Nr. 25/2016 vom 23.06.2016

Zwei Stunden Überwältigung

Das Alterswerk der Swans übertrifft alles, was die Band je gemacht hat. Das epische neue Album «The Glowing Man» ist leider das letzte in der aktuellen Besetzung.

Von David Hunziker

Geradeaus in den Rausch oder Wahnsinn: Michael Gira (vorne) und Christoph Hahn von den Swans. Foto: nriko.com

Um die Musik seiner Swans zu beschreiben, greift auch Atheist Michael Gira gern zur Religion. Er spricht von Gebeten, Zenmeditationen und der Unendlichkeit. Kein Wunder, stossen irdische Worte bei dieser Musik an ihre Grenzen: Sie ist kein Träger von Ideen, eher ein monumentales Ritual. Manchmal teilt sich Gira durch seine Mantras dennoch mit. «Surreeeeeeeender!» und «Take us!», stöhnt er im ersten Stück von «The Glowing Man», dem aktuellen Swans-Album. Hier kündigt sich ein Ende an, das Ende der Swans in der aktuellen Besetzung, wie Gira verlautete. Die Zukunft der Band ist ungewiss. Ein eigentliches Abschiedswerk ist das Album dennoch nicht geworden, es geht ganz einfach weiter auf dem Terrain, das die Band in den letzten Jahren so souverän bespielt hat.

Ohr am Abgrund

Seit ihrer Rückkehr im Jahr 2010 sind die Swans in ihre kreativste Schaffensphase eingetreten. «The Seer» und «To Be Kind», für die sich Gira durch die Finanzierung mittels Crowdfunding völlige künstlerische Freiheit bewahrt hat, sind die wohl besten Werke in einer ohnehin schon eindrücklichen Diskografie. Radikal, verstörend und wunderschön. Auf «The Glowing Man» betreiben die Swans im Grunde noch einmal das, was schon jene Alben so grossartig gemacht hat: zwei Stunden rituellen Überwältigungsrock. Diese Musik verlangt zwar einiges an Geduld – drei Songs auf dem Album dauern mehr als zwanzig Minuten –, aber wenn man sich auf sie einlässt, wird man unweigerlich hineingezogen.

Das Album beginnt ganz friedlich, mit einer Wolke aus sanften Tremologitarren, einem klimpernden Piano und ein bisschen Synthie-Nebel. Darin zeigt sich eine Grundtendenz des Albums: Es ist ausgeglichener, klanglich homogener als seine Vorgänger. Ihm fehlen der nackte Wahnsinn von «The Seer» und die zügellosen Ausbrüche von «To Be Kind». Und mit dem fast schunkligen Gospeltrack «Finally, Peace» wird es am Schluss sogar richtig versöhnlich. Doch hört man etwas genauer hin, tun sich die Abgründe auf.

Durch «Cloud of Unknowing» geistern Zombies und Monster, in «Frankie M» ringt ein Junkie um sein Leben. Am heftigsten ist «When Will I Return?». In diesem Stück singt Giras Frau Jennifer als Gastsängerin davon, wie sie einmal beinahe vergewaltigt wurde. Das Stück wirkt noch befremdlicher, wenn man den aktuellen Kontext mit bedenkt: Michael Gira selbst wurde kürzlich der Vergewaltigung beschuldigt, von der Singer-Songwriterin Larkin Grimm, deren Album er produziert hatte. Gira behauptet, die Annäherung sei einvernehmlich geschehen.

Doch die Swans der vergangenen Jahre suhlen sich nicht in der Düsternis; sie zielen auf die Erlösung ab. Nachdem Jennifer Gira sich mit zerbrechlicher Stimme durch Zeilen wie «When will this pig-man stop?» gekämpft hat, wiederholt sie trotzig und immer wieder das Mantra «I’m alive!». In «Frankie M» bäumen sich zunächst unzählige Klangschichten zu einem atonalen Höhepunkt auf, bevor dann der Lärm nach über elf Minuten abrupt abbricht und eine beschwingte, repetitive Gitarrenfigur einsetzt. Dazu zählt Jennifer Gira verschiedene Suchtmittel auf – Heroin, Opium, Meth, MDMA –, und die Musik, die man da gerade hört, könnte man problemlos hinzuzählen. Diese zärtlichen Momente, in denen sich die Anspannung für eine Weile löst, wirken umso tröstlicher.

In ihren Anfängen tendierten die Swans zum Nihilismus. Die Band hat ihre Wurzeln in der No-Wave-Bewegung, die um 1980 in New York die Rockmusik dekonstruierte. Die Band spielte damals Noise und Industrial – alles, was unerträglichen Lärm produziert. Wegen der kriminell hohen Lautstärke wurden ihre Konzerte regelmässig von der Polizei beendet. Gira wurde immer wieder ausfällig, attackierte Fans, etwa, wenn er sie beim Headbangen erwischte. Er trat ihnen auf die Finger, wenn sie sich auf die Bühne lehnten, oder riss ihnen an den Haaren.

Es scheint, als habe Gira diese Gewalt in den letzten Jahren in musikalische Verdichtung umgewandelt. Was die Swans spielen, sind keine eigentlichen Songs, eher apokalyptische Krautrock-Jams, aufbauend auf Reihung und Repetition als minimale kompositorische Mittel. Ein ständiges An- und Abschwellen, geradeaus in den Rausch oder Wahnsinn. Um diese Wirkung zu entfalten, braucht es Zeit.

Fünfzigfaches «No!»

Fast eine halbe Stunde Zeit nehmen sich die Swans für den epischen Titeltrack und Höhepunkt von «The Glowing Man». Den Beat, der nach einer Viertelstunde etwas Ordnung stiftet, leitet die Band mit einem höllischen Crescendo ein. Gnadenlos hämmert ein minimalistischer Riff vier Minuten lang drauflos. Die Spannung steigt ins Unerträgliche. Es folgen ein eruptiver Trommelwirbel, ein paar assoziative Klangfetzen, die an die obskursten Momente der frühen Pink Floyd erinnern, und das totale Chaos, wenn einfach mal alle Instrumente so laut spielen, wie sie können.

Am Anfang des Stücks schreit Gira geschätzte fünfzig Mal das Wort «No!» in die Welt hinaus. Trotzdem ist diese Musik nicht mehr Ausdruck von Verweigerung. Sie rührt an etwas ganz Einfaches, das uns alle berührt. Gira nennt es Liebe.

Live: 28. Oktober 2016, Kaserne Basel.

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