Nr. 20/2016 vom 19.05.2016

«Niemand wird dafür kämpfen, dort bleiben zu dürfen»

Die kenianische Regierung will das grösste Flüchtlingscamp der Welt schliessen. Ben Rawlence, der soeben ein Buch über das Leben in Dadaab veröffentlicht hat, erläutert die Gründe und Folgen dieser Ankündigung.

Interview: Raphael Albisser

Ben Rawlence

WOZ: Ben Rawlence, es ist nicht das erste Mal, dass die kenianische Regierung angekündigt hat, das Flüchtlingslager von Dadaab zu schliessen. Wird sie es diesmal tun?
Ben Rawlence: Für mich ist diese Ankündigung politisches Theater. Das Lager kann nicht geschlossen werden, es hat sich seit 1992 zu einer eigentlichen Stadt mit über 300 000 Einwohnern entwickelt. Die können nicht einfach verschwinden. Trotzdem bin ich beunruhigt, weil die humanitären Organisationen vor Ort wegen der Ankündigung kaum noch planen und investieren können. Alles, was für das Funktionieren dieser Stadt nötig ist, wird damit infrage gestellt.

Ein erster Schritt zur Schliessung wurde mit der Auflösung der Flüchtlingsbehörde jedoch bereits gemacht.
Das stimmt, aber die Regierung scheint selbst nicht zu wissen, wie sie nun vorgehen will. Sie rief das Uno-Hochkommissariat für Flüchtlinge und dessen Partnerorganisationen auf, die Schliessung zu veranlassen. Die werden das aber nicht tun, weil sie damit internationales Recht verletzen würden. Kenia müsste die Zusammenarbeit mit der Uno beenden und selbst die Kontrolle über das Camp übernehmen, bevor sie es schliessen könnten.

Wenn es vor allem politisches Theater ist: Was erhofft sich die Regierung davon?
Der wichtigste Faktor ist sicher, dass im nächsten Monat das Amisom-Mandat für Somalia erneuert wird …

 … die Mission der Afrikanischen Union in Somalia, für die Kenia und vier weitere Staaten Soldaten bereitstellen.
Mit ihrer Ansage erhöht die Regierung nun ihren Einsatz am Verhandlungstisch. Sie will grössere Beihilfen von den USA und von der EU erwirken. Zudem geriet Kenias Beteiligung bei der Amisom zuvor in die Kritik, weil das kenianische Militär Schmuggelgeschäfte mit der Al-Schabab-Miliz gemacht hat. Die Regierung versucht, die Debatte in eine andere Richtung zu lenken.

Die Ankündigung erfolgt aber auch aus innenpolitischem Kalkül. Denn die kenianischen Sicherheitsdienste haben bisher im Kampf gegen al-Schabab versagt – nicht zuletzt wegen Korruption. Die Regierung lenkt davon ab, indem sie die somalischen Flüchtlinge für das kenianische Terrorismusproblem verantwortlich macht.

Seit etwa fünf Jahren gibt es in Kenia regelmässig terroristische Anschläge. In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Dadaab keine Brutstätte für Terrorismus sei.
Al-Schabab geniesst dort kaum Sympathien, weil viele Menschen genau vor ihr nach Dadaab geflüchtet sind. Das Camp ist in Blöcke aufgeteilt, in denen die Leute teilweise seit Jahrzehnten zusammenleben. Dort kennt jeder jeden. Kommt hinzu, dass die Strassen um Dadaab sehr gut kontrollierbar sind. Manchmal werden tatsächlich Al-Schabab-Mitglieder im Camp verhaftet, und zwar, weil die Menschen sie der Polizei ausliefern. Die Terroristen halten sich stattdessen in Nairobi auf. Dort ist es viel einfacher unterzutauchen.

Warum will die Regierung keine permanenten Strukturen in Dadaab?
Finanziell kostet sie das Flüchtlingslager nichts. Die Antwort findet sich vielmehr im sehr stark von Stammeszugehörigkeiten geprägten politischen System Kenias. Die Regierung hat Angst, dass die somalische Minderheit zu einer grösseren politischen Macht würde, falls sich die Flüchtlinge im Land integrierten.

Gibt es aus der Bevölkerung Unterstützung für das Weiterbestehen des Camps?
Kaum, denn die Menschen haben Angst vor der gewaltsam auftretenden Regierung. Es gibt viele Menschenrechtsverletzungen etwa gegen Journalisten und zivilgesellschaftliche Aktivisten. Gleichzeitig gibt es in Kenia eine lange Tradition, die somalische Minderheit zu marginalisieren und zu dämonisieren. Auch unter denjenigen, die mit den Flüchtlingen arbeiten, herrschen viele Vorurteile.

Stellen wir uns vor, das Camp würde tatsächlich geschlossen: Wäre mit Widerstand seitens der Flüchtlinge zu rechnen?
Nein. Niemand wird dafür kämpfen, dort bleiben zu dürfen. Die Flüchtlinge haben in Kenia noch nie die Erfahrung gemacht, dass sie für ihre Rechte einstehen könnten. Einzig die Flüchtlinge, die in Dadaab Hotels, Fabriken oder Geschäfte besitzen, dürften sich gegen die Zerstörung ihrer Besitztümer wehren.

Aber viele Leute sind in Dadaab aufgewachsen, sie nennen diesen Ort ihr Zuhause.
Sie wissen, dass sie getötet werden, falls sie sich widersetzen. Ihre einzige Erfahrung mit dem Staat ist jene eines brutalen, angsteinflössenden Apparats. Darum glaube ich nicht, dass sie ihre Häuser beschützen würden.

Wo würden die Leute hingehen?
Einige würden trotz des anhaltenden Konflikts nach Somalia zurückkehren und dort versuchen, sich ein neues Leben einzurichten. Andere würden sich illegal in Nairobi niederlassen. Viele würden sich in Richtung Südafrika begeben. Ein kleinerer Teil dürfte sich aber auch nach Norden bewegen und versuchen, nach Europa zu gelangen. Bereits jetzt ist diese Tendenz feststellb ar: Als Mitte April 400 Menschen bei einem Bootsunglück im Mittelmeer ertranken, waren mehrere Leute aus Dadaab unter den Toten.

In Ihrem Buch zeichnen Sie die Leben einiger Bewohnerinnen und Bewohner des Camps nach – wie sie mit allen Widrigkeiten umgehen, wie sie Würde und Selbstachtung wahren. War das Buch Ihre persönliche Therapie gegen Zynismus?
Das ist richtig. Ich habe viele Jahre in der Politik gearbeitet. Ich machte immer die Erfahrung, dass sich die Dinge nicht ändern. So wurde ich auch in Dadaab zynisch gegenüber der Struktur und der Bürokratie des Camps, nicht aber gegenüber den Menschen. Im Buch kommt hoffentlich durch, dass diese Menschen agil sind, anpassungsfähig und unternehmerisch. Aber ihre Energie und Kreativität sind in dieser lähmenden Struktur eingepfercht.

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