Nr. 20/2016 vom 19.05.2016

Kein Gesetz hätte das verhindert

Von Susan Boos

Thomas N. bringt vier Menschen um. Er hat gestanden. Verurteilt ist er noch nicht.

Die Details der Tat braucht man nicht zu schildern. Alle kennen sie. Sie sind unvorstellbar brutal. Gerichtspsychiater versuchen nun, «das Böse» zu ergründen, ergiebig ist es bislang nicht. Könnte es aber noch werden. Denn eines hat dieses Land in den letzten Jahren nicht mehr getan: darüber nachgedacht, wie Menschen zu dem werden, was Thomas N. verkörpert.

Das Böse liess sich einfach zuordnen: «der Ausländer». SVP-Nationalrat Toni Brunner sagte kurz nach der Tat: «Die ermordete Frau hat ja am Morgen noch Euro abgehoben. Da läuten doch schon alle Alarmglocken! Da sind offensichtlich ausländische Straftäter am Werk.»

Thomas N. ist Schweizer. Einer ohne Migrationshintergrund, einer, der nie mit Straftaten aufgefallen ist. Ein stiller, junger Mann, der Hunde mag und noch bei der Mutter gelebt hat.

In den vergangenen Jahren behaupteten vor allem die Rechtsbürgerlichen, die Welt würde sicherer, wenn möglichst viele TäterInnen für lange oder immer aus der Gesellschaft entfernt würden. Man steckt sie ins Gefängnis oder deportiert sie – die lebenslängliche Verwahrung und die Ausschaffungs- respektive «Durchsetzungsinitiative» sind Ausdruck davon.

Die Gefängnisse sind voll mit Verwahrten, die zwar psychisch auffällig sind, aber keine Gewalttat begangen haben. Sie bleiben trotzdem eingesperrt, weil kein Psychiater, keine Richterin das Risiko eingehen mag, an den Pranger gestellt zu werden, wenn doch etwas passieren sollte. Und es wird immer etwas passieren.

Kein noch so scharfes Gesetz hätte den Vierfachmord von Rupperswil verhindert. Ersttäter lassen sich nicht prophylaktisch wegsperren. Es sei denn, alle Männer zwischen fünfzehn und siebzig Jahren würden inhaftiert. Doch nicht einmal das ergäbe die erhoffte hundertprozentige Sicherheit. Denn auch Frauen begehen brutale Taten, wenn auch viel seltener.

Die neue Sicherheitsdenke setzte 1993 ein. Der «Mord vom Zollikerberg» brachte die Zäsur. Ein Häftling auf Freigang brachte damals eine junge Frau um. Vorher prägten die StrafreformerInnen die Diskussion. Sie glaubten, dass scharfe Strafen die Gesellschaft nicht einfach sicherer machen. Sie gingen davon aus, dass Täter und Tat oft ein Produkt ihrer Umgebung sind. Sie waren überzeugt, viele Delikte liessen sich verhindern, wenn weniger Menschen in einen Ausnahmezustand geraten, der sie erst zu TäterInnen macht. Es ging dabei nie um Wohlfühljustiz, sondern um die virulente Frage, wie der Kriminalität am erfolgreichsten begegnet werden kann. Im Wissen darum, dass selbst die Todesstrafe nicht den gewünschten abschreckenden Effekt hat.

Nichtsdestotrotz wirkt die Rupperswiler Tat aber unfassbar brutal. Es gab in Deutschland einen ähnlichen Fall, der einiges lehrt: Jürgen Bartsch wurde 1966 verhaftet. Er war damals neunzehn Jahre alt und hatte vier Schuljungen auf grausame Weise missbraucht und zu Tode gequält. Bartsch war so unauffällig wie Thomas N. Die Öffentlichkeit verdammte ihn als «sadistische Bestie». Der US-amerikanische Journalist Paul Moor traute den offiziellen Erklärungen nicht. Er schrieb Bartsch ins Gefängnis. Bartsch fasste Vertrauen und begann, über seine Kindheit und seine Gewaltfantasien zu schreiben. Über acht Jahre hinweg tauschten die beiden Briefe aus. Daraus entstand ein einmaliges Buch: «Jürgen Bartsch: Opfer und Täter. Das Selbstbildnis eines Kindermörders in Briefen».

Bartsch wuchs in einer unvorstellbaren Kälte auf. Das rechtfertigt seine Taten niemals, aber man beginnt zu verstehen. Er war nicht als Sadist geboren. In einer anderen Umgebung hätte er wahrscheinlich ein unauffälliges Leben gelebt. Bartschs Briefe hatten in den 1970er Jahren eine Debatte über Erziehung ausgelöst, die Generationen zugutegekommen ist.

Diese Erkenntnis ermöglicht es, über das Böse nachzudenken, ohne sich gleich nach mehr Überwachung und härteren Strafen zu sehnen. Man könnte verlangen, dass nun alle ihre DNA abliefern müssen, damit künftig Täter schneller gefasst werden. Damit wäre aber keine derartige Tat verhindert. Repression allein hilft nicht weiter.

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