Nr. 26/2016 vom 30.06.2016

Die Geisterbahn der Konsumkultur

Ganz schön krude und darum von ungebrochener Brisanz: US-Regisseur John Carpenter (68) kommt als Ehrengast ans diesjährige Filmfestival in Neuenburg – und spielt dort auch ein Konzert mit seinen Filmsoundtracks.

Von Johannes Binotto

In John Carpenters «They Live» (1988) findet ein Tagelöhner aus den Slums von Los Angeles einen Karton Sonnenbrillen, mit denen man hinter die Fassaden der Konsumwelt blicken kann. Auf Zeitschriftencovern, Werbebannern und Fernsehschirmen sieht er nun deren eigentliche Botschaften prangen: «Gehorche!», «Konsumiere!», «Reproduziere!», «Schlaf weiter!» steht in fetten Lettern, wo der unbebrillte Blick nur Nachrichten und Werbung sah. Und die Dollarnoten zeigen statt des Konterfeis der Präsidenten den Satz «This is your God!». Schliesslich entpuppen sich auch die Mächtigen im Blick durch die Brille als das, was sie eigentlich sind: Aliens mit Totenkopffratzen. Der Banker, der neben dir am Kiosk steht, oder die reiche Dame im Supermarkt – alles lauter Monster um uns herum.

Das Auto als Mörder

Das Publikum freilich brauchte keine besondere Brille, um dies als Allegorie auf den US-Kapitalismus der Reagan-Ära und deren republikanische Elite zu erkennen. Gewiss, Carpenters Kritik ist so hemdsärmlig wie sein lumpenproletarischer Protagonist, doch genau in solcher Krudheit steckt die ungebrochene Brisanz seiner Filme, die jetzt in Neuenburg mit einer grossen Retrospektive geehrt werden. Dass das Horrorkino ein zutiefst politisches Genre sei, haben die systemkritischen Regisseure aus Carpenters Generation, wie Wes Craven, George Romero oder David Cronenberg, schon seit den siebziger Jahren vorgeführt. Gerade weil der Horrorfilm von der ernsthaften Kritik so gerne als niederer Nervenkitzel übersehen wird, bietet er Freiräume, die den respektableren Regisseuren verwehrt sind. So konnte etwa George Romero mit «Land of the Dead» einen derart ätzenden Film über Klassenkampf in den nuller Jahren machen, indem er die unterdrückten Arbeiter als Zombies verkleidete.

Ähnlich dienen John Carpenter die Versatzstücke des Horrorfilms als Mittel einer anarchistischen Kritik an den herrschenden Verhältnissen. Seine Monster sind somit wörtlich zu nehmen: Sie dienen der Demonstration, durchaus auch im Sinn der politischen Agitation. So erweist sich in «Christine» (1983) ausgerechnet das Automobil, dieses Statussymbol und die Verkörperung amerikanischer Fortschrittshoffnung, als mordendes Monstrum. «Life’s a Highway», singt Bruce Springsteen – «aber der Highway ist eine Geisterbahn», fügt Carpenter hinzu.

Wie die Brille in «They Live» sind Carpenters Horrorwesen Medien, die erlauben, eine systemische Gewalt aufzudecken, die hinter den properen Fassaden der Alltagskultur lauert. In einem Interview hat Carpenter einmal bemerkt, dass er bis heute besonders von Obdachlosen auf seinen Film «Prince of Darkness» (1987) angesprochen werde – wohl vor allem deswegen, weil sich diese in jenen verlorenen Figuren wiedererkennen, die dazu verdammt sind, als Knechte Satans um die verlassene Kirche zu streichen, in der der Film spielt. Gibt es ein schockierenderes Sinnbild für das Elend der Randständigen als die Grossaufnahme des Kaffeebechers, den die zerlumpte Frau dem Priester entgegenstreckt und in dem sich keine Almosen, sondern nur Dreck und Maden befinden? Jene, die man auf Englisch heute «disenfranchised» nennt, denen die «bessere» Gesellschaft ihre Bürgerrechte entzogen und die man gänzlich an den Rand verdrängt hat, kehren in Carpenters Filmen wieder – camoufliert und doch gut erkennbar hinter Hockeymaske («Halloween») und Nebelschwaden («The Fog»).

Louis Althussers These, wonach politische Ideologien nicht etwa abstrakte Denkgebäude, sondern materielle, handfeste Erscheinungen sind, die sich in konkreten Praktiken zeigen, wird bei Carpenter in exzessiven Bildern ausbuchstabiert. Seine KritikerInnen haben das als Pornografie des Ekelerregenden verkannt. Tatsächlich aber erweisen sich etwa die zügellosen visuellen Effekte in «The Thing» (1982) als monströse Demonstration des Klimas der Paranoia, um die es im Film geht. Das titelgebende Ding ohne Namen, das andauernd seine Form wechselt und sich alles einzuverleiben vermag, was sich ihm in den Weg stellt – es ist nichts anderes als materialisierte Ideologie, wuchernde Verkörperung imperialer Hegemonieansprüche wie auch der damit einhergehenden Verlustängste.

Totenkopf mit Toupet

Kurz nach Steven Spielbergs «E. T.» in die Kinos gekommen, zeigt der direkte Vergleich mit dem familienfreundlichen Blockbuster nur noch schärfer, warum Kritik und Publikum «The Thing» so wenig goutiert haben. Denn während Spielbergs freundlicher Ausserirdischer letztlich nur dazu dient, den kindlichen Glauben ans amerikanische «home» zu restaurieren, höhlt Carpenters Ding solche Fantasien restlos aus.

Aus heutiger Perspektive erweist sich diese Vision freilich als möglicherweise hellsichtiger, und Carpenters fatalistischer Schlusssatz («Why don’t we just wait here for a while and see what happens?») könnte auch gut als Beschreibung jener Ratlosigkeit dienen, die einen gegenwärtig angesichts um sich beissender Ideologien ergreift. In diesen Tagen findet man auf Twitter wieder Bilder, die an «They Live» angelehnt sind: mit einem Totenkopfzombie mit blondem Toupet. Carpenters Demonstrationen sind wohl leider nötiger denn je.

Fantastische Filme in Neuenburg

Synthesizer des Grauens

Am Festival des fantastischen Films in Neuenburg (NIFFF) wird John Carpenter nicht nur als Regisseur gewürdigt, sondern auch als Komponist seiner eigenen Soundtracks. Während sein letzter Film «The Ward» sechs Jahre zurückliegt, sind seit letztem Jahr gleich zwei neue Platten von ihm erschienen, mit Instrumentalstücken, die er mit seinem Sohn Cody eingespielt hat. Die Tracks auf «Lost Themes» und «Lost Themes II» klingen dabei wie Filmmusik für nie gedrehte Horrorfilme, mit Synthesizern wie aus der Retro-Chilbi. Carpenter erweist sich hier als Jean-Michel Jarre des Grauens, und ironischerweise hat er für diese beiden Platten bessere Kritiken bekommen, als er es mit seinen Filmen gewohnt ist.

Jenseitige Töne werden am NIFFF aber auch im internationalen Wettbewerb zu hören sein – zum Beispiel und namentlich von Daniel «Harry Potter» Radcliffe, der in dem bereits notorischen Nonsensfilm namens «Swiss Army Man» eine furzende Leiche spielt, die einen glücklosen Selbstmörder rettet. Unter den weiteren Attraktionen im Wettbewerb finden sich Zombies in Bollywood («Miruthan»), ein beklemmendes Haus im Teheran der achtziger Jahre («Under the Shadow») oder ein polnisches Musical über kannibalistische Meerjungfrauen in einem Nachtclub («The Lure»). Noch mehr meerjungfräuliches Empowerment gefällig? Das gibts in der chinesischen Öko-Actionkomödie «The Mermaid» von Regisseur Stephen Chow, wo eine schlagkräftige Meerjungfer gegen böse Investoren kämpft.

Florian Keller

Neuchâtel International Fantastic Film Festival in: Neuenburg, 1.–9. Juli 2016. Konzert von John Carpenter: Théâtre du Passage, Dienstag, 5. Juli 2016, 20 Uhr. Programm und Tickets: www.nifff.ch.

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