Nr. 21/2016 vom 26.05.2016

Frühzeitig ausmerzen

Susi Stühlinger über pränatale Verbrechensprävention

Von Susi Stühlinger

Schon der Mystiker und Alchemist Karl von Eckartshausen wusste: Die Gesetze der Natur waren überall die nämlichen. So verhielt es sich mit einem Täter in gewisser Hinsicht wie mit seinen Opfern, wobei den Medien in diesem Fall jene Aufgabe zufiel, die andernfalls allerlei Insekten, Würmern und Mikroben vorbehalten war: Man musste «quasi in den Täter hineinkriechen» («SonntagsZeitung»), ihn langsam Stück für Stück ausweiden und gewissermassen zersetzen, auf dass er verdaulich würde, ein langer und intensiver Prozess.

Erste, interessante Erkenntnisse lieferten Untersuchungen auf dem Gebiet der Kraniometrie, auch bekannt als Lehre von der Schädelvermessung, die der «Blick» zum Wohle der Allgemeinheit veranlasst hatte. Die bereits vor über einhundert Jahren erfolgreich praktizierte Wissenschaft förderte Erschreckendes zutage: Das markante Kinn, die rechteckige Stirn, die geradlinig-spitz zulaufende Nase und der aussergewöhnliche Nasen-Oberlippen-Abstand sowie das ausgeprägte Innenohr, das obere Drittel des Aussenohrs (Zeichen für ausgeprägte Sexualität), die kräftigen Augenbrauen und die weiche Haut – rückblickend fiel es einem wie Schuppen von den Augen: Hätte man die Zeichen doch nur früher erkannt, so hätte die Bestie in Sicherheitsgewahrsam genommen, hätte ein grausamer Vierfachmord verhindert werden können.

Angesichts dessen stellten sich auch hinsichtlich der nahenden Abstimmungen Fragen, die einige vielleicht voreilig gefasste Parolen ins Wanken brachten: Wäre etwa die Präimplantationsdiagnostik eine Chance, um solch problembehaftete Subjekte künftig frühzeitig auszumerzen, wenn sich bereits im Genmaterial eine geradlinig-spitz verlaufende Nase, ein ausgeprägtes Innenohr oder ein aussergewöhnlich grosser Nasen-Oberlippen-Abstand abzeichnete? Und war es in Ordnung, dass ein Vierfachmörder einen Gratisanwalt gestellt bekam? Wenigstens war es nur eine Frau aus einer Frauenkanzlei, und für die war das Mandat immerhin «ein Sprungbrett zum Erfolg», wie die «SonntagsZeitung» mutmasste. Oder die Erkenntnis, wie motivierend sich eine Prämie von 100 000 Franken auf die Arbeitsmoral der Polizeikräfte auswirkte, sodass in Erwägung gezogen werden musste, ein solches Vorgehen flächendeckend zu praktizieren, um den Service public nachhaltig zu stärken, da die Kader von Staatsbetrieben dank eines solchen Anreizes trotz Lohndeckel gewillt sein würden, ihre Arbeit zu erledigen?

Weiter erwies sich auch, wie nützlich die nach wie vor kriminalisierte Auswertung von Handydaten war, sodass es naheliegend war, derlei Methoden viel häufiger anzuwenden, auch bei vergleichbaren Taten, die «in Richtung Kapitalverbrechen» gingen, wie Reto Nause, Sicherheitsdirektor zu Bern, anlässlich des Steinwurfs auf ein Einsatzfahrzeug der Feuerwehr ausgeführt hatte, was Anlass dazu gab, sich zu überlegen, das Bundesüberwachungsgesetz aus strategischen Gründen abzulehnen, weil es nämlich viel zu wenig weit ging.

Zusammengefasst konnte man aus dem Geschehenen allerlei Lehren ziehen, die der Nation noch nützlich sein dürften.

Susi Stühlinger hegt Mitgefühl für die Angehörigen der Opfer, nicht aber für diejenigen mancher Redaktionsstuben.

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