Nr. 27/2016 vom 07.07.2016

Ein bisschen Subversion, bitte!

In Boldern traf sich einst die gesellschaftspolitische Avantgarde. Seit langem sucht das Begegnungszentrum eine angemessene Aufgabe. Nun gibt es ein neues Konzept. Schwierig, aber vielversprechend.

Von Stefan Howald

Als die Frauen noch zu Hause bleiben mussten: Teilnehmer einer Tagung im neuen grossen Konferenzsaal des Zentrums Boldern um 1950. Foto: Archiv boldern

Der Tellerservice ist abgeschafft. Das Essen im Hotelrestaurant wird an jedem Tisch in grossen Schüsseln serviert. Das soll ein knappes Zeichen setzen für den gemeinschaftlichen Geist im evangelisch-reformierten Begegnungszentrum Boldern im zürcherischen Männedorf.

Im kürzlich renovierten Empfangsbereich ist eine Ausstellung zur Geschichte des Zentrums aufgebaut, mit Fotografien, Texten, Broschüren. «Subversion – Repression» hiess ein Materialienband von 1976. Die Befreiungstheologie wurde diskutiert, dann die feministische Theologie, und mit der religiös-sozialistischen Bewegung gab es einen regen Austausch. Ja, Boldern repräsentierte in den siebziger und achtziger Jahren die gesellschaftspolitische Avantgarde, verbunden mit Namen wie Marga Bürig, Hans Strub und Reinhild Traitler. Entsprechend umstritten war das Zentrum in der kantonalen Kirchensynode und wurde von rechtsbürgerlichen Kreisen angegriffen.

In den letzten Jahren allerdings erschütterten Boldern vor allem diverse finanzielle und strukturelle Probleme, die beinahe zum Aus führten. Nun versucht ein neues Team den Neuanfang.

Auf der Suche nach Liquidität

Ursprünglich wurde Boldern 1948 mit zwei Häusern als reformiertes Jugendheim eröffnet. Als Tagungszentrum zog man bald mehr Erwachsene an, der erste Bau wurde durch Zusatzgebäude stetig erweitert. Auch nach den gloriosen Hochzeiten erklangen immer wieder starke Töne: In den neunziger Jahren wurde ein «Europa von unten» gesucht und 2002 gegen die einsetzende Islamophobie ein «Zentrum für interreligiöses Lernen» lanciert.

Trotzdem liess der Umbruch der Bildungslandschaft die Nutzungszahlen einbrechen. 2012 wandte sich die kantonalzürcherische Kirche von Boldern ab und verlagerte ihre Bildungsarbeit nach Kappel hinter den Albis.

Boldern dümpelte derweil vor sich hin und häufte Defizite an. Angesichts der finanziellen Lage gab es Pläne, das Tagungszentrum auf ein Hotel garni zu reduzieren. Dagegen präsentierte im April 2014 eine achtköpfige «Spurgruppe» ein neues Konzept: Das Tagungszentrum wird vollumfänglich weiterbetrieben, gemäss dem ursprünglichen Grundsatz «Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung verpflichtet». Der bisherige Trägerverein soll in einen Förderverein überführt, das Vermögen in eine Stiftung eingebracht und das Hotel betrieblich verselbstständigt werden. Dieser 2015 von einer Generalversammlung abgesegnete strukturelle Umbau ist teilweise vollzogen. Die Hotel Boldern AG wurde Ende 2015 geschaffen, mit dem noch bestehenden Trägerverein als einzigem Aktionär. Dagegen verzögert sich der Aufbau der Stiftung aus juristischen Gründen.

Boldern bekommt zwar von der Kantonalkirche kein Geld mehr. Es zahlen aber noch gut 100 der 170 Kirchgemeinden des Kantons einen Beitrag als Kollektivmitglieder, was ihnen ein Stimmrecht einräumt. Das Verhältnis zu Kappel sieht man in Boldern mittlerweile entspannt. In Kappel ist Spiritualität das Motto, das Angebot reicht von Atemübungen bis Zen. Da bleiben eine beträchtliche Lücke und eine Aufgabe: Religion als soziale, gesellschaftspolitische Kraft. «Eine kritische Instanz kann die Kirche ja wohl gebrauchen», sagt Madeleine Strub-Jaccoud, die jetzige Präsidentin des Trägervereins.

Goldküsten-Goodwill

Der Erfolg des Konzepts hängt kurzfristig auch von der Liquidität ab. Der renovierte Gebäudekomplex ist im vergangenen September als Dreisternehotel neu aufgegangen. Durch den Ausbau des Angebots wurde der Umsatz gesteigert, allerdings auch der Betriebsverlust. Der Verkauf des 1959 erworbenen Boldernhauses an der Voltastrasse in Zürich hat netto fünf Millionen Franken in die Kassen gespült, die jedoch weitgehend zur Schuldentilgung und für Sanierungen eingesetzt werden mussten. Weiterhin bestehen beträchtliche Landreserven, die in einem Quartierplanungsverfahren für einen möglichen späteren Verkauf verfügbar gemacht werden sollen.

Liegenschaftenverkauf. Landaufwertung. Ist das ein Ausverkauf, wie langjährige Mitglieder gelegentlich befürchten? Nun, in der Krise gab es wohl keine Alternative. Boldern muss austarieren: kommerzielle Tagungen ebenso anziehen wie solche von Organisationen, die sich am Vereinszweck orientieren. Es muss die schöne Lage über dem Zürichsee nutzen und stärker als Familien- und Ausflugsrestaurant wahrgenommen werden.

Auf jeden Fall herrscht Aufbruchstimmung. Neben dem Hotelbetrieb gibt es drei weitere Tätigkeitsbereiche. Sieben Jugendlichen wird gegenwärtig eine begleitete Tagesstruktur mit Wohnen angeboten. Die 1953 gestarteten «boldern!texte» erscheinen weiterhin sechsmal im Jahr als Broschüre in einer Auflage von 3000 Exemplaren. Schliesslich wird diesen Sommer ein neues Kulturprogramm lanciert: «Boldern inspiriert», mit Lesungen und Debatten, schwergewichtig zum Thema Migration.

Boldern liegt in einer Goldküstengemeinde; das hat gelegentlich zu Spannungen geführt oder zu kühler Distanz vonseiten der Standortgemeinde. Ein jüngstes Gespräch mit dem Gemeinderat hat allerdings laut Strub-Jaccoud erfreulich viel Goodwill für den Neustart erkennen lassen.

Männedorf ist statistisch zur Stadt geworden, gibt sich aber weiterhin behäbig dörflich. Boldern könnte ein wenig regionale Urbanität anbieten. Ein wenig Subversion sollte es auch noch sein, wurde an der Generalversammlung Ende Juni gewünscht.

www.boldern.ch

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