlings überprüft. Im hinteren Bereich bedient ein weiterer Lehrling eine grosse Maschine, sein Gesicht ist durch eine klobige Maske geschützt.

Nimmt Manuel S.* den Helm ab, kommt ein ruhiger junger Mann zum Vorschein. S. ist bereits seit dreieinhalb Jahren im Massnahmenzentrum in Uitikon (MZU) und will nächsten Sommer seine berufliche Grundbildung zum Metallbauer abschliessen. «Diese Ausbildung ist für mich eine Lebensgrundlage. Hat man nichts, ist man nichts», sagt er. Zumindest gibt die Lehre dem 25-Jährigen die Möglichkeit, noch etwas anderes zu sein als ein Straftäter. Wegen Mord und Raub verurteilt, hatte er nach eigener Aussage Glück, überhaupt ins MZU eingewiesen zu werden.

S. wählt jedes seiner Worte ganz vorsichtig, als würde er immer wieder genau darüber nachdenken. «Ich habe einen Richter bekommen, der wirklich sehr gnädig mit mir war», erzählt der Lehrling. «Im Gericht hat er zu mir gesagt, er hoffe, dass ich die Chance hier packe.» Ein Satz, an den sich S. wie an einen rettenden Strohhalm klammert, wenn er das Gefühl hat, von seiner Lebenssituation überfordert zu sein. «Ich will es ihm zeigen und beweisen, dass ich die Chance verdient habe.»

Die Familie ist stolz

Für die Plätze im MZU gibt es eine lange Warteliste. Sowohl die offene wie auch die geschlossene Abteilung seien immer belegt, sagt Philipp Scholl, Leiter des Ausbildungs- und Schulbetriebs im MZU. Insgesamt werden neunzehn verschiedene Ausbildungen angeboten, drei davon können auch im Rahmen der geschlossenen Abteilung absolviert werden.

Raphael M. ist verurteilt wegen «Delikten gegen Frauen», wie er sich ausdrückt, und bereits ein Jahr in der geschlossenen Abteilung des MZU. In wenigen Tagen wird er seine Ausbildung in der Malerei beginnen. Ursprünglich wollte er in die Gärtnerei, dazu müsste er aber zuerst in die offene Abteilung übertreten können. «Maler ist hier drin die beste Arbeit, das wird mir auch in Zukunft am meisten bringen – wenn ich wieder draussen bin.» M. ist etwas nervös, sein Blick haftet an der Tischplatte vor ihm.

Am Anfang habe er sich gegen die ständige Kontrolle und die Aufarbeitung der Delikte gesträubt. «Doch ich musste einsehen, dass es besser ist, wenn ich mitmache. Die Alternative wäre das Gefängnis.» Und darauf möchte es M. nicht ankommen lassen. Der 22-Jährige hatte vor seiner Inhaftierung bereits drei Ausbildungen angefangen. Jedes Mal wurde ihm gekündigt.

«Ich hoffe, dass sich das Verhältnis zu meiner Familie durch die Lehre bessern wird», sagt M. Seine Grossmutter habe wieder Kontakt aufgenommen. «Sie ist stolz auf mich und sagt, dass ich endlich mal etwas richtig gemacht habe.» Auch Manuel S. kennt dieses Gefühl: «Wenn ich am Wochenende nach Hause kann, muss ich jetzt ständig technische Fragen beantworten und Probleme lösen.» Ein zögerliches Lächeln huscht über sein Gesicht.

Eskalation vermeiden

Für die BerufsbildnerInnen bedeutet die Arbeit mit den Jugendlichen auch immer eine Auseinandersetzung mit deren Taten. Das MZU baut dabei auf ein stark vernetztes, interaktives Konzept: BerufsbildnerInnen, Lehrerinnen, Psychologen und Sozialpädagoginnen tauschen sich ständig über die Leistungen der Jugendlichen aus. Der Lohn der Lehrlinge hängt von deren Verhalten ab und wird bei der monatlichen Qualifikation mit den Vorgesetzten besprochen.

Angst verspürt Eugen Dieterle, Leiter der Malerei, bei der Arbeit mit den Straftätern keine. «Man ist vielleicht in der Wortwahl etwas vorsichtiger und versucht, mit körperlicher Distanz professionellen Respekt zu schaffen», erzählt er. Er wird wie alle anderen BerufsbildnerInnen des MZU intern sozialpädagogisch geschult.

Es komme auch mal vor, dass ein Jugendlicher von der Arbeit eine Auszeit brauche und für ein paar Stunden in sein Zimmer gehe, um einen Konflikt zu vermeiden. Die Jugendlichen nicht in die Ecke zu drängen, sei wichtig, sagt Dieterle. «Wir lösen die Situation auf, bevor sie eskaliert, und kommen später wieder darauf zurück.» Die Auseinandersetzung mit sich selbst ist laut Manuel S. sehr anstrengend. «Man möchte mal abschalten. Doch nach der Arbeit kommt man in den Wohnbereich und muss gleich weiter an sich arbeiten.» Die Deliktaufarbeitung geht weit über die Therapiestunden hinaus und durchdringt den Alltag der Jugendlichen.

Die Chance auf eine Zukunft

Während manche der jungen Männer nur schwer für eine Ausbildung zu motivieren sind, ist Adrian B. dabei, seine gesamte Zukunft neu zu planen. «Sobald ich draussen bin, werde ich selbstständig. Ich möchte meine eigenen Designs kreieren und Möbel herstellen», verkündet der 22-Jährige gleich in den ersten Minuten mit einer Überzeugung, die keinen Widerspruch zu dulden scheint. Der hünenhafte Berner sitzt im Gesprächszimmer der geschlossenen Abteilung.

Adrian B. ist zurzeit in einer Übergangsphase. Während er nach wie vor in der geschlossenen Abteilung schläft, unterzieht er sich zweimal täglich einer Leibesvisitation, um seine Ausbildung als Schreiner im offenen Bereich zu absolvieren. Draussen musste er seine Lehre als Spengler abbrechen, als er wegen mehrfacher schwerer Körperverletzung verhaftet wurde. «Wenn man die Leute hier fragt, klagen sie oft darüber, dass wir beispielsweise keinen Fernseher haben. Aber wir müssen ehrlich sein, wir sind alles Kriminelle», sagt B. «Das hier ist unsere grosse Chance, um deliktfrei zu leben.»

Beruf und Zukunft stehen für viele der Jugendlichen in engem Zusammenhang. Eine Ausbildung ist der Start in ein neues Leben, eine Identität, die sich die Straftäter selbst erarbeiten. «Wenn ich vielleicht mal Kinder habe, kann ich sagen, ich bin ein Arschloch gewesen, aber jetzt habe ich es im Griff», sagt Adrian B. Heute sehe er den Wert einer Ausbildung mit anderen Augen.

Mit dem Blick in die Zukunft kommt bei Raphael M., anders als bei Adrian B., leichte Panik auf. «Ich bin jetzt seit vier Jahren in Haft und weiss nicht, wie es draussen weitergehen soll», gibt er unumwunden zu. Er hat Angst, wieder in alte Muster zu verfallen.

Auch Manuel S., der im Sommer die Lehre abschliessen wird, macht sich Gedanken darüber, wie er ausserhalb des MZU mit seiner Tat konfrontiert wird. «Ich könnte nachvollziehen, wenn ich deshalb abgelehnt werde.» Mittlerweile ist er im praktischen Arbeiten Jahrgangsbester. Der Beruf gebe ihm Stabilität und die Möglichkeit, Gefühle wie Ärger, Wut oder Freude zu verarbeiten. Ein anderer Mensch sei er wahrscheinlich nicht geworden, sagt S. nach langem Überlegen. «Aber ein achtsamerer Mensch – mit mir und mit meinem Umfeld.»

* Namen der Jugendlichen geändert.

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