Nr. 18/2016 vom 05.05.2016

Ein Boom mit Schattenseiten

Seit Jahren werden international Museen im grossen Stil neu gegründet und erweitert. Trotzdem spricht der Kunsthistoriker Walter Grasskamp vom Kunstmuseum als einer «Fehlkonstruktion». Was ist da los?

Von Barbara Basting

Er hat es einmal mehr geschafft, der Louvre. Auch 2015 blieb er mit 8,6 Millionen Eintritten das meistbesuchte Museum der Welt. Aber sogar das Schlusslicht in dieser alljährlich vom Branchenblatt «The Art Newspaper» publizierten Liste der hundert bestfrequentierten Häuser der Welt, das Museum für Gegenwartskunst in Barcelona, kann sich mit über 700 000 BesucherInnen brüsten. Zum Vergleich: Selbst die grossen Schweizer Kunstmuseen schätzen sich glücklich, wenn sie jährlich um die 300 000 BesucherInnen anziehen.

Es gibt gute Gründe, diese quotenorientierte Betrachtung zu kritisieren. Eines hat sie immerhin für sich: Sie bestätigt die ungebrochene Anziehungskraft der Kunstmuseen. Wenigstens vordergründig und mit Blick auf die musealen Supertanker in den Tourismushochburgen.

Die Zahlen sind so verführerisch wie trügerisch, und der zugehörige Kommentar des «Art Newspaper» klingt fast schon apokalyptisch: Er ortet im massiven Expansionskurs vor allem der US-amerikanischen Museen «eine tickende Zeitbombe». So wurden in den USA zwischen 2007 und 2014 trotz wirtschaftlicher Krise stattliche fünf Milliarden Dollar in Erweiterungsbauten und neue Museen investiert. Wie das neue Whitney Museum of American Art in New York zeigt, steigen danach die BesucherInnenzahlen markant. Aber wenn der Reiz des Neuen verblasst ist, lassen sie meist wieder nach. Bleiben die Kosten des vergrösserten Betriebs.

Folgekosten als Falle

Auch der Kunsthistoriker Walter Grasskamp sieht dunkle Wolken über der boomenden Museumslandschaft der letzten Jahrzehnte aufziehen. «Das Kunstmuseum. Eine erfolgreiche Fehlkonstruktion», verkündet der paradoxe Titel seines neusten Buchs, einer schlanken, flott geschriebenen und trotzdem sehr grundsätzlichen Bestandesaufnahme. Grasskamp, langjähriger Beobachter des Kunstbetriebs im Spannungsfeld zwischen Geld, Macht und Politik, legt allerdings nicht einfach eine Mängelrüge vor, sondern fragt nach den Wurzeln der Misere.

Für Grasskamp sind sie struktureller Natur. Und dummerweise hat die Struktur massive betriebswirtschaftliche Folgen. Denn eine Institution, die in ihrem seit 200 Jahren gepflegten Selbstverständnis auf das Sammeln, Bewahren, Pflegen und Ausstellen von Objekten setzt, erwirbt sich mit jedem Ankauf und mit jedem Ausbau Folgekosten, die sie tendenziell nie wieder loswird. Dies gilt zwar für jedes Museum, nimmt aber vor allem bei Kunstmuseen heute beunruhigende Dimensionen an.

Das wiederum hat viel mit der Schlüsselrolle des Museums in einem hoch spekulativen Kunstmarkt zu tun. Alles beginnt harmlos und mit guten Absichten. Was im Museum landet, soll nach bisherigem Verständnis für die Zukunft gesichert sein. Doch inzwischen erhält mehr Gegenwartskunst museale Weihen als je zuvor. Für den Markt ist das zwar gut, weil das Museum als Endstation die Preise nach oben absichert. Nur ist es darüber selber zum Opfer der Marktexzesse geworden. Die Ankaufetats öffentlicher Museen sind meist lachhaft angesichts des Preisniveaus. In der Not weichen Museumsleute auf private Leihgaben aus. Aber auch deren Konservierung, Restaurierung, Erforschung und Vermittlung sind nicht gratis.

Erschwerend kommt hinzu, dass diese traditionellen Kernaufgaben des Museums gefährdet sind. Denn sie leiten sich aus einem aufklärerischen Bildungsauftrag ab, der jedoch schon länger erodiert. Kein Wunder, schliesslich setzt er bestimmte bürgerliche Wertvorstellungen voraus, die im gegenwärtigen gesellschaftlich, finanziell und kulturpolitisch unruhigen Umfeld immer mehr unter die Räder kommen.

Bei den Finanzen argumentiert Grasskamp zwar überwiegend mit der Situation in Deutschland, die er bestens kennt. Mit sarkastischem Unterton würdigt der Autor etwa die einst als «Win-win-Situationen» gepriesenen Public Private Partnerships. In Deutschland haben sie sich schon längst als konjunkturabhängige Wackelkonstrukte entlarvt. Dass sie ebenso wie das Sponsoring eine indirekte, manchmal aber auch dreist direkte Einflussnahme auf Ausstellungsprogramme nach sich ziehen können, hat schon manche Museumsdirektion schmerzhaft erfahren müssen. Auch für die Schweizer Kunstinstitutionen ist die Suche nach Modellen für eine nachhaltigere Finanzierung längst ein Dauerthema.

Dies auch, weil die öffentlichen Geldgeber, die noch am ehesten Kontinuität bieten, in Zeiten knapperer Finanzen selber unter zunehmendem demokratischem Legitimierungsdruck stehen. Wie Grasskamp feststellt, müssen sie sich wieder häufiger kritische Fragen nach Sinn und Zweck von Kultur und Kunst in unserer und für unsere Gesellschaft gefallen lassen. Sich auf den zwar edlen, aber schwammig gewordenen «Bildungsauftrag» von einst zu berufen, genügt nicht mehr.

Merkwürdigerweise stellt heute trotzdem niemand mehr die opulente Erinnerungskultur kulturphilosophisch derart grundsätzlich und aggressiv infrage wie etwa die FuturistInnen vor über hundert Jahren. Dabei liesse sich aus Grasskamps Darstellung folgern, dass es langsam wieder an der Zeit wäre, nach Sinn und Zweck des Kunstmuseums zu fragen. Nicht etwa, um es abzuschaffen – der Autor ist keineswegs ein Anhänger der These vom «Kulturinfarkt», die er als grobschlächtig geisselt –, sondern um wirklich neue Antworten auf die gesellschaftlichen Herausforderungen zu finden.

Denkt man Grasskamps Befunde zu Ende, müssten solche Antworten wohl beherzter als bisher an gewisse Tabus rühren. Etwa das der übervollen Depots und – damit verbunden – der künstlerischen Überproduktion als Wohlstandsphänomen. Immer mehr Kunstschaffende drängen ins Museum, zu Lebzeiten oder mit ihren Nachlässen. Der Autor schreckt nicht zurück vor brisanten und pointierten Formulierungen wie der «entgleisten Vorratshaltung» oder dem «zunehmenden Nachlassen». Zu Recht, denn wer wird sich künftig noch dafür interessieren?

Enormes Sehnsuchtspotenzial

Das Kunstmuseum habe «den Dekonstruktivismus noch vor sich», lautet Grasskamps plausibles Fazit. Denn die jetzt heranwachsende, von der Erfahrung der Digitalisierung und einem epochalen Medien- und Kulturwandel geprägte Generation wird nicht mehr unbedingt derart enthusiastisch an die Kunst glauben wie die BildungsbürgerInnen der Nachkriegsdemokratien. Folglich wird sie gerade bei zunehmendem Spardruck auch nicht mehr zwingend einsehen, warum sie dafür Geld lockermachen soll.

Grasskamps Analyse ist nüchtern, ja ernüchternd. Eher zwischen den Zeilen beantwortet sie die vielleicht spannendste Frage: Wodurch erklärt sich angesichts all seiner offenkundigen Probleme der Erfolg des Kunstmuseums? Es scheint ihm eben doch ein enormes Sehnsuchtspotenzial innezuwohnen. Offenbar verfügt es auch über eine tief in seiner Geschichte verwurzelte Regenerationskraft. Als Ort des Erzählens und Erlebens von und mit Bildern, der sich immer wieder neu zu erfinden vermag, als Ort der kulturellen Integration und Identitätsbildung, neuerdings aber auch als Reserve des Analogen scheint es gerade in einer digital durchgetakteten Gesellschaft Zukunftschancen zu haben. Allerdings braucht es dafür guten Willen und überzeugende neue Ideen der Vermittlung, auch an ganz neue Publikumskreise – und eben doch auch Geld. Das man übrigens auf weit dümmere Weise ausgeben kann.

Barbara Basting ist Leiterin Bildende Kunst in der Kulturabteilung der Stadt Zürich.

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